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arbeit im land der literatur

Harald Gsallers rhetorische Wiese


Harald Gsaller: Wiese. Einfälle und Ausfunde

Wien: Triton 2000

Rezensiert von: hermann götz


Harald Gsallers Wiese ist in gewisser Weise ein unfertiger Text. Ein eigenwilliges literarisches Arbeitsbuch, könnten wir sagen, das erst durch seine Anwendung zur Vollendung gelangt. Bücher zu schreiben, Bücher zu lesen, kann eben auch Arbeit sein. So viel Binsenweisheit voran. Wie auch Futscher, bringt uns Gsaller durch seine kauzig angelegte Poetik-Warte dazu, den literarischen Produktionsvorgang wieder verstärkt ins Auge zu fassen. Doch geht er dabei sehr penibel vor. Trotzdem ist ihm ein Buch gelungen, dass ich eher vergnüglich, denn anspruchsvoll nennen will – fun-factor größer 1, könnten wir sagen.

Das Buch: Wiese ist kein Wald und Wiesenbuch, auch wenn es so aussieht. Das Titelbild gemahnt in seiner Einfalt an ein billiges Kalender-Cover, wofür vor allem Albrecht Dürers großes Rasenstück verantwortlich ist, das schlicht auf eine weiße Fläche gesetzt wurde. Dürers Naturstudien sind ein Klischee. Sie transportieren nicht nur einen gefälligen Blick auf eine Vielfalt von Details, sondern auch einen Hauch deutscher Gründlichkeit. Dahinter aber steckt ein systematisch veranlagter Forschungsdrang und eine mittelalterlich religiöse Kreativität, die wie eine Kamera der Natur stets eine versteckte Komposition entlockt. Zugleich gilt Albrecht Dürer als erster deutscher Maler, der mit der Ästhetik der italienischen Frührenaissance und dadurch mit der klassischen rhetorischen Theorie, die dieser zu Grunde liegt, vertraut war. Damit, könnten wir sagen, offenbart uns der alte Meister schon das halbe Konzept zum Gsaller-Buch. Das Konzept ist schon auf der Innenseite des Buchdeckels abgebildet. Als eine Art Brain-Storming-Geschmiere (was scheinbar dem intendierten Charme dieses Buches entspricht). Es ist aber auch sauber ausformuliert in der Einleitung nachzulesen. Wiese ist der rhetorischen Tradition verpflichtet, bzw. der historischen Entfaltung und Verschiebung des Begriffs topos und dessen, was topoi sein können. Für Gsaller sind topoi erstens Fundorte, also „Suchformeln und in ihrer Gesamtheit ein Gedankenreservoir, aus dem die passenden Gedanken ausgewählt werden können“. Zweitens aber (einer Barocken Handhabe folgend) Sammelbecken für Gemeinplätze und Fertigfabrikate. Suchformeln sind ihm die Fragewörter wer?, was?, wo?, womit?, warum?, wie?, wann?, sein Sammelbecken, seinen ordnenden Ort, bildet die Wiese (und alles, was dem Dürerbild nach so dazugehört).

Das Spiel: Von diesen rhetorischen Parametern geleitet, durchsucht der Autor seinen Sprachschatz nach „Fangfund“ und fertigen Wald- und Wiesensätzen um diese spaßhalber halblang vor uns aufzulisten. Das Denkspiel besteht darin, die Sätze den zweifachen topoi zuzuordnen, bzw. die vorgegebene Zuordnung nachzuvollziehen. (Etwa: Himmel / wer: „Kastraten bekommen keine Akne“; Gras / was: „Wir schlafen, weil nur da unsere Ohren in den Kopf kommen“; Halm / wer: „Berghoden, Talhoden“.) Wer weiter spielen mag, darf weiter denken, darf der Spielwiese das Wasser reichen, die Sätze in einem eigenen, persönlichen Zusammenhang erkunden und verwerten. Was nicht unbedingt eine Neuheit ist. Schon für Walther Killy machte eine derartige „Offenheit“ die eigentliche Qualität eines modernen Textes aus. Hier aber wird ein solcherart kreatives Lesen ausdrücklich empfohlen. Und auch anhand von Beispielen vorgeführt:

Exemplarische Anwendungen erfährt diese Literatur-Spiel-Methode nämlich durch Brigitte Falkner, Franzobel und Bodo Hell. Falkner etwa macht sich für ihr höchst humoriges Pseudodrehbuch einen Satz Gsallers zum Motto, um darauf aufbauend ihren eigenen – eigentlichen – Leitfaden zu etablieren, der sich in insgesamt 61 Fußnote niederschlägt. Franzobel hingegen handhabt das Spiel wie eine Stichwortgeschichte, baut Gsallers Wörter und Sätze nach Biegen und Brechen ein in seinen Text, der davon ungestört im zügigsten Erzählton strahlhart erotisch seinem Ende entgegenbrodelt. Hell wiederum errichtet um das Übernommene geschickt einen grammatikalisch komplexen, dichten Text, der die Gsallersätze und Wörter richtiggehend zuschüttet, verschwinden lässt in einem schrullig fachsprachlich durchsetzten Redestrom. Ziel: bewegte Namen, könnten wir sagen. Fazit: Probieren Sie´s doch auch einmal!

P.S.: In diese Besprechung wurden (neben den Beispielen) mindestens 5 Elemente aus Gsallers rhetorischem Leitfaden eingebaut. Wer suchet der findet.
P.P.S.: „Jedem Menschen sollte bei wiederholten Verstößen das Sternzeichen entzogen werden.“