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die grenzen sind vermessen (1)

Zwei Autorinnen ver(b)raten ihre Kindheit


Monika Wogrolly: Die Menschenfresserin. Roman

Wien: Deuticke 2000

Rezensiert von: roswitha m. jauk


I.
Wie aus einem rosa Engelchen im miesen Graz, insgeheim längst eine Teufelsbraut, eine in Texas zum Tode verurteilte Menschenfresserin wird, die noch dazu behauptet, es könnte „kein besseres Ende für die Geschichte“ geben – dies versucht uns Monika Wogrolly in ihrem neuen Roman auf klassisch psychologisierendem, oft aber holprigem Wege vorzuführen. Es ist vordergründig die Geschichte einer klar definierten Opfer-Täter-Konstellation, aus der sich das Opfer irgendwann mit Brachialgewalt befreit. Eigentliches Thema ist aber das subtil-mutuale Zerstörungspotential jeder zwischenmenschlichen Beziehung, in der Menschen „nach Liebe heischen und sie im Ansatz zerstören“.

II.
Die Giftpfeile einer – zynisch gesprochen – ganz normalen Kindheit machen der kleinen Rosa das Leben früh zur Wunde. Aus einer Affinität zum Bösen flüchtet das Mädchen in einen Pakt mit dem Teufel, der sie „an seine warme pelzige Brust nimmt, dort still hält, wärmt und nährt“. In seinem Namen wird sie nach endlosen Beziehungsmiseren, in welchen sie die alten Demütigungen immer wieder nachstellt, einen kannibalischen Mord begehen. Während des Yogarads, „einer Übung, bei der man sich knieend nach hinten neigt und mit den Fingern die Fersen berührt“, wird sie beschließen, den Teufelskreis mit einem Mord zu durchbrechen. Denn später, viel später wird sich Rosa als Erwachsene nur auf Männer eingelassen haben, die ihr den Teufel machen. Je leibhaftiger, desto besser. „Ich kann das Gefühl nicht vergessen, wie es war, bei einem Monster geborgen zu sein.“ Um der Geschichte mit dem sadistischen Psychiater Pascha zu entkommen, wird sie ihren Yogalehrer töten. Warum ihn, bleibt unerklärt, den kannibalischen Akt aber motiviert die Gier, die Ohnmacht und innere Leere einer Zukurzgekommenen: Verschlungen im Sinne des Wortes soll die Macht des Gefressenen auf die Fressende übergehen.

III.
Wogrolly beschreibt einen lehrbuchgemäß in Szene gesetzten Fall von Wiederholungszwang, dessen Angelpunkte die Autorin in aneinandergereihten Kindheitsepisoden schlaglichtartig vorzeichnet. Von der Mutter zurechtgeklopft, vom Vater übersehen und vom Bruder verspottet, sucht Rosa immer schlimmere Misshandlungen auch in ihren Männer-Beziehungen. Sprachlich gelingt die Verknüpfung zwischen Traumatisierung in der Kindheit und Wiederholung in der Zukunft durch die Verwendung des Präsens, Futurs und Futurperfekts. Sie korrespondieren mit der These der Unausweichlichkeit und sie vermessen den engen Handlungsspielraum der Protagonistin.

IV.
Die unterschwellige Aggression des Textes kontrastiert eine geradezu beherrschte Wortwahl, die selbst das schmutzige Leben in wohlerzogene Worte verpackt. So schneidet Rosa ein „Scheibchen vom Gesäß“ des Yogi und brät es, bevor sie es verspeist. Oft schärft die Autorin mit dieser Diskrepanz zwischen Handlung und Sprachwahl die feine Klinge des Sarkasmus. Die Text schwenkt durch diese „unangemessene“, kommentarlose Distanz, wo das Erzählte Emphase verlangt, leicht ins Absurde. Die Stärke der Autorin liegt aber trotz Hang zur Pose auf der Ebene der Sprache, besonders der Syntax. In einer schwer fassbaren Entrücktheit fegt der Text über den Leser hinweg. Trotz gestochener Beschreibung realer Details entsteht sofort der Eindruck von Wirklichkeitsferne. In seinen stärksten Passagen bewegt sich der Text auf einer Schwelle zwischen Wahn und Wirklichkeit. Es gelingt (?) die Suggestion einer psychisch zerrütteten Wahrnehmungsinstanz. Die Eigenart der geschilderten Details zusammen mit einer manchmal zu impliziten, dann wieder zu mitteilsamen Erzählweise führen stellenweise zu einer vagen Textkohärenz.

V.
Einzelne Partien im ersten Teil des Buches, die vom Teufel zum Beispiel, sind wirklich gekonnt und gelungen. Die Kindheitsepisoden überhaupt sind lebendig, zeigen Kolorit der 70er und feine Gesten und atmosphärische Bilder einer kindlichen Erlebenswelt. Im zweiten Teil des Romans fehlen die Rückblenden auf die Vergangenheit. Insgesamt wird der Text schwächer, wieder mehr bloß narzisstisches Bekenntnis, zu wenig Abstand zu sich selbst. Das exhibitionistische Befrachten des Plots mit autobiografischen Details, die im Grunde nichts zur Sache haben, erscheint als befremdlicher Trick. Und was soll das Antlitz der Autorin auf dem Cover, das uns auf spekulative Weise nahelegt, die Menschenfresserin sei das halbe Gesicht der Wogrolly? Auf welch dumme Gedanken soll uns das bringen?