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bond oder colombo

harald ditlbacher | bond oder colombo

James Bond: Moonraker (1979). Columbo: Murder Under Glass (1978). Zwei Filme, zwei Möglichkeiten

James Bond ist bekanntlich ein vielbeschäftigter Mann. Bevor er seinen neuen Auftrag erhält, ist er in einem Flugzeug der British Airways gerade mit dem linken Oberschenkel einer Stewardess beschäftigt. Bald schon fliegt er aus dem Flugzeug raus, – ohne Fallschirm; diesen muss er erst im freien Flug dem Piloten abknöpfen. Der Pilot wird dieses Abenteuer nicht überleben, aber das geschieht ihm nur recht, schließlich hat er mit dem Unsinn angefangen. Dann muss Bond noch den Beißer abwehren, und als er endlich im Hauptquartier ankommt, sagt M. ziemlich genervt: „Na endlich, 007.“ Er bekommt Instruktionen von M. und eine Spezialwaffe von Q. und schon geht es ab nach Kalifornien, wo er mit einem Hubschrauber in die Residenz des Bösewichtes, des Raumfahrtindustriellen Hugo Drax, gebracht wird. Drax, ganz in Schwarz, sitzt am Steinway, spielt Für Elise, und Bond weiß sofort, dass er der Bösewicht ist. Nachdem Drax ihn vergeblich zu einem Gurkensandwich zu überreden versucht, besichtigt er mit der attraktiven Dr. Goodhead den Zentrifugentrainer. Beim Start einer Raumfähre wirken etwa 3 G, bei 7 G werden die meisten Leute ohnmächtig, 20 G wären tödlich. Natürlich muss Bond die Maschine ausprobieren, natürlich nutzt der Bösewicht die Gelegenheit zu einem ersten Mordversuch, und selbstverständlich überlebt Bond 13 G ohne ohnmächtig zu werden. – Was für ein Leben!

Bond begegnet seinem Gegenspieler in der vierzehnten Minute, Columbo dem Mörder bereits in der zehnten. Was er vorher gemacht hat, erfährt man nicht, nur so viel, dass er keine Zeit mehr hatte, zu Abend zu essen, und es ist schon nach 22 Uhr. Glücklicherweise ist Albert, der Bruder des ermordeten Koches, auch Koch und so bekommt Columbo zuerst einmal Muscheln vorgesetzt, deren vorzügliche Zubereitung er gleich mit dem Mörder, einem Gastronomiekritiker, bespricht. Dann bekennt er, immer schon ein großer Bewunderer von dessen Kochsendungen gewesen zu sein, er berichtet von seinen Erfahrungen als Hobbykoch und vom mangelnden Interesse Mrs. Columbos am Kochen. Er könnte noch viel Zeit mit Smalltalk verbringen, doch der Mörder will nicht länger warten und kommt zum Thema. Zwei Männer mit unterschiedlichen Stilen und unterschiedlichen Methoden. Der eine hetzt um die halbe Welt (London, Kalifornien, Venedig, Rio de Janeiro, Guatemala, Weltraum), der andere kommt aus Los Angeles nicht hinaus. Der eine nutzt jeden technischen Schnickschnack, der andere kommt mit einem Notizblock aus. Der eine fliegt mit der Concorde und der andere fährt mit seinem Peugeot. Der eine ist meistens in Eile, während der andere warten und vor allem die anderen warten lassen kann. Sowohl Bonds als auch Columbos Bösewicht arbeiten mit Gift. Bei Bond ist es das Gift einer Orchidee, bei Columbo das Gift eines Kugelfisches. Beide Gifte sind überaus selten. Nun, wie entdecken die beiden Herren jeweils das Gift? Bond öffnet mithilfe einer Miniröntgenmaschine einen Safe (in Kalifornien), in dem er die Pläne für die Gefäße des Giftes findet (die er mit einer Mikrokamera fotografiert). Am Herstellungsort dieser Gefäße (in Venedig) schleicht er sich in ein Labor ein, in dem gerade Experimente mit diesem Gift durchgeführt werden. Er ergattert eine Probe davon, die später analysiert wird. Das ganze endet mit einer Verfolgungsjagd. Columbos Laborleute können zwar feststellen, dass der Koch vergiftet wurde, aber sie können das Gift nicht bestimmen. Zwar ist die Frage nach der Natur des Giftes nicht Columbos Hauptproblem – hinter seinem Rasierspiegel steckt ein Zettel mit der Frage: „Wie kam das Gift in den Wein?“ –, aber er stolpert quasi über die Antwort. Als er abends den Mörder besucht, sitzt der mit einem japanischen Gast beim Abendessen. Columbo wird zu Tisch gebeten und bekommt eine Kostprobe einer japanischen Spezialität. Rohen Kugelfisch. Absolut tödlich, wenn er nicht richtig zubereitet ist. Und Columbo kombiniert. Was für ein Zufall, mag man meinen. Aber der Zufall wird wahrscheinlich, wenn man bloß lange genug wartet. Jeder verrät seine Geheimnisse irgendwann, ob er will oder nicht, und schneller geht es, wenn man seine Eitelkeit anstachelt. Eine andere Frage ist, ob Columbos Methode auch in Bonds Fall funktionieren könnte. Nun, Columbo hätte nicht wie Bond mit der Hubschrauberpilotin geflirtet, sondern ihm wäre schlecht geworden und er hätte irgendetwas aus ihr herausgebracht. Mit dem Bösewicht Drax hätte er sich zuerst übers Klavierspielen unterhalten und dann über dessen bemerkenswertes Haus und über den Park. Er hätte nicht die Weltraumfabrik besichtigt (und wäre so dem ersten Mordanschlag entgangen), sondern wäre Drax nicht von der Seite gewichen. Er hätte sich den Garten zeigen lassen, er hätte von seiner Frau erzählt und von ihrer Liebe zu Pflanzen. Und wer weiß, vielleicht wäre er im Gewächshaus auf die Orchideen gestoßen … Beide, Bond wie Columbo, sind einer zunehmend technisierten Welt ausgesetzt, aber sie gehen gegensätzlich damit um. Aber beide müssen die Suppe auslöffeln, die sie sich einbrocken. Bond ist immer vorne dabei, er hat immer die neuesten Prototypen, er benutzt die neuesten Verkehrsmittel und Kommunikationstechniken. Und dementsprechend sehen seine Geschichten auch aus. Ständig muss er herumeilen und jagen, alles wird kompliziert und gefährlich, er hat (vermutlich) keine Freunde, seine Wohnung dürfte eher verwaist sein und er vögelt jede Frau, die halbwegs annehmbar aussieht. Das alles hält er nur aus, weil er starke Nerven hat, beste Kondition, Mut und Witz. Und so hat er in den letzten dreißig Jahren auch einige Schauspieler verbraucht, – einer alleine würde das nicht aushalten. Columbo ist, was Technik betrifft, immer einer der letzten. Wenn es notwendig ist, lässt er sich die Dinge erklären, etwa ein Faxgerät, einen Videorekorder, einen Computer oder ein Handy. Ganz langsam lässt er sich die Dinge erklären und fasst die Erklärung anschließend in eigenen Worten zusammen. Auch er hat einen anstrengenden Job, er ist viel unterwegs, aber er hat eine Frau, er hat Hobbys und er pflegt die verwandtschaftlichen Kontakte, wie es sich für einen Italiener gehört. Seine Stärken sind Hartnäckigkeit, Geduld, eine gute Beobachtungsgabe und das souveräne Handhaben psychologischer Techniken. Sein Leben verläuft eher konservativ und bedächtig, er lernt viele Leute kennen, für die er sich auch interessiert, und er erfährt allerhand über die Dinge, die diese Leute so treiben. Und ihm hat für die letzten dreißig Jahre ein einziger Schauspieler gereicht. Ständig wird man dazu aufgefordert, vorne dabei zu sein, als Anwender neuer Technologien, im Wettkampf um die steilste Karriere, als Freizeitmensch. Die Schnellsten von heute sind morgen im Mittelfeld. Aber was heißt schon schnell? Viele Aufgaben kann man mit einfachen Hilfsmitteln oft rascher bewältigen. Diejenigen, die immer aufs Neueste setzen, haben auch die größten Umwege zu nehmen. Und was passiert mit den Langsamsten von heute? Bleiben die wirklich auf der Strecke? Und wer ist schneller, Bond oder Columbo? Bond braucht 126 Minuten für seine Geschichte, Columbo nur 71.