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urlaub im land der literatur

Christian Futschers perfekt unperfekter Urlaubsroman


Christian Futscher: Nidri. Urlaub total

Graz, Wien: Droschl 2000

Rezensiert von: hermann götz


Die Frage ist: Wann kommen die nächsten Sommerferien? Wer Christian Futschers Urlaub Total-Buch adäquat genießen will, muss wahrscheinlich noch ein Weilchen warten. Rechtzeitig zur Hitzezeit auf den Markt geworfen, hat es jedoch sicher schon dem einen oder anderen den letzten Sommer versüßt. Mir zum Beispiel. Wenn auch nur kurz. Ca. 100 sehr kleine Seiten lang. Die Story: Ein Schriftsteller macht Badeurlaub und schreibt mit. Zu Hause setzt er sich hin und tippt alles ab. Für Leute, die auf Urlaub fahren und dabei ebenso wenig erleben wie er. Es ist fast wie beim Big-Brother-Spiel. Aber eben nicht ganz. Hier wird zwar auch alles wiedergegeben, was einer so ganz privat und unspektakulär erlebt, doch sind diese, seine Notizen doch Reflexionen, Innensicht, Selbstbeobachtung, Selbstkontrolle oder Schreibkontrolle; also zumindest halbherzige Versuche schriftstellerischer Wirklichkeitsrezeption und bewusst verscherzte Theorie. Der Leser/die Leserin sitzt am Strand und liest, statt aufs Meer zu schauen (oder Krimibestseller zu wälzen), davon, dass ein anderer am Strand sitzt und schreibt, dass er am Strand sitzt und schreibt, anstatt aufs Meer zu schauen, oder (wie seine Begleiterin) Krimibestseller zu wälzen. So funktioniert das. Und das funktioniert! Futscher zieht uns ganz in den Bann seiner komischen Urlaubsnotizen, die wild durcheinander wie ein unsortierter Zettelsalat wiedergegeben sind. Die solcherart zerrissene Chronologie schafft Spannung und das notorisch Hingeschluderte der verweigerten Erzählung hat Witz. Futschers fragmentarischer Urlaubsroman ist mehr als nur ein literarischer Livemitschnitt. Die spielerisch formale Variation der Notizen, das Auf- und Abblitzen einer Urlaubs-Handlung, die in jeder Hinsicht authentisch erscheint, fügt sich so glücklich, dass der Lesegenuss bei aller zelebrierten Trivialität nie abreißt. Dem Ganzen ist das Urlaubstagebuch eines Kindes vorangestellt, das den Leser bereits auf die proklamierte Unmöglichkeit, Erlebtes adäquat festzuhalten, einstimmt. Das diesbezügliche Scheitern des Erwachsenen macht schließlich auch den Reiz des ganzen Unterfangens aus. Ein richtig liebenswürdiges Buch.