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hermann götz | vergessen oder verdauen

Was kommt nach einer neuen Regierung. Und: Welche Warten taugen als Standpunkt. Von Österreichs Büchern und Österreichbüchern

„Ganz Österreich steht unter Beobachtung. Man sieht uns wieder. Wir sind wieder wer. Endlich.“ Die Gunst hat eine Stunde lang vorbeigeschaut. Bei uns in Hinterwelt. Und Armin Thurnher freut sich. Er weiß zu nutzen, was viele andere als Angriff auf ihr politisches Wohlbefinden oder ihren Patriotismus empfinden – die Regierungsbeteiligung der FPÖ, die Sanktionen und Demonstrationen. Er vernadert Österreich, wo er kann (sagt er), schwärzt uns bei Europas Journalisten an (sagt er) und verbreitet ungewohnt hoffnungsfroh, dass jetzt eine Repolitisierung der österreichischen Öffentlichkeit beginnt, ein Aufbruch verkrusteter Strukturen, der ein Aufbruch in Richtung gelebte Demokratie sein könnte. Könnte, wohlgemerkt. Denn was da aufgebrochen ist, ist bald schon wieder zusammengewachsen. Viel stärker war die kollektive Verbrüderung als Protest und Diskurs. Die Normalität hat schon ihr Diktat ergriffen, längst bevor die Veränderung nur irgendwo zu greifen – zu tasten – begann. Was ist geblieben, fragen die Nachrufer in Tages- und Wochenzeitschriften. Was wird kommen, fragt keiner mehr. Und was kommt: Eine Menge von Büchern und Publikationen, die sich mit Österreich auseinander setzen, trudeln verspätet auf den Markt und verbreiten ein Gefühl, das schon wieder unwirklich ist: Wir sind wieder wer. Endlich. Ein Irrtum. Was hier über hier erschrieben wird, ist nur mehr Selbstbespiegelung und posteuphorische Autosuggestion. Und die kommt zu spät. So eilig kann gar nicht geschrieben werden, dass nicht bereits verjährt ist, was verlegt, besprochen und rezipiert wird.

Das langsame Buch und die Schnellschreiberei

 

Was sich angesichts des Kometenschweifs an Publikationen, die dem politische Beben hierzulande hinterher schwimmen, einstellt, ist vor allem eine prinzipielle Skepsis gegenüber dem aktualistischen Buch. Weil es einen Widerspruch in sich darstellt. Was Bücher von Zeitungen und Zeitschriften abhebt, oder abheben sollte, reflektiert schon die Gegenüberstellung der Namen: Büchern geht es nicht um Zeit. Nicht um Aktualität. Ganz im Gegenteil. Bücher sind vergleichsweise aufwendig gearbeitet. Schon ihr Erscheinungsbild zeigt an, dass hier Dauer wichtiger ist als eine all zu schnelle Produktion. Bücher wollen zeitlos sein. Ein Anspruch, der vom Rezipienten auch auf den Inhalt übertragen wird. Zeitungen wandern ins Altpapier, Bücher in die Bibliothek, die immer noch ein Signum für Bildung und Gelehrtheit darstellt. Um so verfänglicher wirken Bücher, die auf den Markt gespuckt werden wie die Sonntagsausgaben kleinformatiger Alltäglichkeitsblätter. Sie forcieren den Eindruck, die Autoren wüssten sich Wahrheiten aus ihren beruflich geheiligten Schreibefingern zu saugen. Das Gegenteil ist der Fall. Journalisten, die Bücher publizieren, in denen sie ihre tagespolitische Kommentierungswut ungezügelt walten lassen, produzieren dabei selten mehr als publizistische Eintagsfliegen, die noch dazu notorisch zu spät am Markt erscheinen. Autoren, die sich wiederum im so genannten Feuilletonteil österreichischer Tages- und Wochenzeitungen wortgewiss zu politischen Analysen hinreißen lassen, machen dabei nicht zwingend eine bessere Figur als die Berufskommentatoren aus der Redaktion. Die vorauseilende tagespolitische Essayistik hinkt qualitativ erfahrungsgemäß der – im engeren Sinne – literarischen Arbeit hinterher. Leider. Drei Beispiele: Gerfried Sperl will uns die Vorgänge rund um die letzte Regierungsbildung erklären. Der Machtwechsel heißt das Thema, heißt das Buch. Was ist damals passiert? Wie war das wirklich? In der Zeit zwischen Oktober und Dezember 1999. Die vielen offenen Fragen werden durch Vermutungen, Gerüchte gestopft und klären sich trotzdem nicht. „Dich will ich hier nie mehr sehn“, soll der Herr der Hofburg zum Kärntner Landeshauptmann gesagt haben. Die Möglichkeitsform dominiert die Aufarbeitung der so genannten Hintergründe. Wege und Reisen der Protagonisten werden nachgezeichnet und nachgestellt. Es wird spekuliert und ein Bild formuliert, das sich kaum von dem unterscheidet, das vor einem Jahr durch Sperls Dienstgeberzeitung verbreitet wurde. Weil es sich schon längst eingebürgert hat, Intrigen im Hohen Haus als Ehekrisen zu inszenieren, liest sich die Neubearbeitung des Rosenkriegdramas wie eine Privatdetektivgeschichte. Ironiefrei und ohne nennenswerte Erkenntnismöglichkeiten. Das politische Hickhack wird durch ausgekochte Anekdoten angereichert und versteht sich als Analyse. Sperl formuliert sein Buch als Rückblick. Doch es legt keinen neuen Standpunkt dar, es öffnet keine Perspektiven. Weil es schon damals geschrieben wurde. Zwischen Oktober und Dezember 1999. Sperls Politbuch ist viel zu neu, um uns Neues zu erzählen. Es ist schlicht Zeitungsjournalismus, zerdehnt und schlecht gebunden in Buchform gekleidet.

Armin Thurnher hat ebenso hastig, gleich nach seinem gefeierten Österreichbuch (Das Trauma, ein Leben), in dem er das Land beschreibt, wie es vor der vermeintlichen Wende war, noch einen Essayband draufgelegt – Heimniederlage, eine eilige Fortsetzung, die vielleicht trotz aller stilistischen Flüchtigkeit eine schöne und runde Bestandsaufnahme darstellt. Wenn auch sicher nicht mehr. Über weite Strecken wird einfach beschrieben, was passiert ist. Rund um den 3. Oktober. Nicht immer ganz frei der persönlicher Wertung, versteht sich. Aber das wird oder wurde von Thurnher gar nie angestrebt. Was seine Ausführungen rettet, ist die spitzfingrige Sensibilität, mit der er sprachliche Klischees aufgreift und erwidert, oft ohne die meist triviale Ebene zu wechseln, die Unverfrorenheit, mit der er den Rednern der Republik ihre rhetorischen Floskeln gleichsam um die Ohren haut. Doch gerade hier kann das aktuelle Elaborat nicht mit dem Vorgängerbuch konkurrieren. Ein Glück also, dass Thurnher sein Buch nicht, wie geplant, „Trauma II“ genannt hat. Im Wort „Heimniederlage“ schwingt schon ein Eingeständnis mit, das gut und gerne auch auf die Arbeit des Autors zu münzen ist.

Der Suhrkamp-Verlag schließlich hat aufgesammelte Österreichreflexionen von Robert Menasse in die Buchläden gestellt. Ein Buch, dessen Lektüre sich alle Leser von Standard, Profil & Co. ersparen können. Weil sie es bereits gelesen haben. Das einzige, was an Erklär mir Österreich auffällt, ist der frappante Verlust intellektueller Originalität, den dieses, verglichen mit Menasses Land ohne Eigenschaften von 1995, offen legt. Menasses großer Essay zur österreichischen Identität war ein zielsicher recherchierter, pointierter Text, der ein eigenwilliges und darum um so glaubwürdigeres Bild dieses Landes gezeichnet hat. In seinen aktuellen Kommentaren scheint der Autor vor allem um diesen Eigenwillen bemüht zu sein. Doch gelingt ihm der nicht so ganz. Bei aller Kürze und Lesbarkeit. Viel mehr zeigt sich nun, da alles in einem Buch gebündelt erscheint, was auf Zeitungen und Zeitschriften verstreut sehr angenehm zu lesen war, dass er immer öfter sich selbst und sein eigenes Geschichtsbild zitiert, ohne Furcht, in Redundanz abzudriften.

Plädoyer für das Nach-Denken

 

Sperl, Thurnher und Menasse verweisen durch ihr Vorgehen alle auf dieselbe Problematik. Sie haben die Griffel zu rasch gezückt. Obwohl es ganz im Sinne gelebter Demokratie wäre, dass politische Bücher die Lage der Nation nach-besprechen, wenn sich die Zeitungen und Journale längst wieder der Alltäglichkeit verschrieben haben, ist das hier nicht geglückt. Nicht durch diese eilends aufgewärmte Buchstabensuppe. Es macht scheinbar Sinn, Standpunkte als „Warten“ zu bezeichnen. Um einen Standpunkt einzunehmen, müssen wir warten, brauchen wir Distanz. Standpunkte, Positionen, Meinungen sind nur glaubwürdig, wenn sie rückblickende Reflexion zur Voraussetzung haben. Wir können uns keine Meinungen aneignen solange wir uns am ungefilterten Informationsbrei verschlucken. Der denkende Mensch ist ein Wiederkäuer. Erst was uns aufstößt, gehört uns selbst. Wir können keinen Standpunkt einnehmen, keine Position beziehen, wenn wir auf dem Weg sind. Aber wir sind immer auf dem Weg. Deshalb müssen wir Markierungen setzen. Und warten. Warten. Das war wahrscheinlich immer schon eine spezifische Qualität österreichischer Literatur, welche sich, ganz im Gegensatz zur ungebremsten Gewissheitsausdünstung des aktuellen Feuilletons, stets bei allem Zeit gelassen hat. Reichlich Zeit. Gut zwanzig Jahre hat es gedauert, bis hier jene Debatte über die nationalsozialistische Vergangenheit unserer vergesslichen Nation geführt wurde, die beim deutschen Nachbarn gleich nach dem Krieg eingesetzt hat. Dann aber ist einiges aufgestoßen. Dem Bernhard, der Jelinek, dem Turrini u.a. hochgekommen. Zweifellos war dieser ausführliche Gärungsprozess ein Gewinn für die heimische Literatur. Die vom kollektiven Schweigen verstümmelte Sprache des Widerstandes hat sich in einer einmalig zugespitzten Qualität aus den Schreibenden herausgerungen. Und etwas ganz Eigenes, ganz Österreichisches ist entstanden. Endlich. Allerdings: Das, was zuvor für gänzlich österreichisch galt (und immer noch gilt), war auch so eine Art Wiederkäuen. Und insofern auch typisch. Jahrzehntelang ist das Land ohne Eigenschaften bei seinem Ringen um Identität nicht über den Import des ideell überfrachteten Einst hinausgekommen. Das beweisen nicht nur Sissifilme und Mozartkugeln, sondern auch Torberg und Doderer. Indem sie ein schrullig bürgerliches Wien vorstellten, dessen Versatzstücke aus einem scheinbar harmlosen Gestern geschöpft waren, haben die beiden eine zeitlos morbide Mentalität konstruiert, die über die reale Vergangenheit gebreitet wurde wie Großmutters Strudelteig. Obwohl er mit diesem Spiel gebrochen und alles und jeden beim Namen genannt hat, ist sogar Thomas Bernhard in der quasi aristokratischen Haltung, die er selbst gegenüber der „katholisch nationalsozialistischen“ Österreicherei eingenommen hat, am kakanisch getönten Geschichtsbild seiner literarischen Kollegen picken geblieben. Bernhard, der „anarchistische Konservative“, war beispielhaft und Beispiel gebend. Auch heute noch verfügt die Kritik an dem Bestehenden, hier in Österreich, gerne über etwas Vorbürgerliches, eine resignativ aristokratische Note. So Michael Scharang. Der Dichter blickt von seiner Warte hinab ins Land und sieht nur braunen Sumpf. Ihr Standpunkt ist vielen österreichischen Autoren und Intellektuellen zum Fluchtpunkt geworden. Zu einem Refugium jenseits vom Jetzt und Hier. Das so genannte „andere Österreich“ hat seine Wurzeln immer noch in der kulturellen Größe, im übernationalen Charakter und im aristokratisch morbiden Selbstverständnis der Donaumonarchie. Das darf nicht verwundern. Wenn die Gegenwart in der Zweiten Republik als Geißel austrofaschistischer und nationalsozialistischer Geprägtheit verstanden und auch erfahren wird, bleibt scheinbar kein anderer Ausweg als eine solcherart anachronistische Haltung. Scharang hat dieses Phänomen treffend charakterisiert. Nicht zuletzt weil es auch auf sein eigenes Schreiben anzuwenden ist. Über Österreich zu schreiben ist schwer

 

So Egon Fridell. Das muss etwas Wahres haben. Sonst würde nicht gar so viel über Österreich geschrieben. Jeder Text ist ein erneuter Anlauf. Ein Versuch, Österreich neu zu erschreiben. Ein Versuch ihm Identität zu verleihen. Immer schon. Und jetzt erst recht. Österreich war nie ein Nationalstaat – so Michael Scharang. Es wurde lange genug als Konstrukt begriffen, – als „Missgeburt“, so der Kärntner Landeshauptmann. Was hier literarisch geschaffen wurde oder wird, ist immer wieder dazu angetan, dieses Konstrukt zu erneuern, zu durchleuchten, oder zu (zer)stören. Dabei gerät jedes Buch über irgendwelche Zustände im Hier und Jetzt zu einem Buch über den Zustand von Österreich – zum Österreichbuch also. Über Österreich zu schreiben ist schwer. So heißt auch das neueste Österreichbuch, das Autoren von Achleitner bis Waggerl vereinigt. Herausgegeben von Gerald Leitner im Residenz Verlag. Leitners Anthologie möchte mehr sein als nur eine Wende-Chronik. Nicht nur Zeitgenossen, nicht nur Vordenker und Demokraten, auch Unverbesserliche, Wiederholungstäter kommen zu Wort. Die lähmende Besinnungslosigkeit der Fünfzigerjahre wird angedeutet und die (nicht nur) rhetorische Kontinuität von Austrofaschismus und Nazismus. Die wenigen, ob der Aktualität aus Zeitungsseiten herausgerissenen Statements (Jelinek: Meine Art des Protests, Streeruwitz: Von der Lust und der Unlust am donnerstäglichen Wandern. Die Antwort liegt im Gehen. usw.), lassen sich verkraften. Wenn auch unangenehm deutlich wird, dass sie dem Anspruch dieses Buches nicht gerecht werden. Nicht gerecht werden können. Aus oben genannten Gründen.

Die Schwierigkeit über Österreich zu schreiben, die Leitner im Titel anspricht, meint die besagte Schwierigkeit, die österreichische Identität zu fassen. Diesbezügliche Versuche außerhalb der Literatur sind bekanntlich stets Alibi geblieben, so lange die Zweite Republik existiert. Zuerst ob der historischen Naziopferrolle, dann ob der vermeintlichen Überfremdung unserer glücklichen Wohlstandsnation. Wie zahlreiche der abgedruckten Texte zeigen, ist es selbstbestimmte Aufgabe der Literatur, dies anzuprangern. Nationale Mythen und nationalistische Wiedergänger vorzuführen und zu hinterfragen. Selbstkritik und Selbstironie dagegenzuhalten. Dabei etabliert sich eine subtile Note, die, viel eher denn die viel zitierte Weinerlichkeit, als quasi definitorisches Merkmal des hiesigen Schreibens verstanden werden kann.

Ein Freund ging nach Amerika

 

Doch was, wenn der hiesige Schreiber fortgeht? Auswandert. Seinen Standpunkt von der Heimat fortverlagert, seine Warte anderswo aufstellt. Österreichische Schriftsteller leben meistens nicht in Österreich. Heißt es manchmal. Sicher ist, dass es zahlreiche Autoren zumindest vorübergehend ins Ausland gezogen hat. Artmann, Bernhard, Handke, Haslinger, Heller, Jandl, Rühm … Keiner hat es hier die ganze Zeit ausgehalten. Elfriede Jelinek ist, wie wir wissen, hier geblieben. Physisch. Doch ihr Wort hat unsere Bühnen verlassen. Symbolisch. Andere machen es andersrum. Bleiben fort und schicken uns ihr Schreiben. Nachzulesen etwa in Literatur und Kritik oder im neuen Sterz. Letzterer bietet unter dem Motto res publica / Das Gemeinwesen unter anderem den grimmige Schulter? Schluss!-Text von Thomas Rothschild, der aus der Sicht eines Menschen, der sich unerwünscht fühlt in Österreich, mit diesem Land abrechnet. Schluss macht. Ferndiagnose: ein autoritär verführtes Lügenloch. „Wer wagte tatsächlich eine Prognose darüber, wie viele Österreicher mit Haider der Ansicht sind, daß im Dritten Reich eine ,ordentliche Beschäftigungspolitik´ gemacht wurde? Man ermittle in einer garantiert anonymen schriftlichen Umfrage, wer den folgenden Aussagen zustimmt: ,Hinter den Boykottmaßnamen gegen Österreich stehen mächtige jüdische Organisationen.´ ,Österreich würde es heute besser gehen, wenn Hitler mit seiner Endlösung erfolgreicher gewesen wäre.´ ,Wer als Österreicher der Ansicht ist, die Beobachtung Österreichs durch das Ausland könnte auf lange Sicht der Demokratie dienlich sein, ist ein Vaterlandsverräter.´ Jede Wette: Der Prozentsatz der Ja-Antworten würde jenen der FPÖ-Wähler bei weitem überschreiten, und einige davon würden von führenden SPÖ-Funktionären stammen.“ (Es sei angemerkt, dass sich im selben Heft auch ein Text des Historikers Heinz Wassermann findet, der sehr ernsthaft und penibel einen auf Meinungsumfragen basierenden Befund des nachnazistischen Geschichtsbewusstseins in Österreich vorstellt.)

Karl Markus Gauß wiederum hat in der Mai-Ausgabe von Literatur und Kritik anlässlich der großen Österreich-Stimmung ein kleines Österreich-Dossier ins Heft genommen. Mit Texten von Alfredo Bauer, Michael Guttenbrunner, Erich Hackl, Michael Scharang, Georg Schmid und Karl Wimmer. Die Auswahl der Autoren ist insofern interessant, als sie nicht nur die divergierenden Perspektiven (zweier) verschiedener Generationen wiedergibt, sondern auch die Differenz von Innensicht und Außensicht beispielhaft offen legt. Alfredo Bauer etwa formuliert in seinem kurzen Statement nicht viel mehr als eine freundschaftliche Solidaritätsbekundung aus dem fernen Argentinien, die das viel zitierte „andere Österreich“ adressiert. Was daran erschrecken macht, sind allein die folgenden Sätze: „Bekanntlich ist der Fremdenhaß im eigenen Land stets der Vorbote kommender Aggression nach außen: dafür ist der Antisemitismus der Nationalsozialisten das bedeutendste aber nicht das einzige Beispiel. Allerdings ist nicht anzunehmen, daß von dem kleinen Österreich eine solche Gefahr ausgehen könnte. Doch gibt es schon Anzeichen dafür, daß was in Österreich geschieht, über die Grenzen hinausgehen und daß der Rechtsextremismus auch in anderen Ländern, zumal in Deutschland, in die Breite und in die Tiefe wachsen könnte. In diesem Falle könnte die Idee der Revanche für den verlorenen Krieg schon eine Gefahr darstellen.“ Was lässt sich dazu sagen? Hat hier die kritische Distanz überhand genommen? Sitzt Alfredo Bauer auf seiner lateinamerikanischen Warte einem Denken auf, das 1939 aktuell war, als er aus Österreich flüchten musste? Oder sind wir einfach betriebsblind, wenn wir so nicht denken, nicht denken wollen, hier in unserer Welt?

Was wird kommen? Fragen wir. Und meinen das nächste Sparpaket. Wir sind fixiert. Auf die neue Normalität hier in Österreich. Auf die neue Regierung, die sich rhetorisch der Zukunft verschrieben hat, um die Vergangenheit und deren Präsenz in der Gegenwart achselzuckend vom Tisch zu wischen. Auf einen unscheinbaren Altburschenschaftler, der seit einiger Zeit auch Frauenminister ist. Auf einen Landeshauptmann, der bald berühmter sein dürfte, als Mozart oder Schwarzenegger. Auf den alten Cato, der mit seinem Staberl immer noch das halbe Land dirigiert. „Das ganze ist wie gesagt hoffnungslos, aber nicht sehr ernst.“ So Milo Dor, frei nach Karl Kraus. Der darf das sagen, denn der hat Schlimmeres erlebt.

Gerald Leitner (Hg.): Über Österreich zu schreiben ist schwer. Österreichische Schriftsteller über Literatur – Heimat – Politik. Salzburg, Wien: Residenz 2000.
Literatur und Kritik: Österreich Heute. Heft Nr. 343/344 (2000).
Robert Menasse: Das Land ohne Eigenschaften: Frankfurt/Main: Suhrkamp 1995.
Robert Menasse: Erklär mir Österreich: Frankfurt/Main: Suhrkamp 2000.
Gerfried Sperl: Der Machtwechsel. Österreichs politische Krise zu Beginn des dritten Jahrtausends. Wien: Molden 2000.
Sterz. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kulturpolitik: res publica. Das Gemeinwesen. Heft Nr. 84 (2000). Armin Thurnher: Das Trauma, ein Leben. Österreichische Einzelheiten. Wien: Zsolnay 1999.
Armin Thurnher: Heimniederlage: Nachrichten aus dem neuen Österreich. Wien: Zsolnay 2000.