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praline in versform

Martin Amanshauser buhlt um das lüstern-belustigte Grinsen seiner Leser


Martin Amanshauser: in der todesstunde von alfons alfred schmidt. eine heurigenoper gedichte & eine taschenbahn.

Wien, München: Deuticke 2000

Rezensiert von: helwig brunner


Allerlei Männlein und Weiblein bevölkern Martin Amanshausers Bändchen mit Versen, das eine Heurigenoper, etliche Gedichte und ein in Riesenlettern gesetztes, zwanzig Restseiten wirksam füllendes Nonsensgedicht versammelt. Sie dümpeln in den diversen (meist erotischen) Untiefen ihrer Briefträger-, Chirurgen-, Kommerzialrats-, Admirals- oder Premierministerexistenzen. Da begegnet uns zunächst in alkoholgesättigter Heurigenatmosphäre der moribunde Alfons Alfred Schmidt mit seinen drei Töchtern, die auch angesichts des Hinscheidens ihres Familienoberhauptes neben einigen wenig schmeichelhaften Rückblenden auf das väterliche Leben vor allem ihre Vergnügungen im Kopf haben. Auf den Schlussvorhang dieser Heurigenoper folgen die meist adrett gereimten Auftritte unterschiedlichster Protagonisten, die da z.B. sind: der Ex-Sozialist Edwin Strohball, der nach langer Enthaltsamkeit mit seiner Gattin Lore zu geschlechtlichen Aktivitäten schreitet; ein gewisser Enquist Lasse, der dem Rendezvous mit seiner Geliebten Mizzi Schwegel fernbleibt, weil ihm vor ihrer Regel graust (welch praktischer Zufall, dass sich „schwegel“ auf „regel“ reimt); weiters niemand geringerer als Jacques Chirac, der sich mit seiner „fesch-blondine“ unterm Wirtshaustisch vergnügt – und nicht zuletzt das lyrische Ich, das einmal einen Banküberfall ausheckt, dann wieder sein ausgeprägtes Verlangen mit reiner Liebe verwechselt oder sich als Erfinder eines Apparats für schmerzvolle Deflorationen zu erkennen gibt.

Die meisten dieser Auftritte münden in eine mehr oder minder witzige, mehr oder minder platte Pointe. So überrascht es auch nicht, dass Amanshauser in der literarischen Avantgarde, sofern diese Bezeichnung denn noch zulässig ist, zwischen jenen Autoren unterscheidet, die, „sagen wir einmal in der Lyrik, machen, was für mich überhaupt das Wichtigste ist: dass sie einen zum Grinsen bringen, dass sie Humor haben“, und anderen, die „immer wieder irgendwelche Versatzstücke repetieren“ (Literatur und Kritik 345/346, Juli 2000). In dieser Taxonomie will er sich selbstredend zur ersteren Subspezies des avantgardistischen Autors gezählt wissen. Dieser so selbstherrlich wie durchsichtig angestellte Legitimierungsversuch des eigenen literarischen Treibens negiert zum einen die unbestreitbare Tatsache, dass auch heute noch so manche Autoren an der Arbeit sind, die im ursprünglichen Wortsinn der Avantgarde durchaus Substanzielles vorantreiben und dabei anderes als bloß ein Grinsen anstreben. Zum anderen lässt er jene Einsicht gänzlich vermissen, die der Leser spätestens bei der Lektüre seines Werkes gewinnt: dass nämlich Humor auf die Dauer nur auf dem Boden einer halbwegs niveauvollen Ernsthaftigkeit überzeugend – das heißt wirklich unterhaltsam – gedeihen kann. Fazit: Sollten Sie ein passionierter Leser der Humorseiten von Praline sein und den gewohnten Lesestoff zur Abwechslung einmal in Versform konsumieren wollen, dann greifen Sie jetzt zu Amanshausers Büchlein – ein gelegentliches lüstern-belustigtes Grinsen wird es Ihnen den Intentionen des Autors entsprechend allemal entlocken. Falls Sie zeitgenössischer Literatur jedoch mit einer anderen Erwartungshaltung begegnen, dann dürfen Sie, nicht unähnlich dem Rezensenten, Amanshausers Verse getrost als entbehrlich einstufen.