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frau hermi und herr jirschi

Beppo Beyerls diagnostische Tagebucherzählung über die Wiener Krankheit


Beppo Beyerl: Die Wiener Krankheit

Linz, Wien: Resistenz 2000

Rezensiert von: hermann götz


In jedem Wiener Gemeindebau gibt es mindestens eine alte versoffene Schachtel, die Selbstgespräche vor sich her schiebt wie der Mistkäfer seinen Mist. Solche Frauen hausen passender Weise meist in einem Müllhaufen und riechen leicht angefault, schon lange bevor sie gestorben sind. Und wenn sie dann gestorben sind, bleiben sie Monate lang in ihren Wohnungen liegen. Und weil sich niemand wundert, wenn es von der Wohnung durch alle sieben Schlösser ins Stiegenhaus hinausstinkt. So lange sie noch leben (und das kann sehr lange sein) warten sie geduldig auf die Feldpost ihres Gemahls, der anno Dreiundvierzig in Russland das Zeitliche ... Aber das haben sie längst vergessen. Es sei denn, sie haben ihren Mann höchstpersönlich ums Leben gebracht. Versehentlich vielleicht. Aus Dummheit sozusagen. Und haben jetzt ein schlechtes Gewissen. Nicht gerade eine angenehme Vorstellung. Besonders nicht wenn man mehr oder weniger persönlich mit so einer alten Schachtel zu tun hat. Zum Beispiel als ihr Masseur. Was ja an sich schon keine sehr angenehme Vorstellung ist. So einen Menschen massieren zu müssen. Mitten in so einem Misthaufen von Gemeindebauwohnung. Aber man bekommt eben nur die schlechtesten Patienten, wenn man bloß freier Mitarbeiter ist, beim Massageverein. Und etwas anderes wird man schwer, wenn man in Österreich Ausländer ist. Wie der Herr Jirschi.

Seit Herr Jirschi bei Frau Hermi zu arbeiten begonnen hat, führt er ein Tagebuch. Schreibtherapie könnte man das nennen, oder: Wiener Krankheit. Womit das spezifisch Wienerisch-Österreichische des Hermi-Daseins gemeint ist. Nicht nur der Titel, der ganze Text ist sehr trefflich der Wiener Wirklichkeit nachempfunden. Trefflich, aber nicht sehr originell. So eine Frau Hermi findet sich – wie gesagt – in jedem Wiener Gemeindebau. Oder zumindest in jeder Wiener Gemeindebaugeschichte. Und wie wir wissen hat jede Frau Hermi als richtig kranke Österreicherin ein Sparbuch versteckt oder verloren, auf dem sich ihre Pensionsmillionen stapeln. Wenn Herr Jirschi so ein Hermi-Sparbuch findet, weil es der Zufall so will – oder das Klischee – dann staunt er nicht schlecht. Der Herr Jirschi. Denn als echter Ausländer weiß er eben nicht, dass eine echtösterreichische Gemeindebauschachtel stets ein Sparbuch besitzt, das überquillt vor Schillingen. Herr Jirschi hat, wie gesagt, ein Tagebuch geführt. Da ist alles erklärt. Wie er das Sparbuch gefunden hat. Und wie alles seinen unglückseligen Lauf genommen hat. Ganz ohne ihn.

Das Besondere, das Einmalige an diesem Jirschi-Tagebuch ist sein Neuwiener Tonfall. Beppo Beyerl zeigt sich virtuos im Umgang mit der sprachlichen Varietät des Gastarbeiters, die sich in den Eintragungen durchgehend aber unaufdringlich bemerkbar macht. So wird dem Leser oder der Leserin auch Beyerls Fixiertheit auf österreich-spezifische Stereotype erträglicher. Weil sie hörbar aus dem Munde und Kopf des Herrn Jirschi und demnach von einem tschechischen Wirtschaftsflüchtling stammen, der dieses Österreich durch ungläubige Ausländeraugen betrachtet. Schade nur, dass der Beyerl-Text bloß 84 Seiten füllt. So ist der Handlungsbogen etwas knapp ausgefallen. Und nicht sehr aufregend. Es wäre schön ein bisschen mehr vom Jirschi-Leben zu lesen. Doch wahrscheinlich gibt es da nicht mehr zu erzählen. Dem Herrn Jirschi ist einfach die Luft ausgegangen.