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manfred prisching | schneller

Ein Abriss über die kulturellen Charakteristika jener Epoche, in der wir leben

Unser Thema ist v = Delta s/Delta t beziehungsweise a = Delta v/Delta t. Schließlich leben wir in einer verwissenschaftlichten Welt, in der wir mit derlei abstrakten Hinweisen umgehen können müssen. Und die Formeln haben den Vorteil der Kürze; wir leben in einer Welt, in der die Zeit knapp ist, also ist es zweckmäßig, sich auf diese knappe Weise zu verständigen. Es könnte sein, dass irgendjemand nicht weiß, worum es sich handelt. Das macht nichts, denn es handelt sich dann um ein Residuum aus vergangener Zeit, um eine Person, die in der modernen Wissensgesellschaft nicht am Platze ist. Aber wenn wir – eine Übergangsphase lang – gnädig sein wollen, dann erläutern wir die Sache halt. Es handelt sich um Zeitlichkeit, Geschwindigkeit, Beschleunigung. Das ist in dieser Turbogesellschaft ein Thema. Dabei interessiert uns allerdings nicht der Apfel, der vom Baum fällt, oder der Grand Prix, bei dem die Autos aus der Bahn fallen. Es geht vielmehr um kulturelle Charakteristika jener Epoche, in der wir leben. Wir erleben die Beschleunigung aller Lebensbereiche. Das ist Phänomenologie und Lebensgefühl. Zeit ist zum Problem geworden. Entwicklung und Produktion laufen schneller. Es wird rascher konsumiert. Der Arbeitsmarkt ist flexibler geworden. Das Leben ist kurzatmiger. Kommunikation erfolgt rascher. Die Politik läuft in rasanter Geschwindigkeit ab. Die Kulturgüter werden schneller „umgeschlagen“. Wir sind im Stress.

Sachbücher und Ratgeber dürfen als Indikatoren für dieses Geschehen dienen, denn sie sind gewissermaßen die Sensoren für ein Massenbewusstsein. Eine Sichtung der Titel ergibt einen netten Markt für solche Publikationen. Da alle Menschen unter Stress stehen, muss ihnen entweder „the art of doing nothing“ wieder beigebracht werden oder sie müssen das „streamlining“ ihres Lebens lernen. Die allgemeine Ratgeber-Literatur weiß, wie auch die Symbole der Stress-Gesellschaft schlechthin, nämlich Manager, überleben: Die zeitsparende Ratgeber-Variante ist wohl 10 Minute Time and Stress Management; da werden jene zugreifen, für die auch der 10 Minute Guide to Leadership gedacht ist. Auch die Ratgeber unterliegen dem Wettbewerbsdruck. Der eine bietet 101 Ways to Make Every Second Count, der zweite überbietet mit 201 Ways to Manage Your Time Better, der dritte offeriert gar 365 Ways to Simplify Your Work Life. Das Büchlein ersetzt gewissermaßen das Brevier oder den täglichen Sinnspruch vom Wandkalender. Noch weitblickender sind jene, die schon Beyond Time Management denken, dorthin, wo es um „life balancing“ geht; denn das ist in der Tat aus den Fugen geraten. Journalisten klagen unter dem 1’30“-Journalismus. Wissenschaftliche Vorträge verkürzen sich auf zwanzig oder zehn Minuten. Kirchen bieten 10-Minuten-Andachten an. Berufstätige Mütter leiden unter der Doppelbelastung; und auch diese speziellen Märkte werden bedient. Für sie gibt es Ratgeber unter dem Titel The 5-minute Mum, die ihnen empfehlen, wie sie alle ihre Verpflichtungen unter einen Hut bringen, indem sie alle verfügbaren kleinsten Zeiteinheiten auf das effizienteste nutzen. The Family Manager’s Guide for Working Moms empfiehlt den planenden Zugriff auf die privaten Lebensbereiche, während Quantity Time: Moving Beyond the Quality Time Mythos. A Practical Guide to Spending more Time With Your Child das schlechte Gewissen berufstätiger Mütter direkt aufs Korn nimmt. Kurz: Time-Management ist für alle – „for Dummies“, „for Busy People“, „for Unmanageable People“ und für alle anderen. Kurse sind zu belegen für das Diagonal-Lesen – ein Buch in zehn Minuten -, falls man nicht auf das Angebot von Consulting-Firmen zurückgreift, die jeweils aktuelle Literatur, über die man Bescheid wissen muss, in Abstract-Form aufzubereiten – ein Buch in fünf Minuten. Time Management ist Überlebensstrategie in einer zeitlich überforderten Welt. Zeit ist ein Thema. Vielleicht das Thema. Es ist ein Thema für alle Lebensbereiche, auch für die Bildung. Schulabschlüsse sollen schneller erworben werden. Drop-outs von der Universität signalisieren vertane Zeit. Studien müssen in der vorgesehenen Zeit absolviert werden. Mehr Effizienz in der Bildung. Mehr Informationen in kürzerer Zeit. Bessere Abpackung der in Gehirne zu transferierenden Informationseinheiten. Reflexionsbeschleunigung.

Nachdenklichkeitseffizienz. Gesellschaft im raschen Wandel heißt auch: Ausbildung im raschen Wandel. Andererseits hört das Lernen nie mehr auf: lifelong learning. Mit einem Herzinfarkt vorzeitig in die Grube zu fahren, ist aber nur gestattet, wenn man vorher ein Wochenendseminar über das richtige Sterben besucht hat.

 

Die gestaltbare Zeit der Moderne

Die Grundidee der Moderne hat mit Zeitlichkeit zu tun. Seit sie in ihrem Selbstverständnis auf „Fortschritt“ programmiert ist, ist die statische Perspektive durchbrochen, kann die Welt nicht mehr bleiben, was sie ist: Fortschritt heißt Entwicklung in der Zeit. Mit einem solchen Grundmodell beginnt man, über die Geschwindigkeit der Entwicklung zu reden: über Innovation und Wandel, über Wachstumsraten, Beschleunigung und Verzögerung. Man kann ebenso beginnen, über Bereiche, die sich schneller wandeln, und andere, die hinterdreinhinken, zu reden: über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

Eine rasche Fahrgeschwindigkeit in die Zukunft erhöht die Planungsnotwendigkeiten. Wenn die Fahrt sich beschleunigt, sollte man eine größere Wegstrecke, die vor dem Vehikel liegt, in Augenschein nehmen: nach scharfen Kurven, Warnsignalen, Brüchen und Hindernissen Ausschau halten. Man muss sorgfältiger planen. Aber in Wahrheit sieht man nicht weiter als vorher, ganz im Gegenteil. Durch die steigende Geschwindigkeit schrumpft vielmehr die zeitliche Spanne des Wegstücks, das man übersehen kann. In einer langsam sich verändernden Gesellschaft kann man zehn oder zwanzig Jahre prognostizieren, in einer turbulenten Gesellschaft nur noch wenige Jahre, und selbst diese Prognose wird unzuverlässig. Die Euphoriker der New Economy betonen, dass man weitsichtig operieren müsse; aber kein Mensch kann voraussagen, wie die vernetzte Chip-world in zehn Jahren aussehen wird.

Die Planungsnotwendigkeiten steigen, weil die technische Reichweite und die Eingriffsmacht der Menschen gestiegen sind, aber die Planungsmöglichkeiten nehmen ab. Es sind Zeitverläufe, in welche die Individuen eingespannt sind wie nie zuvor. Sie müssen planen: ihren Tagesablauf, ihre Identität, ihre Karriere, ihr Leben. Nichts ist mehr selbstverständlich, nichts kommt von selbst. Der Terror der Freiheit erhöht den Druck. Die Uhr bestimmt das Verhalten auf der Alltagsebene; die Karriere auf der biographischen Ebene; die Planung, die immer weitsichtiger werden müsste, auf der politisch-administrativen Ebene. Aber die Zeit, wie wir sie erleben, ist kein Band, kein Strom, kein Gleiten von Tätigkeiten, die kontinuierlich, zusammenhängend, einander folgend sind. Es ist kein Verlass auf die Zeit mehr. Der Alltag ist von Stress, die Biographie von Brüchen, jede Planung von Überraschungen gekennzeichnet. Planen wird immer unmöglicher. Überraschungen werden häufiger. Das Leben wird gefährlicher. Wir leiden unter dem Umgang mit der Zeit, weil wir merken, dass unsere Entscheidungen „unseriös“ werden. Es ist keine Zeit zum Nachdenken; keine Zeit, etwas abliegen zu lassen; keine Zeit zum „Wachsen“.

Da alles machbar ist, kann nichts mehr hingenommen werden. Die gesteigerte Machbarkeit beraubt uns jeder zeitlichen Einbettung. Es ist nicht mehr die Hinnahme eines Wandels, der nicht anders sein kann, das Warten auf die Wiederkehr regelmäßiger Geschehnisse; unser Blick auf die Zeit ist nicht mehr von Sonnenaufgang und Unwetter, von Jahreszeiten und Feiertagen geprägt. Es ist eine von Menschen gemachte, vorgeschriebene und strukturierte Zeit, und dennoch tritt sie uns mit der Übermächtigkeit von Naturzwängen entgegen. Wir leben in einer riesigen, menschengemachten Maschine, die ihren eigenen Takt schlägt. Sie zwingt den Rhythmus auf. Wir können unserer zeitlichen Fremdbestimmung nicht entrinnen, und das Netz wird immer enger.

Aber der Anspruch geht in dieser individualisierten Gesellschaft genau in die Gegenrichtung. Wir haben die Möglichkeit und den Zwang, zu gestalten und zu entscheiden, und am Ende steht auch der Anspruch auf Kreativität und Spontaneität. Die Spontaneität aber wird in abgezirkelte, zeitlich wohlbemessene Arenen beschränkt. Die rationalisierte Maschinerie sieht dann auch zeitliche Lücken vor; „Freiräume“, in denen Spontaneität auszuleben wäre – wenn die chronometrisch durchtrainierten Individuen dazu noch in der Lage wären. Es ist eine zerbrochene, eine aufgelöste Zeit: die Zerfetzung von Zeitlichkeit, mit der wir konfrontiert sind.

 

Zeitdisziplin

Die erste Besonderheit ist die Disziplinierung der Menschen in der postmodernen Gesellschaft durch Zeitstrukturen. Norbert Elias hat in seiner Zivilisationstheorie beschrieben, wie durch das Hineinwachsen in die modernen Apparate der Daseinsversorgung und der politischen Pazifizierung das emotionelle Leben der Menschen seiner Spontaneität beraubt wird. Scham- und Peinlichkeitsschwellen rücken vor, unmittelbare Triebäußerungen werden verpönt, die Affektregulierung schreitet voran. Der Einzelne ist in lange Handlungsketten eingebunden, und er muss „korrekt“ funktionieren. In modernen Büros wird nicht gepfiffen, gesungen und gehüpft. In vernetzten Systemen ist Spontaneität gefährlich. Autofahrer im urbanen Straßenverkehr haben jede Fußbewegung auf das sorgfältigste zu kontrollieren. Gewaltregungen dürfen nicht mehr ausgelebt werden.

Zur sich entwickelnden „Selbstzwangapparatur“ gehören auch strikte Zeitraster. Der Tagesablauf ist streng eingeteilt. Man kann sich nicht hinlegen, wenn man müde ist, oder dann mehr arbeiten, wenn man sich gut fühlt. Üblicherweise kann man seine Tagesleistung nicht je nach dem Befinden erhöhen oder reduzieren, sondern hat seine Stunden abzudienen. Die „Fabrikszeit“, die „Bürozeit“, die „Öffnungszeit“ muss gegenüber individuellen Befindlichkeiten durchgesetzt werden. Jeder ist auf den anderen angewiesen, alle sind dem Rhythmus der Maschine – oder einer maschinenhaften Umwelt – verpflichtet; die „Maschine“, in der man sich befindet, ist ja nicht aus Eisen und Blech, es ist die moderne Zivilisation selbst.

Man muss sich nach den Vereinbarungen richten, und zunehmend trifft man auch die Vereinbarungen nicht mehr selbst; vielmehr werden Besprechungen mit Hilfe von vernetzten Softwareprogrammen vereinbart, die den Überblick über freie Zeitfenster der gewünschten Besprechungsteilnehmer bieten und „Buchungen“ zulassen. Jeder einzelne hat des Morgens nur noch das Computerprogramm anzuwerfen und nachzusehen, was er heute im Zuge jeder ablaufenden Stunde zu tun hat. Er hat die Vorgaben hinzunehmen. Helligkeit und Finsternis sind keine Regulative mehr; solche Vorgaben werden beseitigt, werden durch „künstliche Vorgaben“ ersetzt. Die „künstliche“ Zeiteinteilung beherrscht das Verhalten, sie ist ein tiefgreifendes Selbstzwangprogramm, ein eisernes, aber selbstgeschaffenes Gehäuse der Hörigkeit. Die Einpassung in den „modernen“ Zeitablauf mag mit der Verwendung von Uhren begonnen haben; aber seitdem ist Zeit allgegenwärtig geworden, die Zeit begegnet uns überall, sie ist eingebaut in alle technischen Geräte, in Telefon, Computer, Auto, Radio, Küchenherd ... Die Zeit ist so knapp, dass in sie jeweils mehrere Aktivitäten gepresst werden: Wir geraten in Bedrängnis durch die um sich greifende multifunktionale Zeitnutzung, durch die Gleichzeitigkeit mehrerer Verwendungsweisen: das Arbeitsessen, der Fernseher im Hintergrund, Power Training, Telefonieren während des Autofahrens ... – das erfordert eine Selbstdisziplin wie nie zuvor und macht ein „personal efficiency program“ notwendig. Ratgeber nehmen das zur Kenntnis. Self Discipline is Success betitelt sich ein Zeitmanagementbüchlein, und es ist selbstverständlich auch in Audio-Form erhältlich, damit es ohne Zeitverlust im Auto abgespult werden kann.

 

Zeitflexibilisierung

Als zweite Besonderheit ist die Flexibilisierung der Zeitlichkeit zu nennen. Das „Zeitgefüge“ ist in Auflösung, unter dem Gejubel der Flexibilitätsbefürworter, und zwar in mehreren Schritten. Erstens: Das „alte“ Modell der Zeitverwendung war mit Tätigkeiten verknüpft, die in „langsamen Prozessen“ verankert waren – der Wandel der Natur, das Erbe des Geschäftes, Reisen mit Segelschiffen ... Zweitens: Die „moderne“ Welt hat engere Zeitstrukturen geschaffen; es musste der geplanten Zeit Gehorsam geleistet werden in einem engen Korsett, dem Rhythmus der Maschine, den Vorgaben einer technisierten Welt, dem vollen Terminkalender. Drittens: Die „Flexibilität“ der Postmoderne verschärft die Zeitzwänge noch einmal; es geht nicht mehr nur um ein vorgegebenes Korsett, sondern um das Ausgeliefertsein an diskretionäre Sprünge; um jederzeitige Abrufbarkeit, Beantwortbarkeit, Erreichbarkeit. Es wird aktiv (vonseiten des anspruchsvollen Konsumenten) der Anspruch erhoben, festgelegte Zeitstrukturen jederzeit aushebeln zu können: Erdbeeren im Winter, Schifahren im Sommer. Es wird passiv (vonseiten anspruchsvoller Arbeitgeber oder Kunden) der Anspruch erhoben, dass jeder jederzeit zur Verfügung zu stehen hat.

Das gilt auch für den Alltag. Nicht nur einem festgelegten Plan ist zu folgen, sondern einem Plan, der sich dauernd ändert, der von einem Moment auf den anderen Unvorhergesehenes befiehlt. Am Nachmittag erfährt man, dass abends eine „Krisensitzung“ anberaumt ist. Auf dem Anrufbeantworter ist die Nachricht hinterlegt, dass man morgen nach Sri Lanka fliegen muss. Auf dem Handy kommt die SMS-Nachricht, dass man sofort im Betrieb benötigt wird. Abends um 23 Uhr der Anruf: Kannst du mir noch schnell die Unterlagen faxen? Unsere „24 hour society“ beginnt Gestalt anzunehmen. Die Flexibilisierung radiert Redundanzen aus. Die letzten Lücken ungenutzter Zeitlichkeit werden ausgefüllt. Fünf Minuten Zeit – was erledigt man? Das allseitige Produktivitätssteigerungsbestreben geht mit Redundanzverlust einher. Wir sind verunsichert angesichts der Auflösung von Zeitstrukturen: Man kann rund um die Uhr einkaufen, nachts arbeiten, die Ränder des Wochenendes fransen aus, es gelten alle Zeitverwendungsweisen gleichzeitig. Die jederzeitige Verfügbarkeit von allem und jedem ermöglicht Freiheiten, richtet sich aber auch gegen jeden einzelnen und schränkt seine Freiheiten dadurch wieder ein. Flexibilität und Disziplin ergänzen einander. Je flexibler die Zeitverwendung abläuft, desto mehr Disziplin ist erforderlich, damit nicht alles aus den Fugen gerät. Die Zeit muss als Medium der Koordinierung von individuellen Handlungen standardisiert werden, und die Tugend der Pünktlichkeit gewinnt an Bedeutung. Wer nicht erscheint, ist unzuverlässig; denn er stiehlt anderen die Zeit, und dies mag in einfacheren Gesellschaftsformationen tolerierbar sein, in der modernen Gesellschaft ist es skandalös, mit der knappsten aller Ressourcen so umzugehen.

 

Zeitknappheit

Die dritte Besonderheit ist die Zeitknappheit in der Erlebnisgesellschaft. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist das Leben kürzer geworden, zum anderen sind die Zeitverwendungsoptionen angewachsen. Von der Kürze des Lebens zu reden, ist ungewöhnlich in einer Epoche, in der die Lebenserwartung der Menschen so hoch ist wie nie zuvor. Die „arbeitsfreien“ Teile am Beginn des Lebens (Ausbildungszeiten) und am Ende des Lebens (Pensionszeiten) waren in keiner Gesellschaft so reich bemessen. Aber frühere Gesellschaften haben über eine zeitliche Entlastung verfügt, die heute nur noch selten zur Verfügung steht: das ewige Leben. Sie wussten, dass ihr Erdendasein eine vergleichsweise kurze und mühsame Periode war, während das jenseitige Leben – Sündlosigkeit vorausgesetzt – ewig währen und sich glücklich gestalten würde. Sie konnten schon deshalb keinen „Freizeitstress“ entwickeln, ganz abgesehen davon, dass keine Möglichkeiten zur „Überfüllung“ der Freizeit bestanden haben; die eigentliche „Freizeit“ fing erst nach dem Tode an. In einer säkularisierten Gesellschaft ist das ewige Leben abgeschafft. Was den Ahnen ziemlich kurz schien, das diesseitige Sein, wird zum Ganzen des Lebens: Was man in diesen Zeitraum nicht hineinpacken kann, das findet nicht statt, das kann man nicht erleben. Da hilft es auch nichts, wenn die Lebenserwartung um zwanzig Jahre steigt; denn angesichts des Vergleichs mit dem ewigen Leben ist das eine jämmerliche Zeitspanne. Das zweite Argument bezieht sich auf den Anstieg der Zeitverwendungsoptionen. Die moderne Gesellschaft ist reich: eine Luxusgesellschaft, mit viel Brot und noch mehr Spielen. Das ist der Grund, dass die Zeitknappheit nicht nur eine kleine Gruppe, managerhafte Gestalten, befällt, sondern als Phänomen verallgemeinerbar ist. Die Luxusgesellschaft verbraucht die Zeit aller, und zwar aus zwei Gründen. Zum einen gibt es eine reiche Ausstattung der Individualwelten. Haushalte verfügen über eine Maschinerie, wie sie vor wenigen Jahrzehnten nicht einmal industrielle Mittelbetriebe besessen haben. Aber die ganze Apparatur muss erhalten werden. Der CD-Player ist kaputt und muss in die Werkstatt. Das Auto muss zum Pickerl. Ein neues Update für das Computerprogramm ist fällig. Der Toner für das Fax ist ausgegangen. Batterien für den Wecker. Ein neues Plastikarmband für die Uhr. Ein Abonnement stornieren. Die Formulare für das Finanzamt. Die Vielfalt ist gestiegen. Aber die spezielle Glühlampe für das Vorzimmer gibt es nur in einem Geschäft am anderen Ende der Stadt. Der italienische Lieblingswein ist nur in einem bestimmten Laden zu finden. Das alles braucht Zeit. Aber die Transaktionskosten sind durch die Vermarktlichung vieler Lebensbereiche gestiegen. Die Wäsche muss aus der Putzerei geholt werden. Der Sohn will zum Fitness-Studio gefahren werden, weil er nicht mehr einfach im Hof Fußball spielt (und keinen Hof mehr hat). Das alles spart, aber es kostet auch Zeit.

Zum zweiten – und dies ist wohl der wichtigere Grund – herrscht Versäumnisangst. Die Luxus- und Spaßgesellschaft hat so viel zu bieten, aber die Zeit lässt sich nicht strecken. Man versäumt immer mehr, weil das Angebot ungeheuer wächst, man aber nur um weniges mehr in einer gegebenen Zeit konsumieren, erleben, erfahren kann. Die Erlebnisse mögen sich verdreifachen, aber das Angebot hat sich verzwanzigfacht. Die „Erlebensrate“ – der Anteil dessen, was man vom potentiell Erlebbaren wirklich erleben kann – sinkt, und damit verdichtet sich die Erfahrung, dies und jenes und überhaupt das meiste versäumt zu haben. In einer Erlebnisgesellschaft, deren wesentliches Kriterium aber gerade das Erleben ist, das Gefühl des Sensationellen, des Spektakulären, in dieser Gesellschaft ist die steigende Versäumniserfahrung fatal. Es wird einem immer mehr vom „Leben“ gestohlen, und der Versuch, noch mehr in die vorhandenen Zeiteinheiten zu packen, bleibt hoffnungslos hinter den expandierenden Optionen zurück. Deshalb zappen die fernsehenden Individuen durch die Programme, deren es bald zweihundert oder fünfhundert sein werden, und manche üben sich schon im simultanen Betrachten mehrerer Kanäle. Man zappt auch von einem Lokal ins andere, von einer Party zur anderen; es könnte ja irgendwo die Sensation geben, derer man harrt. Schließlich werden allenthalben Bilder davon vermittelt, auf welch adrenalinintensivem Niveau anderswo – irgendwo – die Freizeit absolviert, gefeiert, gejubelt wird. Dort, wo man selber ist, scheint es vergleichsweise immer fad zu sein. Irgendwo aber muss die Sensation doch stattfinden. Also begibt man sich auf die Suche.

Die verfügbare Zeit muss mehrfach, multifunktional genutzt werden. Wir proben die Vergleichzeitigung mehrerer Aktivitäten, weil nur auf diese Weise die Zeit erstreckbar scheint. Auch die reichste Gesellschaft kann nicht mehr Zeit verschaffen. Bei der Zeit hören sich die „Wachstumsgesellschaft“, die „Wohlstandsgesellschaft“ und die „Luxusgesellschaft“ auf. Zeit bleibt ein knappes Gut. „Making the Most of Your Time“ gilt deshalb nicht nur für den Job, sondern auch für die Freizeit. Der Kurz-Trip: Europa in sieben Tagen. Die Kurz-Erholung: Wellness in drei Tagen. Kontakte und Erfahrungen werden unter dem Zeitdruck aber immer oberflächlicher, rascher, auch aggressiver. Es sind viele Interaktionen, rasche Begegnungen. Aus dem Zusammenkommen wird immer mehr ein Zusammenprallen. Die Sache wird weniger höflich, ein wenig brutaler.

 

Vergegenwärtigung

Ein viertes Moment ist das der Gegenwartsbezogenheit. Die moderne Zivilisation ist dynamisch. Die Zahl der Innovationen pro Zeiteinheit nimmt zu. Die Zahl der Jahre nimmt ab, über die man in der Erwartung hinausblicken kann, dass man eine Welt vorfindet, die in wesentlichen Hinsichten so aussieht wie die Welt, die man gewohnt ist. Die Zeitperiode, nach der man die gewohnte Lebenswelt nicht mehr wiederzuerkennen vermag, nimmt ab. Der Philosoph Hermann Lübbe nennt das Gegenwartsschrumpfung. Machiavellis Interesse an der römischen Geschichte, so illustriert er, war ein Interesse an Vorgängen, die ihm auch als Muster und Erfahrungsschatz für die Beurteilung der politischen Vorgänge seiner Zeit dienen konnten – eineinhalb Jahrtausende später. Die Erfahrungen des Erstens Weltkriegs, nicht einmal ein Jahrhundert zurück, sind hingegen heute nur noch von historischer Bedeutung. Die Erfahrung des Veraltens und der Gestrigkeit drängen sich innerhalb der drei Generationen, die nebeneinander existieren, heute mit aller Macht auf. Die Veraltensgeschwindigkeit aller Erfahrungen ist gestiegen, die Musealisierung aller Ressourcen, auch der Bildungsbestände, hat sich enorm beschleunigt. Objekte, die gerade einmal drei Jahrzehnte alt sind, werden als museumsreif betrachtet. Hits aus den achtziger Jahren gelten als „Klassiker“. Modische Elemente von vor zwanzig Jahren kehren wieder, weil sie jeder bereits vergessen hat. Die gegenwartsversessene Gesellschaft weiß nicht mehr, was geschehen ist – woher sie kommt, wie sie selbst beschaffen ist. Sie hat nicht nur keinen ernsthaften Blick auf die Zukunft, vom euphorischen Gejubel oder apokalyptischen Geheule abgesehen; sie hat auch keinen Blick in die Vergangenheit. Es ist die Gegenwart, in der alles glitzert und gleißt, tönt und brüllt.

Fraktale Zeit und Entschleunigungsideologien Alle diese Erscheinungen fügen sich zum Bild einer fraktalen, zerrissenen Zeit: einer Zeitverbringung unter Druck und Stress, Fremdbestimmung, Lärm, dem ständigen Ertragen von Gleichzeitigkeiten, ständiger Erreichbarkeit. Freilich sind dem Wirbel auch positive Akzente abzugewinnen: Erlebnis und Vielfalt. Auch Jahrmarkt macht Lärm, und die Menschen gehen freiwillig hin. Aber die Gegenkomponente wird auch geschätzt, die integrierte Zeit: Landschaft, Stille, Ruhe, Kontemplation, Selbstbestimmung – und diese wiederum können ins Negative umschlagen: in Langeweile und Monotonie. Auch letzteres gibt es, und der Fernseher als Tröstungs- und Zeitverbringungsapparatur für ältere Menschen, die in dem ganzen Wirbel weitgehend auf sich selbst gestellt sind, ist nicht zu unterschätzen. In den Zentren dieser Gesellschaft ist Zeit knapp, nur an den Rändern gibt es sie im Überfluss. Aber die Zentren bestimmen das Wesen dieser Gesellschaft.

Eine Gesellschaft ist kein homogenes, konsistentes Ganzes, und für die postmoderne Gesellschaft gilt dies ganz besonders. Jede Bewegung löst auch Gegenbewegungen aus, die sich an den Rändern der Gesellschaft artikulieren – wobei als Gegenbewegungen hier nicht periphere soziale Gruppen gemeint sind, sondern Gruppen, Zirkel und Kreise, die eine Antithese zum Mainstream vertreten, in wirksamer oder unwirksamer Weise, mit modischem oder zeitgeistigem Einfluss oder mit reaktionärem, gestrigem Image, auf rein theoretischer oder auch auf praktischer Ebene. Sie stellen gewissermaßen „Erinnerungsposten“ an alternative Möglichkeiten des Lebens dar. In Bezug auf die Zeitfrage belebt sich seit etlichen Jahren eine Entschleunigungsdiskussion: eine Kritik an der hochgetrimmten Geschwindigkeitsgesellschaft, an der „time-space compression“, die in Forderungen nach Langsamkeit, Innehalten, also „Entschleunigung“ mündet.

Es gibt zumindest zwei Verankerungen für solche Überlegungen. Peter Glotz meint, es handle sich um eine aggressive Ideologie von Modernisierungsopfern, die – als absinkende Mittelschichten, denen nunmehr ja auch viele formulierungsfähige Akademiker angehören – ihre eigenen Werte und Normen gegen die virtuelle Klasse der Zukunft aufbauen, um ihr Versagen zu erklären und in eine neue Lebensinterpretation umzumünzen. Die schwächeren Gruppen, die sich in prekären Arbeitsverhältnissen dahinschleppen und in Wahrheit nicht Schritt halten können unter dem Druck der Verhältnisse, hätten gerne eine andere „Zeitlichkeit“ – angefangen bei einem ruhigen, sicheren Job, bei dem man nicht jeden Tag zur höchsten Leistung auflaufen muss, verbunden mit einer patriarchalischen Lebenshaltung, in der es immer eine Instanz gibt, die dem Überforderten allemal Schutz gewährt. Ihr Antistress-Zeitkonzept ist Legitimierung der eigenen Schwäche.

Aber die Glotzsche Behauptung ist wenig überzeugend, da doch jene Entschleunigungsideologie, die publikumswirksam wird, von anderen formuliert wird. Weder österreichische noch französische Philosophieprofessoren sind Modernisierungsverlierer, und Hilfsarbeiter räsonieren nicht über Entschleunigung. Einschlägige Bestsellerautoren sind die Gewinner der Krise. Viel eher könnte man vermuten, es handle sich um den Ausdruck von Überlastungssyndromen von Modernisierungsgewinnern. Es macht Spaß, in der Turbulenz mitzumischen; aber es gibt auch stillere Momente, an denen die Erschöpfung durchbricht. Es gibt Manager, die wöchentlich im Flugzeug sitzen; hochspezialisierte Techniker, die nicht wissen, auf welchem Kontinent sie nächste Woche arbeiten; Lehrer, die „ausgebrannt“ sind.

Freilich, beide Gruppen greifen auf ähnliche ideologische Versatzstücke zurück, um den Zeitdruck abzuwehren: auf Kategorien des „Sinns“, der sich trefflich für jede weltanschauliche Spielart einsetzen lässt; auf „Nachdenklichkeit“, ein durchaus universell einsetzbares Antidot gegen Modernität; auf „Gemeinsinn“, von dem sich schon viele die Heilung aller Übel erwartet haben; auf „Natürlichkeit“, die immer dann, wenn es um romantische Aufschwünge geht, herhalten muss. Es macht sich eine Seinsversessenheit breit, die in der „Tiefe“ des Denkens, wie so häufig, die beliebig gestaltbaren Waffen findet, um gegen den Druck der modernen Welt anzulaufen. Die ideologische Wunderwaffe ist natürlich dort zu finden, wo die moderne Geschwindigkeit als militaristische und faschistische Kategorie entlarvt wird, wie dies Paul Virilio, einer der führenden Philosophen in diesem Genre, beredt, wenn auch nicht immer verständlich tut.

Die Geschwindigkeitsideologie hat also ihr Gegenstück, die Antigeschwindigkeitsideologie. Das heißt aber nicht, dass manche der Kategorien der „Geschwindigkeitskritiker“ sinnlos sind, dass es nicht in der Tat Formeln sind, die sich zumindest potentiell mit alternativen Lebensvorstellungen anreichern ließen. Der „ausgebrannte“ Manager hat guten Grund, sich zu fragen, ob er alles richtig gemacht hat. Wer sich an seiner Midlifecrisis abarbeitet, ist durchaus berechtigt, zu überlegen, ob nicht Weniger mehr gewesen wäre. Wer bis zur Erschöpfung für eine Firma gearbeitet hat, die ihn nunmehr, da seine Leistung nachlässt, ohne viel Federlesens vor die Türe setzt, kann sich sehr wohl fragen, ob er nicht besser seine Abende anders verbracht hätte als mit der Aufarbeitung der Geschäftskorrespondenz. Ideologischen Kitsch gibt es auf allen Seiten. Die Geschwindigkeitseuphoriker, die den kommunikativen Einstieg in die 24-Stunden-Gesellschaft bejubeln, produzieren ihn ebenso wie die Entschleunigungstheoretiker, die den allseitigen Zusammenbruch voraussagen, sobald auch nur die Frage nach der Effizienz gestellt wird. Letztlich geht es immer wieder um die alte Frage nach dem „guten Leben“. Aber wir haben keine Zeit mehr, sie zu stellen.