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speed kills

hannes luxbacher | speed kills

"Remember that time is money!" Benjamin Franklin verpasste dereinst mit diesem Satz der Macht der Geschwindigkeit ihren scheinbar zeitlosen Leitspruch.

In unserem Kulturraum ist die allgemeine Anerkennung von Geschwindigkeit als grundlegendem Qualitätskriterium mitunter zwar mit einem skeptischen Nebenton versetzt, dennoch wird Tempo – etwa in Form von Flexibilität – nachdrücklich gefordert. Da dem alltäglichen Reden von Geschwindigkeit jedoch ein gewisses ungreifbares, nahezu irrationales Flair anhaftet, versuchen in dieser Ausgabe der schreibkraft die Autorinnen und Autoren im Thementeil des Heftes das Phänomen der Beschleunigung innerhalb der Pole „schneller“ und „warten“ etwas aufzudröseln und gleichzeitig die Ecken des Raumes, der mit der Zeit geschwisterlich verbunden ist, zu ergründen. In diesem Sinne macht sich Hermann Götz Gedanken darüber, welche (politischen) Warten in Österreich augenblicklich bezogen werden können und versucht Manfred Prisching in seinem Beitrag das Kaleidoskop des Zeitbegriffs analytisch aufzufächern.

Es heißt, der unfassbarste Zeitausschnitt sei immer der des Augenblicks bzw. jener der Gegenwart. Eva Tropper widersetzt sich dieser Diagnose und bietet Ihnen eine so detailreiche wie vergnügliche Auseinandersetzung mit dem aktuell boomenden TV-Format Reality-Soap. Dass das durchaus etwas mit warten zu tun hat, werden Sie dortselbst erlesen. Dass manche österreichische Autoren gar nicht erst abwarten, bis der politische Abwind sie erfasst, davon weiß Werner Schandor zu berichten. Neben den Beiträgen zum Thema und dem umfangreichen Rezensionsteil finden Sie im dritten Teil dieser Ausgabe bislang unveröffentlichte Texte von Elfriede Jelinek, Margret Kreidl, Helga Pankratz, Birgit Pölzl und Günther Freitag.

Gerne möchten wir noch darauf hinweisen, dass in dieser Ausgabe die bildnerische Gestaltung mit Bernhard Wolf erstmalig einem Künstler übertragen wurde. Ein Weg, den wir in Zukunft hoffentlich weitergehen können. Da Denken und Argumentieren auf das Engste mit Zeit verbunden ist, hoffen wir natürlich, dass Sie sich dieselbe nehmen und den Autorinnen und Autoren dieser Nummer auf ihren Denkwegen folgen.

Übrigens: Im Grunde genommen ist es so ähnlich wie in der Parabel mit dem Hasen und dem Igel. Nicht so blutig vielleicht. „Speed kills“, sagte Andreas Khol, als die neue Regierung daranging, ihre Pläne eilig umzusetzen. Damit nur ja keine Zeit zum Einspruch oder gar Widerspruch blieb. Ist es nicht schön, wenn sich die höchsten Repräsentanten unseres Staates durchringen konnten, die Maxime nach Geschwindigkeit aufzugreifen, die sich in unserem Kulturraum spätestens seit der Aufklärung auch betreffend gesellschaftspolitischer Umbrüche durchgesetzt hat? Aber: Sollte es demjenigen, der solche Worte sprach und denjenigen, die mit diesen Worten mitgemeint sind, nicht zu denken geben, dass … gerade die Geschwindigkeit um der Geschwindigkeit willen bei politischen Umstrukturierungen immer wieder zu groben Pannen geführt hat? Und: Auch der Hase in besagter Parabel war schnell. Der Igel nicht so sehr, der hatte „bloß“ eine Warte, von der aus er geschickt agieren konnte. Und schließlich: Der Satz „Speed kills“, er kehrte sich letztlich gegen den Hasen.