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doppeldeutiger doppelroman

Nur die Pataphysik unternimmt nichts, um die Welt zu retten


Klaus Ferentschik: Schwelle und Schwall. Ein Doppelroman

Zürich: Haffmans 2000

Rezensiert von: werner schandor


Klaus Ferentschik haucht einer aus Frankreich stammenden literarischen Tradition neues Leben ein: dem Spieltext. 1960 wurde in Paris vom Collegium der Pataphysik die „Ouvrage de Littérature Potentielle“, die Werkstatt für potenzielle Literatur, kurz Oulipo, ins Leben gerufen. Ziel von Autoren wie Raymond Queneau war es, die Fesseln der Ratio auszuhebeln. Eines der berühmtesten Oulipo-Werke ist der Roman von George Perec, in dem kein einziges e vorkommt.

40 Jahre nach Gründung der Oulipo legt nun Klaus Ferentschik, 1957 im badischen Graben geborener Wahl-Wiener und Mitglied des Collegiums der Pataphysik, den Doppelroman Schwelle und Schwall vor, in dessen erstem Teil nur weibliche Substantive verwendet werden, während im zweiten ausschließlich männliche Hauptwörter zur Anwendung kommen. Die Doppelgeschichte ist reichlich verwickelt und vollkommen doppelbödig: Im 1. Teil des Buches geht es um die Liebe. Eine Frau antwortet telefonisch auf eine anonyme Zeitungsannonce. Statt einer neuen Bekanntschaft antwortet ihr jedoch die Polizei, indem sie ihre Wohnung erstürmt. Auch die Ermittler sind auf der Suche nach dem Unbekannten. Was zurückbleibt, ist eine rätselhafte Bohne, deren Geheimnis die Frau mit der Hilfe einer lesbischen Anzeigenredakteurin auf die Spur zu kommen versucht – allerdings vergeblich.

So weit, so turbulent. Das rein feminine Vokabular erzeugt oftmals eine liebenswürdige Umständlichkeit der Sprache. Der Tisch ist eine „erhöhte Platte“ oder das Telefon eine „Apparatur, die zweifellos dazu diente, nahe oder fremde Personen mittels einer Wählscheibe und einer Strippe zu erreichen“. Doch zum Glück belässt es Ferentschik nicht bei dieser unterhaltsamen Spielerei.

Just zu dem Zeitpunkt, da die Frau dem Unbekannten doch noch zu begegnen scheint, wechselt die Geschichte von der weiblichen Sicht zur männlichen. Die Liebesgeschichte mit Hindernissen verwandelt sich in eine Kriminalgeschichte. Erzählt wird von einem Turnlehrer, der einen Terroranschlag verübt.

Die Erzählschraube wird dabei weiter angezogen: Ferentschik führt eine zweite Ebene ins Sprach-Spiel ein: das Buch im Buch. Der terroristische Turnlehrer liest einen Kriminalroman, dessen Protagonist – ein Barbesitzer – plötzlich auch in der „Realität“ der erzählten Ebene auftaucht und ihn erpresst. Indem der Lehrer eine Fortsetzung für seine Lektüre zu schreiben beginnt, schreibt er auch das Schicksal des Barbesitzers mit. Kurzum: Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Der Roman wird mit diesem Kunstgriff, die erzählte Ebene durch eine erzählerische Spiegelebene zu neutralisieren, schlagartig ziemlich phantastisch. Der vordergründig realistisch erzählte Text enthüllt nunmehr des Pudels Kern und zeigt den Lesern, dass auch der größte Realismus in der Literatur nichts anderes als ein besonders hinterhältiges Gespinst der Illusion ist.

Das Collegium der Pataphysik verschreibt sich übrigens der so genannten „Lehre der imaginären Lösungen“. Der Collegiums-Wahlspruch, der auch in Ferentschiks Text auftaucht, lautet: „Nur die Pataphysik unternimmt nichts, um die Welt zu retten“. Macht nichts. Hauptsache es gelingt ihr immer wieder, die Literatur zu bereichern.