schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 05 - warten, bitte die kunst wörter einzumauern
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/05-warten-bitte/die-kunst-worter-einzumauern

die kunst wörter einzumauern

günther freitag | die kunst wörter einzumauern

Carlo, ein Maurer aus Termoli, hatte, ohne daß ihm dafür ein Grund genannt worden war, seine Arbeit verloren. Wochenlang saß er im Haus seiner Eltern, in das er mit Elisabetta gezogen war, weil sie die Miete für die Wohnung in einem Betonklotz nicht mehr bezahlen konnten. Carlo saß und grübelte darüber nach, was die Firmenleitung veranlaßt hatte, gerade ihn zu entlassen. Er starrte aufs Meer hinaus und versuchte sich an die Baustellen zu erinnern, auf denen er zuletzt gearbeitet hatte. Versuchte Fehler zu finden, die ihm unterlaufen sein könnten, Abweichungen von den Bauplänen etwa, Ungenauigkeiten in der Ausführung oder Schlampereien. So sehr er sich auch anstrengte, ihm fiel nichts ein, das zu Reklamationen geführt hatte, nicht einmal krank gemeldet hatte er sich im letzten Jahr. Ihn treffe keine Schuld, erklärte er seinem Vater, der tagsüber in einem klapprigen Rollstuhl vor dem Haus saß. Der Alte litt an einem unheilbaren Gelenkrheumatismus und konnte bloß noch den rechten Arm bewegen. Und obwohl er keinen Schritt ohne fremde Hilfe tun konnte, hielt er in seiner Rechten immer einen knorrigen Spazierstock fest. Pochte Carlo auf seine Schuldlosigkeit, schlug der Alte mit diesem Stock nach ihm. Zumeist wich er rechtzeitig aus, aber manchmal traf ihn ein Schlag, worauf der Alte triumphierend kicherte und ihn beschimpfte. Arbeitsscheuer Dummkopf, Linkshänder und Schweinegott nannte er ihn, Wasserkopf, manchmal auch Kastrat und impotenter Erdfüßer.

Carlo mußte das Arbeitslosengeld dem Alten geben, bis auf die letzte Lira, verlangte der Vater, schließlich verpesteten er und seine Schlampe die Luft im Haus, das immer noch sein Haus sei, auch wenn er im Rollstuhl sitze. Als der Alte verlangte, daß Carlo und seine Frau, er nannte sie wie immer Schlampe, das winzige Zimmer räumten und in den ehemaligen Hühnerstall zogen, packte Elisabetta eine Reisetasche und fuhr nach Rom. Carlo stierte mit Tränen in den Augen aufs Meer, und der Alte in seinem Rollstuhl kicherte schadenfroh.

Jeden Tag stand Carlo am Busbahnhof und wartete darauf, daß Elisabetta zurückkam. War der letzte Bus aus Rom angekommen und seine Frau wieder nicht ausgestiegen, schlich er mit hängenden Schultern zurück und verkroch sich stundenlang im Hühnerstall.

Monate später hatte der Alte jedes Interesse an seinem Sohn verloren. Für dich wäre es das Beste, du mauerst dich ein und krepierst zwischen deinen Ziegeln!

Carlo sah mit diesem Satz im Kopf aufs Meer hinaus. Erinnerte sich an eine Baustelle in der Nähe von Bari. Das Meer tiefblau, die Luft flirrend in der Hitze, und am Horizont, seine Augen bekamen sie fast nicht zu fassen, zahllose weiße Kegel, die aus dem verdorrten Gras in die Höhe wuchsen. Trulli, steinerne Wohnstätten aus der Vorzeit, nun Ferienwohnkerker und Spekulationsobjekte für die Verrückten aus dem Norden, wie ihm der Bauführer erklärte. Doch Carlo, der bloß die Grundschule besucht hatte, konnte mit diesen Wörtern nichts anfangen. Statt ihm die Kegel zu erklären, verwirrten sie ihn nur.

Nun aber fielen sie ihm wieder ein. Und während er immer seltener an Elisabetta dachte, beschäftigte er sich tagelang mit den Steinkegeln seiner Erinnerung. Carlo skizzierte sie wieder und wieder, stellte Berechnungen an, überlegte, wie er zu Baumaterial kommen könnte. Sein Entschluß stand fest: Er würde an der Grundgrenze, die sein Vater aus dem Rollstuhl nicht einsehen konnte, einen Kegel errichten. Die Nachlässigkeit der Bauaufseher kannte er, wußte auch, wann die Männer in der Bar hinter dem Lager saßen, Kaffee und Grappa tranken. Das Material vom Gelände seines ehemaligen Arbeitgebers zu stehlen, war ein Kinderspiel. Am frühen Morgen verließ Carlo den Hühnerstall und kehrte erst zurück, wenn die Finsternis ein Weiterarbeiten unmöglich machte. Nachdem er das Fundament errichtet hatte, mauerte er nur mehr Steine auf, in die er zuvor Wörter oder ganze Sätze gemeißelt hatte. So lagen an manchen Tagen Stunden zwischen zwei Mauersteinen, in denen er sich an die Demütigungen der Vergangenheit erinnerte. Den Namen seines Lehrers schlug er mit dem Meißel in einen Stein, weil er ihn nur selten bei seinem Namen gerufen, meist deficiente genannt hatte. Für den Alten im Rollstuhl benötigte er zwei Ziegelreihen. Würde ein zufälliger Besucher, der die ganze Bauzeit über aber niemals kam, um den Kegel gehen, könnte er die Chronologie der Demütigungen von den Steinen ablesen. In den Tagen vor der Fertigstellung verließ Carlo seinen Kegel nicht mehr. Wasser, Obst und Baumaterial hatte er ins Innere geschafft. Auf den letzten Stein, mit dem er eine winzige Luke schloß, meißelte er den Namen seiner Frau. Aber im Gegensatz zu den übrigen setzte er diesen so, daß die Schrift ins Innere des Kegels wies.

Wochen später fand ein Carabiniere, der sich heimlich mit der Frau seines Maresciallo traf, den Kegel. Nach seiner Meldung ließ der Sindaco den illegal errichteten Bau von jener Firma abtragen, die Carlo vor mehr als einem Jahr entlassen hatte. Tagelang schrieben die Reporter der Provinzblätter über den Zusammenhang zwischen den eingemeißelten Wörtern und dem Toten.