schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 05 - warten, bitte rückkopplungsrezension
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/05-warten-bitte/ruckkopplungsrezension

rückkopplungsrezension

Des Pop-Besessenen Christian Gassers gesammelte Bekenntnisse


Christian Gasser: Mein erster Sanyo. Bekenntnisse eines Pop-Besessenen

Berlin: Edition TIAMAT 2000

Rezensiert von: hannes luxbacher


An sich heißt es ja vorsichtig sein, wenn jemand sein Laster zur Leidenschaft macht und dieses dann auch noch unverhüllt samt aller Subjektzentriertheit in die öffentliche Auslage stellt. Also war auch beim Zugreifen auf Christian Gassers gesammelte Bekenntnisse eines Pop-Besessenen, die im eigentlichen Titel Mein erster Sanyo heißen (dazu später mehr), der erste durch Neugierde evozierte Reflex verzahnt mit Vorsicht und der Befürchtung, dass da vielleicht einer Luftgitarre spielt, weil die wahre und echte, also die gute Gitarre nicht bändigbar gewesen war (was sogar stimmt, wie Gasser selbst ausführt). Und überhaupt: Gerade eben lief High Fidelity von Nick Hornby im Kino und ist Andreas Neumeisters Gut laut kaum zwei Jahre alt, da kommt, neben all den vielerorts zur Genüge sezierten Popliteraten, schon wieder ein Buch daher, dass uns zu erklären versucht, wie nachhaltig die sekundäre (oder tertiäre) Sozialisation über Musik laufen und vor allem was dabei schief gehen kann, weil Pop-Besessenheit ja eine schier unglaublich gefährliche Angelegenheit darstellt. Für den Besessenen und sein Geldbörsel sowieso. Und für den Freundeskreis dann auch, speziell für den Lebensabschnittspartner resp. für die Lebensabschnittspartnerin. (Letztere ganz besonders, weil Pop-Besessene sind, einmal Klischee bitte, meistens männlich und mindestens pubertär verspielt.) Und jetzt wird’s augenblicklich sehr ernst: Sex, Drugs and Rock’n’Roll – und dann auch noch ein Buch daraus machen, und die Biographie sollte eigentlich ruiniert sein. Aber falsch gedacht! Christian Gassers Bekenntnisse, ursprünglich zwischen 1997 und 2000 in der Berner Woche erschienen, markieren keine aufdringliche Position des Allen-alles-erklären-Wollens was mit Pop und der Musik im Speziellen zu tun hat, sondern sind vielmehr liebenswürdige Glossen, die um den Anker Selbsterklärung mindestens ebenso kreisen wie um den – manchmal bemühten, manchmal heiteren – Versuch, Einblick zu gewähren in die antreibenden Motive, die einem sein Leben dem Sammeln und der Beschäftigung mit Pop zu verschreiben verurteilen. Mitunter dringt auch Melancholie ein, wenn es etwa darum geht, wie die zerbrochenen Lieben auf das Unmittelbarste auf die Zentralisierung der Musik zurückzuführen sind. Jedoch wird auch so anscheinend Nebensächliches abgehandelt wie die Unabhängigkeit der Befriedigung des Musikbesessenen vom Trägermedium – wem Originalpressungen wichtig sind, der ist Sammler, nicht Besessener, so Gasser. Auch der anscheinenden Notwendigkeit, eine mustergültige Anlage (HiFi, bitte, nicht Fonds) besitzen zu müssen, wird hier endlich einmal entgegnet. Schon der Sanyo im Titel weist darauf hin, dass die Welt nicht nur Sony ist. Zugleich kann sich der Interessierte/die Interessierte dem beliebten Prestigesymbolspiel hingeben und dem – unaufdringlichen – Namedropping folgen. Mein erster Sanyo ist kein Plagiat oben genannter Manifestationen, eher das unaufgeregte, manchmal heitere, manchmal routinierte Beschreiben und Offenlegen dessen, was einen Pop-Besessenen so treibt.