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das warten soll mich nicht verdrießen*

gudrun sommer | das warten soll mich nicht verdrießen*

Über das Recht zu Dauern und die Kunst, es auszuhalten

Wie über das Warten sprechen? Nicht Phänomen, nicht Tatsache, benennt das Warten kaum mehr als einen Phantomschmerz in den Löchern des Alltags. Wie aber über etwas sprechen, dessen Substanz in der Leere und dessen Wert allein an deren Rändern zu verorten wäre? Was ist das für eine Bewegung, die nur in der Zeit zu denken ist und trotzdem keiner Geschwindigkeit bedarf? Es kann kein Zufall sein, dass ausgerechnet jene Religion, die der irdischen Ungeduld eine göttliche Ewigkeit entgegensetzte, das Warten der Massen kultivierte: „Warten der Dinge, die da kommen sollen.“ (Lk. 21, 26) Nun ist Warten von dem Glauben an oder der Hoffnung auf das Erwartete nicht zu trennen, unabhängig davon, ob Erlösung oder Apokalypse das Ziel markieren. In beiden Fällen hält das Warten Abstand von überflüssigen Handlungen und vertraut auf das, was im gesetzten Rahmen noch möglich scheint: Demut, Bescheidenheit, Seelenfrieden. Es wundert nicht, dass sich derart asketisch religiöse Befindlichkeiten heutzutage nur mehr in eigens dafür eingerichteten Orten aufspüren lassen. Allein in dieser Abschirmung von weltlicher Geschwindigkeit vermag das Warten noch eine langfristig angelegte Sinnsuche zu praktizieren, die über das sehnsüchtig herbeigewünschte Pausenzeichen hinausgeht.

Zeitgemäßes Warten sieht ohnehin anders aus. In Wahrheit hat der Mensch die Option zu warten längst verspielt. Aus dem Recht einer Sinnverschiebung auf morgen wurde der Zwang, sich über die nächsten fünf Minuten hinüberzuretten. Und so ist im Alltag das Warten schon lange keine Sache mehr, die den einzelnen als mögliche Alternative betrifft. Stattdessen wird Warten als lästig empfunden, als individuelle Ungerechtigkeit (alle vor mir und ich zum Schluss) oder zwanghafte Schicksalsgemeinschaft (warum muss ich einer von denen sein). Offiziell wird zum gemeinsamen Warten nicht eingeladen und wenn, würde niemand kommen (auch wenn das die Sendung wäre, die Sie sehen wollen). Selbst die akademische Selbstbeschau hat Verluste zu vermelden: Solipsistische Egophantasien sind weder trendy noch plausibel angesichts der Bandbreite an Alltagswiderständen wie Einreihen, Anstellen und „versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal“. Ich warte, also bin nicht nur ich, heißt Prämissenüberprüfung in der Theorie, heißt aber auch unabwendbarer Stillstand einer Praxis, die das Warten zum Systemfehler innerhalb einer Logik der Pünktlichkeit und des Machbaren degradiert hat. Ein Imagedefizit ist also schwer abzustreiten, und überhaupt fragt man sich, warum die Menschheit es nicht leid hat. Warum das Warten nicht eliminieren und ein ins Stocken geratenes System generalsanieren, um endlich jene ins Unendliche beschleunigte Fließbewegung herzustellen, die permanente Sinnauslastung gewährleistet? Vielleicht ist das Warten auch deshalb nicht einfach abzuschaffen, weil seine Kräfte gebündelt operieren. So ziehen wirtschaftliche Praxis und ungerechter Müßiggang komplementär wie osmotisch an einem Strang: Mit Erfolg wird Warten produziert, und für den Erfolg wurde es in seiner jetzigen Form erfunden. Das erklärt, warum das Warten überall ist, aber nur selten für sich: Wer wartet, tut nicht und wer nicht tut, hat Zeit, Zeit für Werbemaßnahmen. Folgerichtig ist dort, wo Warten ist, der Erfolg der Werbeindustrie und diese nicht müde, unablässig Orte zu finden, an denen das Warten sich lohnt. Fast unbemerkt und ohne Gegenrede besetzt sie seither originäre Orte des Flüchtigen, wie Warteräume, Bahnhöfe und Haltestellen, an denen Werbung unvermeidliche Zonen des Aufenthalts mit bunten Bildern füllt, um die Aufmerksamkeit in der Langeweile zu überlisten. Wiederum anders verhält es sich, wenn Werbung das Warten erst gar nicht abwartet, sondern selbst die Werbepausen besorgt, die einen bereits vorhandenen Aufmerksamkeitsfluss für sich in Anspruch nehmen. Die Strategie hier versucht sich weniger im Trösten als in der überraschenden Geste durch Unterbrechen von „Einheiten“, denen Zuspruch bereits sicher ist. So ist einzusehen, dass das Warten zwar schneller, aber nicht weniger wird, denn solange die Werbung den Motor kapitalistischer Denkökonomien zu ölen versteht, wird dieser auch laufen, und laufend wird er jene Warteschleifen produzieren, die er braucht, um sich selbst zu regenerieren. Noch also bleibt dem Wartetrotzigen die Illusion der möglichen Ignoranz dank der Performativität von Fernbedienungen. Langfristig wird die Revolution freilich eine andere sein müssen. Sobald die Gleichzeitigkeit die Differenzierbarkeit von Produkt/ion, Verkauf und Konsum eingeholt hat und die Werbung die für sie reservierten Plätze verlässt, um sich parasitär fortzupflanzen, wird das eine ohne das andere nicht mehr zu haben sein und deren Unterscheidung eine Spielerei. Als Indiz für das neue Tempo kapitalistischen Wirtschaftens kann Jeremy Rifkins Interpretation eines „kulturellen Kapitalismus“ gelesen werden, der aus der Schnelligkeit von Zugang und Zugriff auf das Ende des trägen Besitztums schließt: Eigentum, so heißt es, wäre zu langsam. Wenn wir aber annehmen, dass Delegieren, Outsourcing und Zuliefern tatsächlich einen zeitlichen Vorsprung erwirtschaften, wie und wo findet Profitausschüttung statt? Ist eine in diesem Sinne kapitalistische Gesellschaft eine schnellere Gesellschaft? Nun ist weiter zu vermuten, dass eine schnelle Gesellschaft schnelle Zeitungen liest, und diese Geschwindigkeit wäre in einer empirischen Stichprobe durchaus zu ermessen. Schließlich bestechen Netzzeitungen gegenüber traditioneller Papierware nicht zuletzt durch die Tempomaßnahme, dem User das herkömmliche Überblättern der uninteressanten Seiten zu ersparen. Anstatt den Leser mit einer Masse an für diesen überflüssigen Informationsreizen zu überfluten, ist dieser Chef seiner selbst und sieht nur das, was er auch sehen will. Wenn ausgerechnet die aufwendig inszenierten Werbebanner beim downloaden einzelner Seiten dafür sorgen, dass das Warten auch im Netz zu seinem Recht kommt, mag das technischer Aufholbedarf oder auch nur Zufall sein. Unwahrscheinlich bleibt, sich einen real existierenden Kapitalismus vorzustellen, der der Rasanz seiner eigenen Geschwindigkeit erliegt und dabei vergisst, dass Werbung auch konsumiert werden will. Und daher wird auch in Zukunft die These gelten, dass ein 90 Minuten-Spielfilm nur auf Film 90 Minuten dauert. Der Betrachter privaten Fernsehens wird mindestens zwei Stunden dafür brauchen. Ganz anders wird es im Internet, der paradigmatischen Accelerationsmaschine sui generis inmitten der geläufigen Medienindustrie, auch nicht aussehen: Zugriff schneller, Datenübertragung schneller, Informationen schneller, all das ja. Aber die Zeit hat kein Tempo und vergeht indifferent gegenüber Geschwindigkeitsansprüchen. Solange das Schneller nur so gewinnen kann, dass die Pause den Wettbewerb bezahlt, wird selbst das Internet nur den Rhythmus, nicht aber das Warten verändern. Das Warten wird bleiben. Und das ist doch eigentlich eine gute Nachricht. *Pfeffel: Fabeln. Der Knabe und sein Vater (1783)