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das hohelied der morbiden stadt

Lilian Faschinger hat einen üppigen Wien-Roman geschrieben


Lilian Faschinger: Wiener Passion.

Köln: Kiepenheuer & Witsch 1999

Rezensiert von: colette m. schmidt


Das kunstvolle Geflecht von Lilian Faschinger jüngstem Roman Wiener Passion setzt sich aus den Lebensgeschichten dreier Menschen zusammen. Das Tagebuch der Anfang des 20. Jahrhunderts wegen Gattenmordes zum Tode verurteilten Rosa Havelka und die inneren Monologe des hypochondrischen Musiklehrers Josef Horvath und der Schauspielerin Magnolia Brown, die nach Wien kommt, um Gesangsstunden zu nehmen, sind subtil und über lange Strecken versteckt miteinander verwoben.

Vor allem der ungeschickte Musiklehrer Josef passt mit seinem Mutterkomplex zum tristen, wehleidigen Flair Wiens. Dem schwächlichen Kind wurde von der Mutter Musik als Allheilmittel verordnet: „Lag ich aufgrund eines abrupten Wettersturzes mit geschwollenen Rachenmandeln und hohem Fieber im Bett, setzte sie sich ans Klavier und spielte mir Lieder ihres Lieblingskomponisten Gustav Mahler vor, vorzugsweise die von ihr geschätzten Kindertotenlieder.“ Wach geküsst wird er von Magnolia. Sie ist Amerikanerin. Ihre Mutter stammt aus Wien, ihr Vater ist Afroamerikaner. Durch Zufall findet sie die Tagebücher der Rosa Havelka.

Rosa kommt als uneheliches Kind in einem böhmischen Kurort zur Welt, wo sie ihre Mutter früh verliert. Aus einer strengen Prager Klosterschule, wo Rosa erste tiefe Gefühle für eine Mitschülerin entdeckt, flüchtet sie nach dem Selbstmord ihrer Freundin nach Wien: In eine (teils exemplarisch zu lesende) Stadt, in der nicht nur ein Geschlechterkampf tobt, sondern ein offener, ständiger Krieg herrscht. Ein Krieg gegen Frauen. Wer das Pech hat, wie Rosa arm und weiblich zu sein, hat schlechte Karten. Faschinger schildert die ausweglosen Verhältnisse, in denen Dienstmädchen in Wien lebten und ihren Kampf um die Existenz durch die naive Stimme der unbedarften Rosa. Das Dienstmädchen braucht länger, bis sie das Unrecht erkennt, das ihr tagtäglich angetan wird. Zwischen Schinderei und sexuellem Missbrauch findet sie immer noch Zeit, vor Marienstatuen in diversen Wiener Kirchen Kerzchen anzuzünden. Dienststellen sind schnell verloren und damit auch jedes mal die Unterkunft. Rosa landet im Wiener Kanalsystem und im Kriminal. Durch diverse Berührungspunkte mit dem walzerseligen, schönen Wien der Jahrhundertwende, des Jugendstils und der Kaffeehausliteraten, ironisiert und konterkariert Faschinger bekannte historische Ereignisse. Rosa geht nicht wie Heerscharen von Geschlechtsgenossinnen ins Wasser, sondern erlebt die unglaublichen Berg- und Talfahrten einer noch unglaublicheren „Karriere“: Sie wird Straßenmusikerin, Prostituierte, Geliebte des Kronprinzen, sie lebt kurze Zeit als gemarterte Freundin eines Dichters, sie erwartet ein Kind von einem Nervenarzt, der sich um die Pionierarbeit in der Psychoanalyse gebracht fühlt, weil ein gewisser Freud seine Ideen verwendet, und schließlich heiratet sie einen Mann, der krankhaft auf die Kaiserin Sisi fixiert ist. Dass der Inhalt unserer Geschichtsbücher hier oft in Feinheiten abweicht, kann man gelassen sehen, denn nicht umsonst hat Lilian Faschinger ihrem Roman ein wahres Wort vorangestellt: „Die Menschen lügen alle“ (Psalm 116,11). Aber auch die Statistiken, die Faschinger über das gegenwärtige Wien zu berichten weiß, lassen Wiener Passion zu einer leidenschaftlichen Lese-Reise werden.