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eine nasenlänge hinter ovid

"Achterbahn" und andere Vergnügungstexte


Bernd Schmidt: Achterbahn. Erzählungen

Graz: Edition Strahalm 2000

Rezensiert von: hermann götz


Berndt Schmidts Erzählungen. Vom Autor illustriert. Ein Grazer Kulturmatador hat in die Tasten gegriffen. Hat seine Schreibmaschine angekurbelt und seinen Bleistift gespitzt. Was er im Übrigen täglich tut. Als leitender Kulturredakteur der Steirerkrone. Schon ein gutes Dutzend Jahre lang. Es ist an sich nicht einfach, über so ein Buch zu schreiben. Nicht einfach, den Autor zu kritisieren, ohne an den Kritiker zu denken, ohne die Kronenzeitung zu meinen. Insbesondere dann, wenn man vom Text des öfteren an Graz erinnert wird. An Straßen und Geschäfte, an die Menschen und das hiesige Dahergerede. Bernd Schmidt erzählt in seinen Erzählungen, die er schlicht Geschichten nennt, über diese seine Stadt. Wenn auch nicht nur. Der Autor scheint weit gereist zu sein und sehr belesen. Er zeigt uns das auch gerne in seinen Texten, die im übrigen vor allem vor skurrilen Einfällen und Ausfällen strotzen. Das Geschriebene läuft wie am Schnürchen stets auf eine seltsame Wende zu. Auf eine Pointe sozusagen. Es kullern die Sätze von Wortwitz zu Wortwitz, wobei höchstens stört, dass des Autors Verspieltheit durch ständigen Kursivdruck betont wird. Ein pointierter Stil eben. Eine wohlgewetzte Klinge, der anzumerken ist, dass Schmidt Tag für Tag gezwungen ist, die Dinge für knappen Raum zurechtzustutzen, kurz, auf den Punkt zu bringen. Der Punkt um den es sich in seinen Erzählungen dreht, ihr zentrales Motiv, ist die wundersame Verwandlung von Mensch und Tier. Lauter Allerweltsgestalten erfahren hier Metamorphosen, wie sie die Welt seit Ovid nicht mehr gesehen hat. Träume werden wörtlich wahr und die Wahrheit erweist sich als Tagtraum von Traumatisierten. Tiere mischen sich allzumenschlich ins Menschenleben der Menschen, und aus Zorn fallen Zähne aus, um an falscher Stelle wieder nachzuwachsen. Dazwischen die Zeichnungen des Autors, die auch skurril sein wollen, aber ... nun ja. Wer das Buch in die Hand nimmt, sollte es irgendwo in der Mitte aufschlagen. Die erste Erzählung (diesmal auch „Erzählung“ betitelt, und noch dazu die Titelerzählung) fällt stark ab gegenüber den anderen Texten. Das heißt, chronologisch gesehen, steigt alles stark an, was nach der Achterbahn kommt. Es empfiehlt sich also, den ersten Gang einzulegen und genüsslich bergauf zu lesen. Am besten laut. Manches, was Schmidt so schreibt, kommt erst zur Geltung wenn es lauthals vorgelesen wird. Das kommt daher, dass viele der Geschichten fast etwas Theatralisches haben. Sie schreien danach, gehört zu werden. Und danach zu unterhalten. Mehr wollen sie nicht. Aber warum auch.