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für eine geschmackssichere kritik

Schreibkraft Franz Schuh legt meisterliche Essays zur Literaturkritik vor


Franz Schuh: Schreibkräfte. Über Literatur, Glück und Unglück.

Köln: DuMont 2000

Rezensiert von: werner schandor


Ja, das Leben ist kurz, und die Bücher sind lang, auch das hier vorliegende ist kein kurzes. Die Idee oder besser das pragmatische Ideal bei der Beurteilung von Büchern zielt auf die Schonung der Lebenszeit von Menschen ab. Soll man dies lesen oder etwas anderes? – eine schwere Frage angesichts der Tatsache, daß eines Tages das Leben eines jeden Menschen um ist. - Franz Schuh kann die Dinge auf den Punkt bringen. Der Wiener Ex-Lektor, Schriftsteller, Kritiker und Essayist kreist in seinem jüngsten Buch mit dem sehr sympathischen Titel Schreibkräfte um sein Lieblingsthema: Glück und Unglück der Schreiberei. Im Eingangstext beschreibt Schuh, wie seine „Wohnhöhle“ langsam von Büchern zugewuchert wird. Der Höhlenbewohner Schuh wirft seine platonischen Realitätsschatten folgerichtig vor allem auf die Welt der Literatur. Neben (Neu-)Betrachtungen zu Autoren wie Konrad Bayer, Paulus Hochgatterer und Elias Canetti findet sich in Schreibkräfte etwas höchst Seltenes: Eine fast 100 Seiten lange, ausführliche Betrachtung des aktuellen Zustandes der Literaturkritik unter dem Titel All you need is love. Diesem Aufsatz ist das eingangs erwähnte Zitat entnommen, dem man hinzufügen müsste: Nicht nur, dass das Leben kurz ist und die Bücher lang sind, man hat von ersterem auch nur eines, und von letzterem gibt es Millionen. Die Bücher sind immer in der Überzahl, und als Kritiker könnte man da an der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns verzweifeln. Aber der überzeugte Büchermensch Franz Schuh ist weit davon entfernt, sich diesem Sinnfragengemetzel auszuliefern, auch wenn er es nicht ausblendet. Stattdessen nimmt er die Rolle und Vorgehensweise von Kritikern gründlich unter die Lupe. Unter den Gesichtspunkten des Geltungswahns, des Machtanspruchs, des Ressentiments, des Showbusiness und der Grenzverwischung zwischen Kritik und Literatur entwickelt der Essayist eine umfassende Betrachtung seines Gegenstandes. Zu Wort kommen Heinrich Heine, T.S. Eliot, Peter Turrini, Jörg Lau, Elias Canetti, Robert Schneider und viele andere. Schuh hinterfragt historische und aktuelle Positionen der Kritik und leitet daraus vielschichtige Einsichten ab, zum Beispiel: „ob nicht das Ziel ästhetischer Bildung anstelle von Objektivität umgekehrt Subjektivität sein sollte – Subjektivität nicht im Sinne der Willkür von Privatmeinungen, sondern im Sinne von Geschmackssicherheit.“ Mit großer Eleganz zieht Schuh daneben auch „Literaturinstanzen“ wie Marcel Reich-Ranicki und anderen Selbstdarstellern des Literaturbetriebes die Hochwasserhosen runter. Und das ohne jegliche Polemik. Seine Sprache ist elegant und luzid, seine Aussagen sind klar: „Mit dem postmodernen Verschwinden kritischer Haltungen nimmt die Vielfalt an kritischen Posen zu“, ist eine jener hellsichtigen Bemerkungen, deren sich in seinem langen Essay zahlreiche finden.

Schuhs Texte leben. Sie leben von der Beweglichkeit seiner Gedanken, die sich aus dem Prozess des Betrachtens, Abwägens, Überschauens wie nebenbei ergibt. Damit verdeutlicht der Essayist, was der Umgang mit Literatur auch vermag. Nämlich „Kritik als eine substantielle geistige Tätigkeit mit dem Zweck der Selbstbestimmung“ zu nutzen. Die eingangs zitierte Frage, ob man dieses oder ein anderes Buch lesen soll, ist im Fall der Schreibkräfte mit einem lauten „Ja, dieses!“ zu beantworten. Denn es belebt Geist und Sinne.