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die 90er als wille und vorstellung

Lässt sich die literarische Situation der 90er Jahre auf einen Nenner bringen?


Thomas Kraft (Hg.) : aufgerissen. Zur Literatur der 90er

München: Piper 2000

Rezensiert von: eva t.


Seit das Jahrtausend gewendet ist und das letzte Dezennium vorbei, hat es einen ganzen Rattenschwanz an Versuchen gegeben, den 90er Jahren klärend beizukommen – diesem „knallharten Jahrzehnt“, wie William Burroughs schon 1991 wusste. Da hat man uns zunächst mit Wickie, Slime und Paiper in die Untiefen unserer Marken-markierten Vorgeschichte zurückgebeamt, und dann kamen Leute wie Florian Illies und lancierten Begriffe wie Generation Golf, um uns identitätstechnisch unter die Arme zu greifen. Die Bewohner der 90er (also die großgewordenen Paiper-schleckenden Luder der 70er, wie man mit Illies sagen könnte) sind Tiere des freien Marktes, so die zentrale These, körper- und markenkultig, politikfern und anti-engagiert. Wie immer – die Bewohner der 90er haben auch Literatur gemacht, und um deren Befindlichkeit ist es einer jüngst im Piper-Verlag erschienen Anthologie zu tun. Sie nennt sich aufgerissen. Zur Literatur der 90er und formuliert schon im Vorwort jenen Fragenkomplex, den Leute wie Florian Illies radikalisiert haben.

Wie geht es der Literatur in Zeiten eines forcierten ökonomischen Wettbewerbs, zwischen Verlagsfusionen und der Neuformierung des Marktes im World Wide Web, zwischen medialer Eventkultur und dem Imperativ vom Autor als telegenem Popstar? Wie bei Illies ist auch hier die Logik des Marktes primärer Schlüssel zur Ideologie(-losigkeit) der 90er – neben genealogischen Abgrenzungsstrategien, die eine „Generation, die nach der Revolte kam“, gegen Väter aller Art unternimmt: Also gegen das politisch-gesellschaftstheoretische Unterfutter der 60er, die „Befindlichkeitsliteratur“ der 70er und den sprachlichen Ich-Verlust der 80er – um es der Einfachheit halber in unseriösen Kürzeln zu sagen. Welchen unseriösen Kürzel also hat man den literarischen 90ern bereitzustellen? Die Suche nach dem Authentischen (Iris Radisch)? Die gut gemachte Geschichte (Peter Michalzik) ohne großen Aufwand an Diskursen? Den Pop? Die Performance? Die Anthologie gibt darauf erfreulicherweise nicht eine Antwort, sondern dreizehn: So viele Autoren nämlich, die in den 90ern zu publizieren begonnen haben, werden von ebenso vielen Kritikern vorgestellt. Und das lässt jede vereinheitlichende Vorstellung von den literarischen 90ern bersten – so wie es jenes Identitätsangebot fragwürdig macht, das Leute wie Florian Illies immer nur einem als „Mainstream“ und trendsicherer „In-Group“ gedachten Publikum unterbreiten. Literatur kann vielleicht genau das: Bruchstellen schlagen in allzu glatte Kategorien. So steht dann auch ein Durs Grünbein, theoretisch wendiger Seismograph einer neuen Wirklichkeit nach der DDR, neben den hermetischen Geschichten einer Felicitas Hoppe (die ich nicht kenne, jetzt aber unbedingt kennen lernen will), der „poststrukturalistische DJ“ Thomas Meinecke neben dem Philologen und Entdecker Raoul Schrott. Das alles ist sehr anregend und macht Lust auf Primärtexte – umso mehr, als der schlecht gebundene Paperback-Band nach einmaliger Lektüre ohnehin kaum noch zu gebrauchen, weil in lose Blätter zerfallen ist. Und das hat fast die Qualität eines Augenzwinkerns: es zerfleddert die 90er als Kategorie, als Wille und Vorstellung.

siehe auch:
Florian Illies: Generation Golf. Eine Inspektion. Berlin: Argon 2000.