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kohl und geschwindigkeit

birgit pölzl | kohl und geschwindigkeit

Mein Sohn hat einen Gemüsegarten angelegt, in dem er Gemüse zuhauf biologisch zieht. Berge von schneckenverspurtem Salat zum Beispiel, den man innerhalb einer Woche zu essen hat, weil er sonst schießt, oder Feldgurken, bittere Kernhaufen in stacheliger Haut oder blattlausverseuchte Buschbohnen. Das wäre mir im Prinzip wurscht, die umgangssprachliche Redewendung rutscht mir nicht einfach heraus wie manchem das Braungetön, ich verwende sie im nostalgischen Bewusstsein, dass ich als Kind die Bitte, einen Würstelbaum pflanzen zu dürfen, von dem ich Handfleisch ernten könnte, bis in die hinteren Herzkammern meiner Eltern getragen hatte, was diese nicht kratzte, war der Wunsch, welch Glück für die Eltern, im Gegensatz zum Gartenprojekt meines Sohnes schlicht unerfüllbar. Mir bliebe wie schon gesagt die Möglichkeit einer Wurschtheit im Prinzip, hätte ich nicht in einer art pädagogischem Perfektionswahn versprochen, was der Scholle unter den Händen des Sohnes entwüchse, zu ernten, kulinarisch zu bereiten oder entsprechend zu konservieren. Scheiße, falsch, nicht Scheiße, nicht Bohne, nicht Schnecke, Kohl heute. Kohl und dreimal Kohl, sie müssen mir die Unflätigkeit angesichts der Situation verzeihen, ich werde die Vermutung nicht los, mein Sohn habe den ganzen Gartenzauber nur als penetrant pädagogische Großoffensive gegen meine, wie er meint, unsittliche Verschwesterung mit einer hybrid digitalisierten, kapitalkorrumpierten, reizüberfluteten, emotionstötenden, geschwindigkeitsbesessenen, mit einem Wort völlig entfremdeten Lebensform angelegt. Wenn diese Vorwürfe zeigefingererhoben und mit gerunzelter Stirn aus Frankfurt kämen, dächte ich O.K. ihr Knacker, eure Sicht, euer Weltbild, bitte schön, könnt ihr haben, doch sie kommt sozusagen aus dem eigenen Stall, diesem nicht nur emotional, sondern auch biologisch definierten Beziehungsgeflecht, denken sie an die Flut von Nestbauhormonen, die es mir in regelmäßigen Abständen durch meinen fitnessgehärteten Körper schwemmt, und ich, die personifizierte Toughness, das heißt: ich ein funkensprühendes Bündel aus analoger und digitalisierter Energie, dem alles am Glasfiberschnürchen läuft, ein von Ratgeber zu Ratgeber springender Lustschrei Richtung New Economy (letzter Höhepunkt: die Serie über die Ich-Aktie in meinem würstelfarbenen Lieblingsblatt), ich stehe an der Abwasch neben vier geplatzten Kohlköpfen, ich hab dir schon letzte Woche gesagt, mach den Kohl, hat mein Sohn gesagt, und checke die Situation, eigentlich den Gegner, der mir die edelstahlstrahlende Designerluxusküche versaut, Erde, überall Erde, pfui Teufel, was tut mir die Krume an und an den Strünken die Schnecken, die ihre Schleimbahnen über das Kohlgrün ziehen, jetzt sehe ich erst das gesamte Ausmaß des gartenbaulichen Desasters, hunderte Jungschnecken unter jeder auch noch so kleinen Wölbung, und wo keine Schnecken, dort Läuse, und wenn mein Sohn meint, mich mit solchen pädagogischen Attacken auch nur in irgendeiner Weise entschleunigen zu können, irrt er gewaltig, die Situation stresst mich wesentlich mehr als auf irgendwelchem Gerät irgendwelche Programme hochzufahren, um Daten entsprechend einzuspeichern und nebenbei mein Handy in einem fort abzuheben, weil ich einen Entscheidungsfindungsprozess vorantreiben muss und dabei überlege, ob ich am Abend ins Theater oder zum Tennis soll, nein das alles ist positiv, das ist Permanentsprinten in der Endorphinwanne, immer im Laufschritt und immer im Glücksgefühl, der Laufschritt ist das Glück und nicht der Kohlkopf, außerdem verlangsamt er nicht, er paralysiert, unter Umständen sind Formen der Verlangsamung Formen der Paralysierung, ich meine prinzipiell, Langsamkeit könnte verdummen, in die Verblödung schreitet man, und in der Prozession mein Sohn, ich muss ihn retten, der Unfug muss ein Ende haben, die Verlierer, die Langsamen sind die Verlierer, ohne Unterschied die tatsächlich Beklopften und die mit der Langsam-Marotte, und wie er isst, wie er den Kohl essen wird, bedächtig den ach so nahrhaften Matsch von einer Seite der Mundhöhle zur anderen schiebend, als ob er als Esstisch einen Altar gemietet hätte, sich in die Ewigkeit zu schmatzen, nein mein Guter, so läuft das nicht, so geht es nicht einmal, so stagnierst du schlicht und Stagnation ist böse, Stagnation ist schlecht, Stagnation ist eine Sünde wider den Geist, und eine Sünde wider den Geist verzeiht niemand, nicht einmal die New Economy, auch wenn sie Moral nicht kennt, nur Organisation, muss sie sich wehren, wird sie sich wehren gegen Verlangsamung und Stagnation, und du wirst mieselsüchtig und birkenstockschlapfenbewehrt mit ein paar Kröten monatlich in den almosenempfangenden Verlierergefilden krebsen, du wirst Virilio und Baudrillard auf und ab zitierend den Senilen den Arsch auswischen, nein ich koche den Kohl nicht, stell dir vor, wir werden uns nichts mehr zu sagen haben, zwei Welten in einer Familie, nein aus pädagogischen Gründen gibt es heut keinen Kohl.