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steinböcke am himmel

Ein paar Worte darüber, dass mensch recht wenig sagen kann über „Reisen unter den Augenlidern“


Ulrike Draesner: Reisen unter den Augenlidern

Klagenfurt: Ritter 1999

Rezensiert von: stefan schmitzer


Ulrike Draesner hat ihre „Gender studies“ gelesen, und sie ist nicht bei ihnen stehen geblieben. Dies vorweg, denn es geht in den zehn Texten der Reisen unter den Augenlidern dermaßen fundamental um (Geschlechter-)Rollenbilder, dass mensch ihnen das nicht mehr anmerkt. Wenn mensch sich nicht vorsieht, packt einen der Satzfetzenwiederholungsstrudel, verunklärt einem das kleine bisschen, das man bereits über Draesners Figuren zu wissen glaubte, weil sie, die Figuren, das ja selber alles nicht so genau wissen, nur drumherum und drüberhinweg kreisen, immer haarscharf und immer vorbei am Ziel. Das analytische Drama, sehr präzise umgesetzt in Kurzprosa.

Zehn Bewusstwerdungen, unter Schmerzen geschehende Gangbarmachungen aussichtsloser sozialer Situationen, durchzogen (die Verwendung des Wortes „hauchzart“ verkneife ich mir) von surrealistischen Elementen der Schönheit, zwar zweifelsohne Versatzstücke nach dem Motto „Und hier die Ursache der Hypersensibilität!“, aber das macht nichts, denn es ist Balsam, wenn mitten in einem Text über die diabetische Tante Emmi, der von ganz leiser, bösartiger Ironie am Schwingen gehalten wird, ein Steinbock über den Himmel trabt, einfach so, ohne Rechtfertigung, und wenn der dann auch noch glänzendes Fell hat. Draesners Figuren werden von der Schlechtigkeit der Welt zur Schönheit fast getreten, und einen besonderen Stellenwert hat da die Choreographie der Beziehungsmuster, wie sie in der Analyse durch die Erzählerinnen immer mehrschichtiger werden, bis hin zur Unüberschaubarkeit, bis hin zum Kern der betrachteten Beziehung, und in diesem Kern liegt dann immer der Hund begraben, der schwarze Pudel nämlich. Dieser Kern, die inhärente Verkrüppelung durch Preisgabe, oder so, erzeugt den scharf melancholischen Nachgeschmack, den alle diese Texte hinterlassen.

Reisen unter den Augenlidern ist ein sehr gut gemachtes, sehr deprimierendes Buch. Die Auslöser für die inneren Monologe, die mitleidlos und effektvoll inszeniert sind, sind die Klassiker der österreichischen Unterhaltung: Verzweiflung, Verlassenheit, Angst. Das einzige Problem der Texte sind die Geschichten hinter den verzweifelten, verlassenen, verliebten Figuren: Passend zu ihnen der Sprachduktus, ja, und sehr originell die Art, wie die Beziehungskonstellationen nach und nach enthüllt werden, aber die Geschichten selbst wirken eigentümlich gekünstelt. Da haben wir etwa eine Frau, die an den Rollstuhl gefesselt ist, und ihren Partner. Die beiden drehen Hardcorepornos, die darin gipfeln, dass die im Park aufgelesenen Protagonistinnen von ihm scheinbar erstochen werden, wozu eine Gummititte, gefüllt mit Blut, dient. Sie will ein Kind von ihm (oder hat eines verloren oder hat eines abgetrieben oder kann keines kriegen oder nichts von alledem), und er will sie auf Distanz halten und benutzt dazu seine Pornodarstellerinnen. Alles das wirkt, auch wenn es sehr klar und straight und lebendig erzählt wird (so dass der Leser zum Beispiel anfangs auf die falsche Fährte gesetzt wird, das blutige Ding in der Badewanne [der Gummibusen] sei ein abgetriebener Fötus etc.), wie eine Versuchsanordnung. Darin mag ein gewisser Reiz liegen, und es stimmt auch zu der „kalten“ Grundstimmung der meisten Erzählungen, aber es korrespondiert nur schwer mit der unglaublichen Schönheit der Schilderungen. Alles in allem ein Buch, das Zeit braucht.