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schöner streiten

helwig brunner | schöner streiten

Die knallharte Diagnose postmoderner Bewusstseinsspaltung öffnet den Blick für die Ästhetik zwischenmenschlicher Warten – oder etwa nicht?

Wenn sich nicht von Anfang an eine andere Logik oder ein anderer Raum abzeichnen, dann wiederholt und bestätigt der Umsturz mit negativen Vorzeichen das, was er bekämpft hat. - Jacques Derrida

1 Ein Scharmützel
Wenn du und ich problematisch aneinandergeraten, und erfahrungsgemäß betreffen nicht wenige Probleme in erster oder letzter Konsequenz ein Du und ein Ich, dann gebieten uns oft schon die gute Kinderstube beziehungsweise die nicht ganz so guten dort gesammelten Erfahrungen, die Verteidigung und Behauptung unserer sei sie auch noch so gerechtfertigt erscheinenden Position fürs Erste hintanzustellen und unser weiteres Verhalten verstärkt am Leitbild friedlichen Zusammenlebens auszurichten.

In spontanem Bereitschaftsdienst nehmen wir uns um das ramponierte Gefüge der betreffenden und betroffenen Beziehung an, wo immer diese auf der langen Skala denk- und lebbarer Formen menschlicher Koexistenz zwischen flammender Liebe und kalmierter Feindschaft auch anzusiedeln ist, und versuchen den Schmissen, die jenes kleine Scharmützel darin angerichtet haben mag, durch geeignete Analgetika und Sedativa aus unserem psychosozialen Erste-Hilfe-Kofferl rasche Linderung angedeihen zu lassen.

Dabei unterstellen wir den akut zu Tage getretenen Meinungsverschieden-heiten prinzipielle Lösbarkeit, Ausgleichbarkeit oder doch irgendeine Art von potenzieller Kompatibilität, wie wir uns ja auch mit manchen etwas kernigeren Attributen, die wir unserem Gegenüber in der Hitze des krisenhaften Ereignisses zugesprochen haben, ganz fraglos verstanden wähnen.

Falls das Österreichische als gemeinsame Muttersprache und Vatermentalität unseren Dialog segnet, ist es uns ein besonders Leichtes, nach einem vitalen Aus- und Abtausch spontan formulierten Klartextes flugs wieder ein alles vergessen machendes Wort des Kompromisses auf den Lippen zu führen.

Über die eigentlichen Gründe, Hintergründe und Abgründe des unerfreulichen Zwischenfalls möchten wir, ist das Schlimmste erst einmal ausgestanden, in der Regel nicht mehr wissen als das, was unvermeidlich bereits zum Vorschein gekommen ist. Aber auch solcher Vorschein hat seinen Namen meist zu Recht: er ist Schein, oft noch nicht einmal das; als solcher hat er noch wenig mit dem Sein des eingangs erwähnten Ich und Du, geschweige denn des aus diesen beiden konstituierten Wir zu tun. Mittels Röntgenbild bis in die Wurzeln zurückverfolgt müsste so manche in vermeintlich belanglosem Missgeschick zugefügte oder erlittene Schramme bloß noch als Symptömchen, als niedliche kleine Metapher für die tiefe und erst eigentlich erschreckende Unvereinbarkeit grundverschiedenen Welt- und Selbstverständnisses in den Beziehungsbefund eingehen.

Was für ein Glück, dass wir auch jenseits der Ersten Hilfe auf eine wohlgefüllte Apotheke äußerlich anzuwendender Salben und Tinkturen zurückgreifen können, die vor allem eines leisten: unserer Haut ihre Durchsichtigkeit, den Oberflächen ihre Durchschaubarkeit zu nehmen. Ein trüber Kleister aus individueller Konturlosigkeit des Eigenen und so wohlmeinender wie superfizieller Toleranz gegenüber dem Anderen, vielfach in klebriger Dauerfrische gehalten mittels der selbstregenerierenden Kräfte und Säfte sexueller Appetenz, kittet jederzeit, oder doch immer wieder über kurz oder lang, die prospektiven Bruchstellen.

2 Es war einmal

 

Man stelle sich vor, die Königin im Märchen vom Schneewittchen hätte von dem Spieglein an der Wand ihres Gemaches auf die Frage, wer die Schönste im ganzen Land sei, weder ein affirmatives „Ihr seid es!“ noch ein gnadenlos feindbildstiftendes „Aber hinter den sieben Bergen...“ zur Antwort bekommen, sondern zum Beispiel ein so taktvoll wie hilflos psychologisierendes „Entschuldige, aber was genau meinst du mit Schönheit?“.

Das Spieglein an der Wand ist längst überfordert: es weiß nicht mehr, was sein Benützer sehen will. Das hält auf die Dauer kein Spiegel aus; gebrochen wie das Spektrum kontemporärer Denk-, Fühl- und Lebensweisen hängt er an der Wand und seine Scherben stecken uns in den zerebralen, emotionalen und genitalen Weichteilen. Ebenso überfordert ist das in den Spiegel schauende Ich. Es sieht sich um die eindeutigen Antworten des einst so hellsichtigen Spiegels betrogen und muss nun nicht nur selbst über die Schönheit befinden (ob sie nun vorliegt oder nicht), sondern auch noch über die Schönheit selbst (was sie, wenn sie vorliegt, bedeutet).

Die flimmernden Facetten gegenseitigen Genügens und Ungenügens haben uns, so ist zu vermuten, den Blick in den Spiegel gründlich verleidet. Solcherart empfänglich gemacht für pflegeleichtere Schönheitsutopien aus zweiter Hand, sieht das unrettbare Ich lieber fern. Beim Hauptabendprogramm lässt sich´s so schön zusammenkuscheln und in identitätsstiftender Gemeinsamkeit Popcorn futtern aus der wohlgefüllten SAT-Schüssel.

3 Schattenrisse

 

Um der Verständlichkeit des Gemeinten willen ist es unvermeidlich, an dieser Stelle eine einfache, ja sträflich vereinfachende Typologie der Umrissformen rezenter Ichkonzepte hinsichtlich einiger hier besonders interessierender Aspekte zu entwerfen. Vorausgesetzt wird dabei, wie unschwer zu erkennen ist, eine grundsätzliche Parallelität individueller und überindividueller Wege: wie jeder Mensch eine Zeitlang mit den Kiemenspalten seiner Urahnen im dunklen Uterusteich schwamm, spiegelt sich auch die kulturgeschichtliche Etappenfolge im – wie weit auch immer vollzogenen – Werdegang des Einzelnen wider.

Das in der Prämoderne und harmlos sich anlassenden Moderne verharrende Ich zelebriert seine letztliche Unfasslichkeit als Garant für intakte Individualität. Als Produkt der Verweigerung beziehungsweise des umständebedingten Ausbleibens substanzieller Fortentwicklung begegnet es uns heute in Gestalt des, nennen wir ihn „pragmatischen Postromantikers“; die Rückkehr ins romantische Ideal, sicher geleitet an dessen historischen Erscheinungsformen, gilt ihm entweder gänzlich ungebrochen oder, selten genug, mit einem Schuss ahnungsvoller Selbstironie immer noch als schönes Ziel sowohl der Kunst(rezeption) als auch des – ansonsten zur kontemporären Alltagstauglichkeit ernüchterten – zwischenmenschlichen Umgangs. Eigener kreativer Ausdruck gerät ihm zur Überforderung, wenn er über genügend selbstkritisches Potenzial verfügt um seine persönliche Ferne zum künstlerischen Diskurs der Gegenwart zu ermessen, oder zur Lächerlichkeit, wenn dies nicht der Fall ist. Bevorzugt wird daher die weitgehend passive Kunstrezeption. Aus Repräsentanten dieses Selbstverständnisses rekrutiert sich beispielsweise das angestammte Musikvereinspublikum, das auf Bach ehrfürchtig, auf Schumann wahrhaft ergriffen, auf alles, was etwa über den frühen Schönberg hinausgeht, hüstelnd und auf den gesamten Konzertabend mit undifferenziert freundlichem Applaus reagiert.

Das Ich der fortschreitenden Moderne sitzt als von wenigen aufrecht durchlaufene, von vielen lateral umschiffte und von noch Zahlreicheren erst gar nicht begriffene Selbstverfassung zwischen allen Stühlen. Es sucht, bereits und noch immer, seinen und jeglichen Atomkern, das für unteilbar gehaltene Wesen der Welt, und fühlt sich dem Absoluten als dem Leitbegriff moderner Ideengeschichte in Form verschiedenster Konzepte und Manifestationen (die so absolut demnach nicht sein können) verpflichtet. Es negiert nach Kräften sowohl den darin implizierten Widerspruch als auch den Hang zum Totalitären, der seinem Streben nach Univalenz und monolithischer Geschlossenheit innewohnt. Form und Wert gebende Grenzen werden konsequent überschritten, um zum Wesen und seinem Wesentlichen vorzudringen; der in diesem Zwang invasiven Überschreitens schon vorgezeichnete Zerfall der Meta-Erzählung von der großen Ganzheit bleibt freilich immer in den rettenden Kontext einer übergeordneten beziehungsweise innewohnenden Ganzheit gestellt. Durch die Erfahrung, in wie unterschiedlichen und widersprüchlichen Inhalten sich die Ideen des Absoluten manifestieren können, führt sich das Unterfangen der Moderne ad absurdum und steuert in seine letale Krise, die entweder – im durchaus denkbaren Fall des lebenslänglichen Modernisten – durch individuelles Beharren auf einigen wenigen, in sich konsistenten Konzeptionen oder durch relativierende Aufweitung hin zu einem postmodernen Selbstverständnis beantwortet wird. Letztlich führt die Moderne also geradezu in die Dissoziation des absoluten Ganzen, dessen intakte Fraglosigkeit sie vorausgesetzt hat.

Diese unerwünschten Nebenwirkungen der Moderne werden zum Wirkungsprinzip der Postmoderne. Angesichts einer Pluralität der Wissensformen, Lebensentwürfe und Handlungsmuster dekonstruiert sich das nach absoluter Wahrheit strebende Ich; es folgt nun kursorisch seiner fraktalen Struktur, reflektiert sich in Chaostheorie und multimedialer Vernetzung und artikuliert sich im bunten Zusammenspiel verschiedenartiger Codes. Modulare Zusammensetzbarkeit und reversibel vereinbarte Reglementierungen kennzeichnen den Umgang mit Nahem und Nächstem. Entscheidend ist das Zusammenspiel privater und gesellschaftlicher Subsysteme, nicht die elitäre Ausrichtung am absolut Gesetzten und schon gar nicht die Repräsentanz des Subjekts im Kunst-Werk. Das Leben in seiner radikal pluralistischen Wirklichkeit zeichnet die Begriffe und Konzepte, nicht umgekehrt. Freilich schafft die zum Programm erhobene Diversität auch neue Anfälligkeiten sowohl für die konturlose Beliebigkeit eines anything goes als auch für alte Absolutismen, die sich quasi durch die Hintertür nur allzu gerne wieder einschleichen.

4 Prosit

 

Die hiermit diagnostizierte multiple Geistesspaltung der Zeitgenossenschaft bleibt ein latent schwelendes Buschfeuer. Dem hart gezogenen Kurs einer modellhaften Entwicklung wird die Mehrheit wie immer verwaschen und flach nachdriften. Der Prozess der Fokussierung, die genaue Metamorphose randscharfer Konzepte ist den meisten Menschen nicht abzuverlangen. Das garantiert so fatale wie bequeme Undeutlichkeit auch in den alltäglichen Widerlichkeiten des Zwischenmenschlichen: die Positionen fußen im Bodennebel des Beliebigen und Inkonsistenten, sie fischen sich ihre Argumente aus dem Trüben. So sind sie nie falsch und nie richtig. Der Volksmund hat immer einen Beweis parat: für die Anziehung des Gegensätzlichen wie für die Vergesellschaftung des Gleichen. So findet sich alles – sofern es nicht allzu ausländisch ist – am gemeinsamen Biertisch ein. Leben und Lebenlassen statt Fressen und Gefressenwerden, und vor allem: nur nicht zu viel nachdenken. Dass mancher Streit schlimmer ist, als er aussieht, bleibt so unbemerkt.

Jedem, der bis hierher gelesen hat, darf daher folgender Vorschlag unterbreitet werden: Bleiben wir dumm, um schöner streiten zu können. Oder finden wir heraus, wie die Postmoderne einen zum ethischen wie ästhetischen Programm erhobenen Dissens durch den Spiegel der persönlichen Eitelkeiten und Verletzlichkeiten und des individuell erworbenen Wahrengutenschönen tanzen lässt. Wenn wir nur weit genug zurücktreten und alle zusammen in den Spiegel schauen, fängt er vielleicht wieder von märchenhafter Schönheit zu plappern an.