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unerwartetes warten erwartet

christoph d. weiermair | unerwartetes warten erwartet

Dem Warten auf der Spur

Als Neo-Grazer komme ich am Jakominiplatz nicht vorbei. Schon gar nicht, weil ich nur unweit beherbergt bin. Alle Straßenbahnlinien laufen hier zusammen und verzweigen sich zu einem Knoten öffentlichen Verkehrs. Morgens macht mich das permanente Kommen und Gehen von Mensch und Maschine, dieses Ein-, Um- und Aussteigen, dieses ruckelnde Einrollen und unmissverständliche Abfahren, immer ein Stück munterer. Doch diese offenbare Dynamik trügt in gewisser Weise. - Am Jakominiplatz wird in erster Linie gewartet. An den zahllosen Würstelständen mitunter auch auf bessere Zeiten, gemeinhin aber darauf, dass es weitergeht: Weiter zur Arbeit, weiter auf die Universität, weiter zum Arbeitsamt, weiter nach Hause, - weiter im Leben. Mitten in der steirischen Landeshauptstadt treten Tag für Tag Tausende gezwungenermaßen ein paar Minuten auf der Stelle, verharren an den Haltestellen der Linien, warten auf ihren Anschluss. Da wird gesessen und gestanden mit leerem Blick, nervös auf- und abgegangen. Da werden Zigaretten angezündet und ausgetreten, da wird in Tageszeitungen geblättert und ab und an auf die Uhr geschaut. Da werden polyphon läutende Mobiltelefone aus den Taschen gezerrt und lauwarme Cheeseburger hinuntergewürgt. Und von Zeit zu Zeit versichern sich alle mit routiniertem Blick, ob sich nicht doch schon die ersehnte Bim über den Opernring wälzt. Macht diese dann irgendwann später Halt, setzt das Öffnen der Türen dem Warten ein Ende. Vorerst.

Warten ist Alltag in Reinkultur. Bereits in der Früh erwarte ich oft halbwach im Bett liegend das unbarmherzige Läuten meines Weckers. Den Tag über warte ich fleißig weiter: Bis der Teekessel singt, am Jakominiplatz auf die Straßenbahn, auf meine Zigaretten in der Trafik, auf den Beginn der Vorlesung, auf das Ende der Vorlesung, auf das Mittagessen, auf das Abendjournal, bis mein Laptop hochgefahren ist, bis mir etwas einfällt, auf den Anruf meiner Freundin. Irgendwann liege ich dann im Bett und warte womöglich auch noch aufs Einschlafen, an guten Tagen auf den nächsten Tag, an schlechten aufs nächste Wochenende. Wie ein roter Faden zieht sich das Warten durch den Tag. Nur im Schlaf bin ich völlig erwartungslos. Vielleicht ist er gerade deshalb so erholsam.

"Worauf wartest Du noch?", wollte Ikea einmal von uns wissen. Eine gute Frage. Eine Antwort konnten mir weder Tisch "Sven" noch Stehlampe "Hakebo" geben. Warten scheint jedenfalls nicht sonderlich populär zu sein dieser Tage. Ihm haftet etwas Statisches, Passives an. Wer wartet befindet sich gewissermaßen nicht im Jetzt. Wer wartet, ist nicht nur, sondern wartet eben auch. Warten impliziert Stillstand und Reaktion, warten allein schließt Erfüllung kategorisch aus. Warten ist ein ungreifbarer Überbrückungszustand bis zum Eintreten des Erwünschten oder Befürchteten, des Vereinbarten oder Ausgemalten, - des Erwarteten. Warten bedeutet Ungewissheit. Das Warten auf Prüfungsergebnisse verfolgt mich qualvoll seit Beginn meiner Schullaufbahn, wenngleich das gegenüber dem Warten auf Gewissheit der Angehörigen der Opfer von 9-11 oder 11-M unbedeutend erscheinen mag. Samuel Beckett lässt Wladimir und Estragon auf Godot warten. In jedem Akt versuchen sich die beiden in der Hoffnungslosigkeit des unaufhörlichen Wartens umzubringen.

Die Bereitschaft zu warten wird immer geringer. Der treibende Imperativ unserer beschleunigten Existenzen lautet: "Alles und das am besten gleich." Ein "Bitte warten" wird, wenn überhaupt, mit verzogener Mine hingenommen. Aus einer überfüllten Arztpraxis in der Conrad von Hötzendorf-Straße bin ich kurzerhand geflüchtet, weil ich mir das Warten schlichtweg nicht antun wollte. "Abwarten und Tee trinken" ist ein guter Ratschlag für die Pension. Weder die Jungen wollen warten mit dem ersten Sex, noch die Autofahrer mit dem schnelleren Dortsein am unbekannten Ziel. Hat etwas keine Zukunft, so ist es das Warten. Könnte man meinen. Begibt man sich aber auf seine Spuren, muss man einräumen, dass es in all seinen Facetten einen wesentlichen Teil unseres Daseins ausmacht. Warten ist nicht gleich Warten. Das "klassische Warten" im Wartehäuschen und auf Bahnsteigen hat etwas Unvermeidbares an sich, außer man riskiert ein Zuspätkommen und damit zumeist ein umso längeres Warten. Das Warten im Kopf allerdings, das geistige Hinsinnen auf einen bestimmten Moment, scheint hausgemacht. Das Jetzt kennt kein Warten. Würde man diversen esoterischen Weisheiten wie "Lebe für den Moment" bedingungslos folgen - man bräuchte nie mehr zu warten, zumal ja nur auf Zukünftiges gewartet werden kann. Derart "wartelose" Echtzeitfetischisten bilden freilich die Ausnahme.

In der Regel wird gewartet, besser erwartet, was das Zeug hält. In jeden neuen Tag wird mit bestimmten Erwartungen gestartet, ob sie sich später erfüllen oder nicht. In jede neue Situation gehen wir mit einer im Kopf vorproduzierten Erwartungshaltung. Das Erwarten ist eine geistige Krücke, ein Schutzmechanismus wie das Verdrängen. Es nimmt dem noch Unbekannten seinen Schrecken. Expect the Unexpected. Was aber, wenn einmal etwas Unerwartetes geschieht? Eine an sich überflüssige Frage, weil sich Erwartungen in den seltensten Fällen hundertprozentig erfüllen. Im Grunde geschieht jede Sekunde etwas Unerwartetes. Nur haben wir für unsere Erwartungen einen gewissen Toleranzbereich nach oben und nach unten geschaffen. Ein leuchtendes Vorbild sind uns die Meteorologen, die sich in ihren Vorhersagen nie genau festlegen wollen. Eine zu grobe Abweichung vom Toleranzbereich des zu Erwartenden liefern naturgemäß kriegerische Auseinandersetzungen aller Art. Am Morgen des 11. September 2001 bin ich mit keinen besonderen Erwartungen aufgestanden. Die, die sich Stunden später jenseits des großen Teichs zum World Trade Center aufmachten, haben alles erwartet, bloß nicht, dass noch an jenem Vormittag zwei Flugzeuge unter Flammen in den Türmen aufgehen und Manhattan zu einem Massengrab machen würden. Wer hätte das gedacht? Die Kulturhauptstadt Graz 2003 warb mit dem Unerwarteten und verpasste sich damit einen Schimmer des Außergewöhnlichen. Mit dem Unerwarteten wird in den seltensten Fällen gerechnet, es bedeutet zwangsläufig eine Überraschung. Vom Unerwarteten überrumpeln lassen darf man sich, das permanente Erwarten des Unerwarteten sollte man aber tunlichst unterlassen. Für die, die es doch tun und auch noch damit hausieren gehen, hält man in Österreich Landesnervenkliniken bereit.

Was wäre die Wirtschaft ohne das Warten? Die Gastronomie am Grazer Hauptbahnhof lebt von den Wartenden. Stehen die Ampeln am Eggenberger Gürtel auf Rot, richtet sich der Blick des wartenden Autofahrers auf die neu montierten Info-Screens. Ihm wird rechtzeitig mitgeteilt, wann die Ampel wieder auf Grün schaltet. In Straßen- und U-Bahnen wird das Warten aufs Ankommen lückenlos mit einem Mix aus oberflächlicher Information und Werbung überbrückt. Die Werbeindustrie lebt vom Warten und den Erwartungen der Menschen. Vor Filmen, die jeder sehen will, kommt Werbung, die keiner sehen will, an der aber trotzdem niemand vorbei kann. Die Tabakgiganten profitieren vom hohen Suchtfaktor des Nikotins und den Ritualen der Raucher. Warten und Rauchen bilden eine der stimmigsten Kombinationen auf Erden.

Im zwischenmenschlichen Bereich hat das Warten einen schalen Beigeschmack. Lässt man jemanden warten, zeugt das weder von Höflichkeit noch von sonderlicher Zuneigung. Liebende können es nicht erwarten, sich wieder zu sehen. Zu langes Warten macht Beziehungen kaputt. Alexandre Dumas' Graf von Monte Christo findet sich wieder in einer Welt, die ihn in keinster Weise erwartet, schon gar nicht seine Rache. Es stellt sich die Frage, ob sich Warten und Zufriedenheit, Warten und Glück nicht kategorisch ausschließen. Kann man auf etwas warten, ohne unbefriedigt zu sein? Fragen wir umgekehrt: In welchen Situationen des Lebens (er)wartet man (auf) rein gar nichts? Sind es nicht die Momente der Erfüllung, der totalen Hingabe, des höchsten Genuss', die einem Liebe, Sex, Anerkennung oder Erfolg bescheren?

Sind Warten und Erwarten nicht dem Menschen eigene Unarten, die das Leben bloß schwerer machen? Ist Warten nicht konsequente Realitätsverweigerung? Etwas Positives muss man ihm aber dennoch abgewinnen: Man kann es immer tun. Es birgt einen Funken Hoffnung, es verrät ein Stück Zukunft. Ganz am Ende hat es gar etwas ungemein Verbindendes: Wir warten alle auf das Gleiche: Auf den Tod. Und besonders auf das, was nachher kommen mag.