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eilige wirklichkeitskonzeptionen

rudolf götz | eilige wirklichkeitskonzeptionen

Wie vorverurteilte Realität durch journalistisches Schnellfeuer exekutiert wird

Selbst wer den Anbietern neuer Kommunikationstechnologien noch nicht ins Netz gegangen ist, muss sich damit abfinden, an einer humanoiden Entwicklungsstufe zu partizipieren, in der die vielzitierte Medien-Gesellschaft längst zu einer mediatisierten – den Medien unterworfenen – Gesellschaft mutiert ist. Ereignisse erhalten soziales oder/und politisches Gewicht ausschließlich vermittels medialer Präsenz – nicht dadurch, dass sie schlichtweg stattfinden. Eine Demonstration ohne Medienecho juckt bestenfalls die in ihrer Privatsphäre penetrierten Anrainer. Ein Umstand, der der medialen Reproduktion eines Ereignisses mehr soziale Bedeutung bescheinigt als dem Ereignis an sich, dem Original. Wenig verwunderlich also, wenn an politischer/sozialer Einflussnahme interessierte Gruppierungen oder Einzelpersonen ihr „Original“ nach dessen Reproduktion ausrichten – will heißen, es „mediengerecht“ den Gesetzen der Medien folgend produzieren/organisieren. Wirklichkeit wird demnach präventiv „abbildungsgerecht“ konstruiert, bzw. mit Günther Anders gesprochen: „Das Wirkliche – das angebliche Vorbild – muß also seinen eventuellen Abbildungen angemessen, nach dem Bilde seiner Reproduktionen umgeschaffen werden. Die Tagesereignisse müssen ihren Kopien zuvorkommend nach kommen.“

Neben dieser etwas kompliziert anmutenden Form der medialen Wirklichkeitskonzeption generiert sich selbige auch auf direktem Wege. Von Medien vermittelte Inhalte werden seitens der Rezipienten häufig unhinterfragt in ihre Vorstellungswelten aufgenommen, da jene meist als Fakten, mit dem Signum der Wahrheit geschmückt, auftreten. Diese Aufnahme der transportierten Inhalte in den Informationsfundus eines Individuums hat unabdingbar einen wie auch immer gearteten, häufig selbstreflexiv nicht wahrnehmbaren Einfluss auf folgende persönliche Entscheidungsprozesse. Was bedeutet, dass die neu hinzugekommenen Informationen – in Verhandlung mit den bereits gespeicherten – in reale Handlungen umgesetzt werden. Exemplarisch abzulesen ist jenes Phänomen (im Fachjargon mit dem flotten Anglizismus „Self-fulfilling Prophecy“ betitelt) an politischen Maßnahmen auf medial kolportierte Stimmungshochs oder -tiefs einer Partei bzw. deren Einfluss auf das Abstimmungsverhalten der Wähler beim Urnengang. Zu beachten ist hierbei, dass jegliche Umfragedaten, welche (sofern sie seriös erhoben wurden) lediglich einen Istzustand inklusive geringer Abweichungsschwankungen widerspiegeln, erst über mediale Präsenz, und damit Durchdringung der Öffentlichkeit, breitenwirksamen Einfluss auf Wirklichkeitskonzeptionen erlangen. Die bloße Erhebung alleine bewirkt gar nichts. Wohingegen eine öffentliche Kundgabe den gemessenen „Istzustand“ schlagartig in historische Gefilde verweist, da dieser lediglich noch als momenthafter Informationsfaktor für die dem Informationszufluss folgende strategische Handlungsentscheidung zur Erreichung eines gewünschten „Sollzustandes“ dient. Der Wähler (um das angeführte Beispiel wieder aufzugreifen) erinnert sich plötzlich seiner demokratischen Pflichten; Der Politiker lässt das angestrebte Reförmchen denn doch still und leise verkümmern, setzt lieber wieder auf erfolgsgeprüfte Konzepte. Diese Formen der medialen Wirklichkeitsschaffung sind bestimmt vielen Lesern bekannte, bereits häufig geortete und reflektierte Phänomene. Es sei daher jedem selbst überlassen, sich die Rolle und Bedeutung der medialen Wirklichkeitskonstrukteure – sei es, dass sie „lediglich“ als Transmitter oder gar selbst als Agitator auftreten – für die gesellschaftliche Wertekonstitution und alle auf diese fußende Handlungs- und Daseinswelten auszumalen. Ich möchte hier jedoch nicht die Auswirkungen und Gefahren infolge ideologischer Instrumentalisierungen dieser Phänomene ausschlachten, sondern mich einer den Medien bzw. dem Journalismus systeminhärenten Problematik zuwenden, welche, meines Erachtens, speziell im Informationsjournalismus desaströse, oftmals fahrlässige und reduktionistische Auswirkungen auf „Qualität“ und Form der Wirklichkeitskonzeption hat. Das Dilemma heißt journalistische Recherche. Recherche ist als Herzstück jeglicher journalistischen Arbeit anzusehen, ganz gleich, ob es sich um faktenorientierten Informationsjournalismus mit Anspruch auf Objektivität oder bewusst gefärbten Gesinnungsjournalismus handelt. Eine seriös durchgeführte, möglichst objektiv gehaltene, subjektive Einflüsse mitbedenkende, intensive Quellenrecherche als Basis wird jede dieser Journalismusformen qualitativ immens aufwerten. Tiefschürfende Recherchearbeiten stellen eine unabdingbare Voraussetzung für hochwertige Informationsleistungen dar. Auf der anderen Seite sind sie jedoch auch mit einem großen Zeit- und Kostenaufwand verbunden, wobei bezüglich des Zeitaufwandes vor allem zu bedenken ist, dass in dieser Branche der Wert von Informationen an ihrer Aktualität gemessen wird. Wer „Neuheiten“ als erster auf den Informationsmarkt wirft, macht das Rennen um die Kunden. In unserer schnelllebigen Zeit geriert sich „Aktualität“ als äußerst wertvolles Produkt. Jeder, der etwas auf sich hält, mitmischen, zu den „Gewinnern“ zählen will, muss ständig up to date, voll informiert, über jeglichen Trend im Bilde und total „aufgeklärt“ sein. Nicht nur „Börsenjongleure“, und politische Berater, auch Autobastler oder Modetrendsetter begeilen sich am Mythos des Neuesten, Aktuellsten. Jede frische Information überholt die vorhergegangene. Zurück bleibt ein unverarbeiteter, unreflektierter Informationsmüllhaufen. Die Folge dieses auch nicht mehr ganz neuen, jedoch durch Vernetzung und exponentielle Erhöhung der Datenübertragungsraten immer virulenter werdenden Phänomens ist ein eklatant grassierender chronischer Zeitmangel bei der Recherche von Informationen. Recherche- und damit zeitintensive Journalismusformen, wie die sich der verdeckten teilnehmenden Beobachtung bedienende Stunt-Reportage aus den USA des 19. Jahrhunderts (berühmteste Vertreterin: Elizabeth Cochrane alias „Nellie Bly“) oder die in Europa unter dem Begriff Sozialreportage firmierenden Arbeiten eines Friedrich Engels, Victor Adler oder Max Winter sind längst so gut wie ausgestorben – sieht man von einzelnen Blüten im Faktensumpf ab. (Günter Wallraff dient in diesem Zusammenhang als häufig strapaziertes Vorzeigemodell der „letzten Journalismushelden“.) Was also tun, wenn ein krasser Engpass auftritt? Es wird – ganz der Schule der modernen Ökonomie entsprechend – ausgelagert. Informationsdienste, Presseagenturen und Wissenschaft übernehmen immer mehr den Bereich der journalistischen Recherchetätigkeit. Vordergründig scheint damit ein Weg zur Überbrückung des Zeitengpasses gefunden, bei genauer Betrachtung erwachsen der Auslagerung jedoch ähnliche und neue Probleme. Bezüglich den überhaupt nur mehr dem Kosten-Nutzen-Faktor – das heißt mindestens im gleichen Ausmaß dem Aktualitätswert – verpflichteten Informationsdiensten fehlt es dem Journalismus zunehmend an Qualifikation und natürlich wieder an Zeit, um deren „Warenangebot“ gebührlich kontrollieren zu können. Der Wissenschaft hingegen wird zwar in punkto „Qualität“ ihrer Informationen seitens der Journalistik unbesehen mehr Vertrauen entgegengebracht, die Problematik ergibt sich hier jedoch aus den in Ermangelung redaktionellen Verständnisses falsch oder schlecht transportierten Inhalten. Besonders auffällig sind diesbezüglich immer wieder auftretende Fehlinterpretationen von demoskopischen Ergüssen (Meinungsforschung). Zur Illustration ein häufig gesichtetes typisches „Missverständnis“. Eine fiktive Tageszeitung berichtet: „Aus dem Jahresbericht der österreichischen Verkehrsbehörde geht hervor, dass sich im Jahre so und so auf den österreichischen Autobahnen 100 Unfälle bei Tempo 100, jedoch nur 10 Unfälle bei Tempo 200 ereignet haben. Laut dieser Statistik ist das Unfallrisiko bei Tempo 100 zehnmal höher als bei Tempo 200.“ Eine Interpretation, die die Herzen der geschwindigkeitsrauschanfälligen Leser bestimmt höher schlagen ließe. Endlich wäre bewiesen, dass der Bleifuß am Gaspedal gar nicht gefährlich ist, im Gegenteil. Glauben würde man’s gern, weil erstens erleichtert’s das Gewissen, zweitens stünde es ja schwarz auf weiß in der Zeitung und obendrein wäre es glatt mit Zahlen belegt. Und Zahlen lügen nicht – das weiß jeder schulisch geschulte, zahlendisziplinierte Mathematikdilettant. Das gewählte Beispiel mag plump erscheinen, es tritt jedoch wirklich häufig auf, dass im Zuge journalistischer Interpretationen demoskopischer Daten ganz einfach implizit so getan wird, als ob die Bezugsgruppen den gleichen Umfang hätten, hier also die Anzahl der Fahrten (genauer der zurückgelegten Kilometer) bei beiden Geschwindigkeiten gleich wäre. Journalistische Recherche findet also für gewöhnlich unter äußerst großem Zeitdruck statt oder wird unkontrolliert zugekauft bzw. schlecht interpretiert wiedergegeben. Die Folge ist eine reduktionistische, an der Oberfläche dahintümpelnde, in erster Linie von Mehrheitsmeinungen und Vorurteilen bestimmte Berichterstattung. Statt Problematiken mittels gründlicher Recherche auf den Zahn zu fühlen, bewusst einen Beitrag zur Förderung von Gegenmeinungen zu leisten, werden plumpe Stereotype reproduziert. Der Systematik einer Schweigespirale folgend mutiert die Informationsproduktion zu einem uniformierten (und un-informierten) Einheitsbrei. Bedenkt man unter diesem Gesichtspunkt, welchen Stellenwert Medien bei der Konstruktion von Wirklichkeiten einnehmen, könnte einem glatt schlecht werden. Um Sie, werte/r LeserIn, nicht ganz deprimiert aus dem Text zu entlassen, möchte ich am Ende noch auf einen kleinen tröstlichen Hoffnungsschimmer hinweisen. Zum großen Glück für uns alle werden mediale Aussendungen jeglicher Art – bzw. wird Kommunikation überhaupt – nicht ausschließlich affirmativ rezipiert (d. h. es wird nicht immer die intendierte Botschaft 1:1 aufgenommen). So mancher verhandelt die dargebrachten Inhalte mit seinen bereits gebildeten Vorstellungen, und einige wenige frönen überhaupt der subversiven Rezeption. Die genießen „Bonanza“ nicht als Ode an die holde Männlichkeit, sondern erquicken sich an einem – für affirmative Zuseher schwer erkennbaren – homoerotischen Lustspiel zwischen Little John & Co.