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literaten im abwind

werner schandor | literaten im abwind

Eine junge österreichische Schriftstellergeneration versucht, mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen Erfolge einzufahren

Keinem Elektroniker würde es einfallen, sich damit zu brüsten, dass er eine bestimmte Fachrichtung – sagen wir die Schaltungstechnik – nicht versteht. Es würde ihm auch nicht einfallen, sich den Mund über Schaltungstechnik fusslig zu reden, wenn er sie nicht versteht. Und noch weniger würde es ihm einfallen, die Schaltungstechnik in Bausch und Bogen zu verdammen, nur weil er sich nicht damit befasst. Anders in der Literatur: Da gibt es Autoren, die in einem Nebensatz „die letzten 40 Jahre“ erledigen, als wäre damit irgend etwas beantwortet. Oder Autoren, die heftige Attacken gegen „die Pseudoavantgarde“ reiten, obwohl sie mit jedem Satz beweisen, dass sie wenig Ahnung von den Strömungen der Avantgarde haben. So geschehen bei einem Gespräch im Jänner 2000 in Wien, bei dem sechs junge österreichische Autoren und eine Autorin Antworten auf ihr Schreiben zu geben versuchten. Abgedruckt war das Gespräch im Juli 2000 in Heft 345/346 der Zeitschrift Literatur und Kritik unter dem Titel Die Dreißigjährigen. Abgesehen von Bettina Balàka und Klaus Händl, die mit ihrer differenzierten (zum Teil nachträglich redigierten) Sicht des Schreibens auf verlorenem Posten standen, sowie Martin Amanshauser, der es sich gezielt zwischen den Stühlen bequem gemacht hat, langten Ernst Molden, Jürgen Benvenuti, Daniel Kehlmann und Thomas Glavinic munter zu und zeigten, dass der hemdsärmlige Sager nicht nur in der Politik zum Standardton mutierte. Moderiert wurde das rhetorische Trauerspiel von Helmut Gollner.

Es begann mit der ökonomischen Situation. Befragt nach ihr, zeigte sich, dass sich der Wirtschaftsliberalismus und der phantasielose Glaube an das Regulativ des Marktes auch in den Köpfen derer eingenistet haben, die sich viel auf ihre Kreativität einbilden. Es ging unter anderem gegen Stipendien. „Warum hat per definitionem ein Künstler ein größeres Recht, ein nettes Leben zu führen auf Staatskosten als ein Automechaniker?“ stellte Jürgen Benvenuti (per welcher definitionem eigentlich?) das Staberl in den Raum. Woraufhin Ernst Molden gleich seinem Glauben Ausdruck verlieh, „dass der Künstler, der so sehr damit rechnet wie der österreichische Künstler, im Zweifelsfall eh vom Staat wenn schon nicht erhalten, so doch über die nächsten paar Monate drübergeschupft zu werden, schon eine eigene Künstlerkaste ergibt.“ – Was zumindest belegt, dass das Kastendenken der Kronen Zeitung auch von österreichischen Künstlern fleißig einverleibt wird. Ironie am Rande ist, dass Molden im Oktober 2000 den österreichischen Förderungspreis für Literatur erhalten hat. Thomas Glavinic dagegen nahm die Politik von Franz Morak vorweg, stellt die Kleinverlagsförderung rigoros in Frage und ein Modell in den Raum, stattdessen ein paar Renommee-Verlage zu finanzieren, die sich in der Folge wirtschaftlich selbst erhalten. Dass diese Verlage sich entweder finanziell nie wirklich vom Staat lösen würden (wie Deuticke oder Residenz) oder aber über weite Strecken davon leben würden, laufmeterweise Müll zu produzieren (wie viele deutsche Verlagshäuser), bleibt genau so ungesagt wie der Umstand, dass die Höhe der Verlagsförderung in Österreich (rund 40 Millionen Schilling im Jahr 1997) etwa gegenüber der Höhe der Förderung für die Bundestheater (3000 Millionen oder 3 Milliarden Schilling), aber auch gegenüber dem Geld, das der ORF für kommerzielle Sportübertragungen aufwendet (anno 2000 immerhin satte 900 Millionen), ein Klacks ist.

Bettina Balàkas Aufschrei „Ihr grabts uns allen das Wasser ab, das ist unkollegial, angesichts der aktuellen politischen Lage geradezu selbstzerstörerisch“ (es war eine Woche vor der schwarz-blauen Wende) verhallte fruchtlos im Raum. Erst Klaus Händl schaffte es, den Thatcheristen des Literaturmarktes Paroli zu bieten: „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll vor so viel Muskelspiel. Ich finde es buchstäblich notwendig, dass Bücher ermöglicht werden für einige wenige Leser, auch mittels Subventionen.“

Die Diskussion brachte immerhin zu Tage, dass über die Praktik der öffentlichen Förderung eine massive Verunsicherung herrscht. Kronen Zeitung und FPÖ haben so lange gegen Subventionen und „Staatskünstler“ Stimmung gemacht, dass sie nun bereits die Stimmen der Betroffenen auf ihrer Seite haben. Fehlte eigentlich nur noch, dass sich Molden, Benvenuti & Glavinic im Namen des berühmten „normalen Steuerzahlers“, im Namen der „Ehrlichen und Anständigen“, gegen die „linkslinke Kulturschickeria“ ins Zeug warfen. So weit kam es zum Glück nicht, und so weit wird es auch kaum kommen, denn den Betreffenden ist zu unterstellen, dass ihnen nicht einmal klar ist, wessen Argumente sie da im Mund führen. Kein Wunder, vordergründig geht es um nichts anderes als die Konsumwelt, deren Teil wir sind. Das ist die coole Welt, in der die lässigsten Sprüche zählen. In dieser Welt sind Bücher – wie alles andere auch – einfach Konsumgut. Gute Ware wird konsumiert, schlechte Ware kommt nicht unter die Leute. Ganz einfach. Ware, die nicht unter möglichst viele Leute kommt, hat sowieso keine Lebensberechtigung. Das Geld, das dafür aufgebracht wird, kann man sich ergo sparen. Eine Milchmädchenrechnung.

Künstler sind aber meistens schlechte Rechner. Sonst wären sie auch nicht Künstler geworden, sondern Börsenmakler, Informatiker oder sonstige Großverdiener. Dass die Literaten nun selbst gegen die Subventionierung von ihresgleichen auftreten, ist ein Bravourstück politischer Dressur. Die Künstler selbst stellen die gesellschaftliche Notwendigkeit der Kunst in Frage und reden der weiteren Verkleinerung der kritischen Freiräume unter dem Vorwand ökonomischer Argumente das Wort (genauso wie es Kronen Zeitung und FPÖ seit Jahren tun). Und sie scheinen nicht zu realisieren, dass Leute, die „staatlicher“ Kunst die Förderung versagen wollen, nichts als gärtnernde Böcke sind. Denn gestrichen werden sicher nicht die fetten Posten für die Bundestheater, Bundesmuseen oder die Salzburger Festspiele, die ja eine touristische Rolle spielen, sondern jene ehemals 1,8 Milliarden Schilling des Kunstbudgets, die unter anderem auch den kritischen Boden des Kulturlebens nähr(t)en.

In Österreich gibt es übrigens einen Bereich der öffentlichen Förderung, in dem das Land OECD-weit Spitze ist, nämlich die Parteienfinanzierung. Rund 2,8 Milliarden Schilling fließen im Jahr in die Belangsendungen und Werbekampagnen der Parteien. Direkt nebeneinander gestellt schaut es so aus: Die gesamte österreichische Verlagsförderung kostete mit 40 Millionen Schilling im Jahr weniger als die Hälfte dessen, was beispielsweise der jüngste steirische Landeswahlkampf verschlang. Während man aber vom einen wenigstens ein- bis zweihundert spannende Buchtitel im Jahr hat, bringt der andere nichts als von Plakaten grinsende Politikergesichter, die sich darüber ins Fäustchen lachen, wie sich Leute, die sich für besonders clever halten, selbst ans Messer liefern. Die einzig richtige Antwort auf Benvenutis unbedarft konstruiertes Gegensatzpaar Künstler vs. Automechaniker (warum soll der eine Geld vom Staat bekommen, der andere nicht?), gab übrigens Franzobel in einem nachgereichten schriftlichen Statement: „Weil die Arbeit des Künstlers eine andere Relevanz besitzt, nicht austauschbar ist, weil sich der Staat immer auch seiner Künstler bedient, sie ausquetscht, sie herzeigt und vereinnahmt, vor allem aber, weil eine künstlerische Leistung nur ganz selten direkt Geld einbringt – im Gegensatz zur Arbeit des Mechanikers.“ Aber noch etwas sollte man den Benvenutis, die glauben, Otto Normalmechaniker wäre von staatlichen Zuwendungen ausgeschlossen und würde sich allein Kraft seiner ehrlichen und anständigen Tätigkeit ernähren, ins Stammbuch schreiben: Allein die Annahme, nur die Künstler bekämen in Österreich Geld und die Industrie (und somit der in ihr Tätige) sei von öffentlichen Geldflüssen ausgeschlossen, ist grundfalsch. Ein kleines Beispiel, wie unter anderem Automechanikern in Österreich unter die Arme gegriffen wird: Konzerne wie General Motors, BMW, Chrysler oder Magna wurden mit großzügigen Konzessionen gelockt, sich hierzulande anzusiedeln. Frank Stronachs Magna Company etwa bekam für die Errichtung seiner zwei jüngsten Produktionsstätten von Steyr-Power-Train (in Lannach bei Graz und im oststeirischen Ilz) nicht weniger als 500 Millionen Schilling zugeschossen – ein starkes Achtel der gesamten Investitionssumme. Das heißt, die rund 800 Arbeitsplätze in Lannach und Ilz wurden pro Kopf mit rund 600.000,- öffentlichen Schilling gefördert. Zum Vergleich: Das Literaturstipendium des Bundes beläuft sich auf öS 140.000,- pro Jahr. Man könnte mit der Power-Train-Summe also 100 Literaten 35 Jahre, 5 Monate und 23 Tage lang fördern. Das wäre dann echtes Staatskünstlertum.

Scherz beiseite: Bei der Wirtschaftsförderung geht es, wie wir wissen, um etwas Wichtiges: Arbeitsplätze. Dort, in der geförderten Kunst, jedoch nur um sinnloses Geschwafel: „experimentelle“ Literatur und ähnlich nutzloses Zeug ohne Marktwert.

Die Avantgarde ist der Gottseibeiuns der reaktionären Kulturpolitik und ihrer medialen Ausleger. Und sie eignet sich ja auch bestens fürs Dreinhauen: Kein Mensch versteht, was die Künstler da so treiben, und im Prinzip bringt das, was die da machen, sowieso jeder Affe zusammen, dem man einen Pinsel oder Stift in die Hand drückt. So lautet das durchschnittliche Verständnis für avancierte Kunst in Österreich. Und leider war das durchschnittliche Verständnis von fünf österreichischen Jungautoren im Jänner 2000, als man in der Literatur und Kritik-Diskussion auf literarische Vorbilder zu sprechen kam, nicht allzu weit davon entfernt. „Auf der ganzen Welt ist Erzählen möglich, nur bei uns war in den letzten 40 Jahren das Erzählen verboten“, echauffierte sich beispielsweise Welt-Erzähler Thomas Glavinic. Sicher: AutorInnen wie Heimito von Doderer, George Saiko, Ingeborg Bachmann, Alfred Brandstetter, Franz Innerhofer, Gernot Wolfgruber, Peter Henisch oder in jüngerer Vergangenheit Robert Schindel, Robert Menasse oder Christoph Ransmayr waren und sind alles schwerste Experimental-AutorInnen, die, sobald sie einen geraden Satz rausbrachten, sofort mit dem Sprachhammer darauf einschlugen, um nur ja das 40jährige Erzählverbot nicht zu brechen. Und wie sich noch alle gut erinnern können, waren von 1958 bis vorgestern an allen Ecken des Staates die gesetzlich verpflichtenden Experimentalvorschriften angebracht, und die Schriftsteller hielten sich auch alle daran, stand doch öffentliches Zungebrechen als Strafe zur Disposition. Es musste erst die Generation der „Dreißigjährigen“ kommen, um die Fesseln dieses Sprachtotalitarismus abzuwerfen. Siehe: Die Erlöser sind da! Und genau wie die neue Regierung schreien die betreffenden Autoren: „Vorwärts!“ – und stürmen zurück.

Bestes Beispiel: Daniel Kehlmann. Er ritt im klassischen Dreischritt gegen avantgardistische Positionen des Schreibens:
1) Der Avantgarde ihre Tradition vorwerfen,
2) der Tradition die Überkommenheit vorwerfen,
3) den Ausweg in der konventionellen Erzählung suchen.

ad 1) Kehlmann meinte, „es sei eine Form von Avantgarde entstanden, die sich als etwas ungemein Neues und Avantgardistisches gibt und in Wirklichkeit etwas ungemein Wiederholtes, Epigonales und Altmodisches ist: Pseudoavantgardismus“. – Aber was soll das heißen? Was ist die Avantgarde und was das Avantgardistische? Und was ist die „Avantgarde, die sich als etwas ungemein Avantgardistisches gibt“? Kehlmann belegt die Begriffe folgendermaßen: Das „Avantgardistische“ ist für ihn Synonym des Neuen, Unbekannten schlechthin, aber als „Form von Avantgarde“ verdammt er alles, das diesen Anspruch nicht einlöst und sich nicht jeden Augenblick neu erfindet.

Der Irrtum, dem Kehlmann aufsitzt, ist symptomatisch für seine Begriffsvermischung einerseits und seine Argumentationslinie andererseits. Der Irrtum ist, der mit Avantgarde bezeichneten Kunstrichtung Ansprüche zu unterstellen, die sie selbst nicht teilt. Kaum ein experimenteller Schriftsteller verfolgt heute noch das blauäugige Ziel, die Schreiberei mit jedem Text von Grund auf neu erfinden zu wollen. Den gegenwärtigen Autoren geht es viel mehr darum, das von den Ahnherren der Avantgarde entwickelte Formenvokabular weiter zu schreiben. Ferdinand Schmatz zum Beispiel sagte beim Literatursymposium im steirischen herbst 1999: Die Literatur solle den Autor dort hinführen, „wo so, ich betone so noch niemand war. Das ist nicht die Einforderung der Innovation, des Neuen oder die Auflösung des Alten, aber auch keine Aufforderung zur Klitterung, zur Zusammenstoppelung, zum Remixed/Remaked oder sonst was.“ ad 2) Statt „wirklich gewagt und experimentell“ zu sein, wiederholten laut Kehlmann „sehr, sehr viele, die sich das einfach auf ihre Fahnen geschrieben haben […] den Dadaismus der 20er Jahre […].“ – Die Frage ist allerdings, wer da wem was auf die Fahnen schreibt. Aber auch warum experimentelle Literatur partout immer „gewagt“ sein soll, ist nicht leicht einzusehen. Schließlich geht es in der Kunstströmung „Avantgarde“ um stark rationale Positionen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, und nicht um „Sturm und Drang“, wo gewagte Literatur in den Brüsten der Genies wogte. Dass Kehlmann in fast allem Experimentellen immer nur den Dadaismus sieht, hat vermutlich eher mit einem unterentwickelten Sensorium für experimentelle Texte zu tun als mit den Texten selbst. Sogar Martin Amanshauser, der Kehlmann „grundsätzlich recht“ gibt, stellt fest: „[...] nur hat er [Kehlmann] keine Ahnung von Avantgarde und unterscheidet innerhalb dieser Avantgarde nicht.“ ad 3) Das Allerseltsamste an den Argumentationen von Leuten wie Kehlmann, die sich über die Überkommenheit der Avantgarde aufregen, ist der Umstand, dass sie im Gegenzug die konventionelle Erzählung als der literarischen Weisheit letzten Schluss abfeiern bzw. vollziehen. Kehlmann entglitt einmal der folgende verräterische Satz: „Dass jeder bedeutende Schriftsteller einen eigenen Stil entwickelt, ist ohnehin klar, das versteht sich ja von selbst.“ Womit klar wird, dass das Gegenmodell zur „Pseudoavantgarde“ den gutbürgerlichen Oberstübchen des ausgehenden 19. Jahrhunderts entspringt. Wenn die Großschriftstellerei des bedeutenden Autors als Vorbild deklariert wird, sehe ich deutlich Thomas Mann in seiner Großschriftstellerpose aus dem Deutschlehrbuch vor mir, und ich stelle mir Daniel Kehlmann beim Hustenanfall vor, den er bekommt, wenn er an Manns Zigarette zieht. Um Überkommenes kann es den Avantgarde-Kritikern also nicht wirklich gehen, denn schließlich wäre die konventionelle Erzählung nach diesem Kriterium mehr als überkommen, wenn man Goethes Werther von 1774, wie allgemein üblich, als Ausgangspunkt für den Roman, wie wir ihn kennen, nimmt. Warum stört die Dreißigjährigen das Altmodische, Epigonale am konventionellen Roman nicht? Weil Bestsellerlisten nicht irren können? Oder weil das der Stil ist, der dem „normalen Steuerzahler“ am ehesten einleuchtet? Was ich bei Diskussionen wie der zitierten nicht verstehe, ist, warum Leute, die mit der Avantgarde ganz offensichtlich nichts am Hut haben, sich so heftig-deftig darüber aufregen können und sich so dezidiert von der avantgardistischen Auseinandersetzung mit Sprache und Literatur distanzieren müssen. Handelt es sich um intellektuelle Überforderung? – Dann wäre es ein Armutszeugnis für die Literaten. Oder geht es um die Abgrenzung von einer schriftstellerischen „Elterngeneration“? – Dann hätte Bettina Balàka recht, die „die ganze Diskussion irrsinnig infantil und pubertär“ fand.

Denn die tapferen Vertreter für das flutschige Erzählen kämpfen gegen Windmühlen – und noch dazu mit vollem Rückenwind. Da wird in gut ausgeschlagene Kerben gedroschen und werden Einsichten enthüllt, die direkt den Leserbriefseiten des Boulevards entnommen zu sein scheinen. So ließ sich etwa Martin Amanshauser zu einer völlig unmotivierten und unnötigen Abkanzelung von Ilse Aichinger hinreißen. Und auch Alfred Kolleritsch sei ein total überschätzter Dichter, urteilte er. – Ihr Leute, das ist nicht nötig: Das sprichwörtliche Forum Stadtpark als zentrale österreichische Literaturinstitution hat sich nicht erst seit Walter Grond selbst erledigt.

Fest steht dagegen, dass die FPÖ-Funktionäre mit ihren NLP-Schulungen momentan mehr Sprachbewusstsein beweisen als die zitierten heimischen Literaten. Und die wiederum realisierten nicht ganz, in welchem politischen Kontext sie sich mit ihren Ansichten bewegten. Symptomatisch ist folgender Wortabtausch der bereits müden Autorenrunde, den Antonio Fian 1:1 in ein Dramolett übernehmen könnte. Moderator Helmut Gollner stellte die Gretchenfrage nach der Einstellung gegenüber Politik, im Speziellen der Tagespolitik:
Molden: „Ich sag jetzt gleich, mich interessierts nicht, aber mich interessiert, ob es überhaupt jemanden gibt, den Tagespolitik hier interessiert.“
Glavinic: „Das wollte ich gerade fragen: Kratzt euch das wirklich?“ Kehlmann: „Vor allem ist anzunehmen, dass wir alle der gleichen oder einer ähnlichen Meinung sind.“
Amanshauser: „Wir sind also dagegen!“
Glavinic: „Wir sind dagegen, das ist gut.“ (Gähnt)
Oje. Freilich, das war zum Teil ironisch bis sarkastisch gemeint, da die Autoren in der Folge sehr wohl Interesse an (Tages-)Politik bekundeten. Andererseits war diese Wortmeldung symptomatisch für die ganze Diskussion, die den Eindruck vermittelte, dass da Leute zusammensaßen, die ihren lustigen Tag hatten und sich darüber freuten, auf ihrem Weg zum bedeutenden Schriftsteller ernst genommen zu werden. (Bastei-Autor Benvenuti: „Also insgeheim finden wir uns eh alle sehr gut.“) Wozu allerdings die zur Schau gestellte Lässigkeit dienen sollte, weiß ich nicht. Sind es Minderwertigkeitsgefühle gegenüber Popstars, die ebenfalls jede Plattitüde als tiefe Einsicht von sich geben können? (Molden: „Jeder Schriftsteller geht von einer zutiefst persönlichen Wirklichkeit aus, bevor er anfängt zu schreiben.“) Oder sind die Literaten von ihrer medialen Bedeutungslosigkeit so überzeugt, dass sie glauben, es sei eh schon wurscht, was einer von ihnen sagt? – Ich weiß es nicht.

Im Vorwort zu jenem Heft von Literatur und Kritik schloss Herausgeber Karl-Markus Gauß mit der Beobachtung, dass zur gegenwärtigen Misere Österreichs „nicht nur der Aufschwung der Rechten, sondern auch eine Linke gehört, der es im intellektuellen Abwind gefällt.“ – Wofür das Interview mit den „Dreißigjährigen“ gleich die Probe aufs Exempel darstellte.