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wartehallen des lebens

georg gartlgruber | wartehallen des lebens

Die Erde dreht sich von selbst, die Wolken ziehen allein, am Monatsersten kommt der Gehaltsscheck. Wieviele Menschen verlassen sich auf das Uhrwerk?

Schutzhaus Döbling
Versteckt in einer dichten Siedlung aus geduckten Kleinhäusern, auf extremer Hanglage abwärts wartend, nur zu erreichen über eine enge Asphaltstrasse, mit einem wunderbaren Blick auf die Neuwaldegger Weinberge, befindet sich das Schutzhaus Döbling1. Ferdinand Jedlasek trifft sich hier seit Jahrzehnten mit Freunden. Dann reden sie, und sie trinken und sie beobachten die anderen Gäste. Im Sommer sitzen sie auf groben Bänken im Schatten der Bäume im Garten des Schutzhauses. Im Winter drängen sie sich um die abgenutzten Tische im Gastraum. Jahrzehnte des Zigarettenrauches, des Alkoholschweißes und des Dampfes haben die in lackiertem Holz gehaltene Inneneinrichtung speckig braun werden lassen. Es sind nicht mehr als ein paar Bänke und Tische, eine Theke und verschmutzte Lampenschirme. Wo das Holz etwas heller ist, wirkt es vergilbt.

Bis auf die leichte Verfärbung hat sich im und am Schutzhaus in den letzten Jahren nichts verändert. Die resolute Wirtin2 hatte zuletzt Anfang der Achtziger Jahre die Inneneinrichtung verändert. Damals hatte ihr Sohn, der Karl, an einem sportlichen Wettkampf teilgenommen und die überreichte Urkunde hängt nun gerahmt zwischen einem Kaiserbild und dem Nachdruck eines Stiches einer unbekannten Waldlandschaft.

Einen Stammtisch besetzen Ferdinand Jedlasek und seine Freunde nie. Sie kommen immer früh genug. Die Schutzhütte liegt zwar in bebautem Gebiet, in einer der eher mittelständisch wirkenden Gegenden des anerkannt nobelsten Bezirkes der Bundeshauptstadt, aber sie ist dennoch eine eingetragene Berghütte und dementsprechend nicht kundenorientiert. In den Nobelheurigen auf der gegenüber liegenden Seite des kleinen Tales liegt das Preisniveau um das Doppelte höher. Aber auch die Atmosphäre, nicht zuletzt die Leute sind völlig andere. Manchmal verirren sich die jungen, erfolgreichen Menschen mit ihren Cabrios, Luxusuhren und Mobiltelefonen ins Schutzhaus, aber nur wenn schönes Wetter ist und sie draußen sitzen können. In den Gastraum kommen sie nie. Und sie bleiben auch nicht lange. Wahrscheinlich liegts an den Toiletten, die in punkto Sauberkeit und Ästhetik denen echter Schutzhäuser auf echten Bergen um nichts nachstehen.

Ferdinand Jedlasek hatte in den vielen Jahren viel gesehen. Er hatte immer zugesehen, aber schämen tut er sich nicht dafür. Zum Beispiel hatte er den Abstieg der sozialistischen Partei anhand der Gäste viel früher erahnt, als die meisten anderen, Zeitungen und Rundfunk miteingeschlossen3. Er hatte die Fristenlösung vorhergesagt und für ihn war es klar, dass die meisten Priester Homosexuelle sind. Er sieht das nüchtern. „Gottes Tiergarten“, pflegt er zu sagen „Gottes Tiergarten ist groß.“ Lieber sieht er den jungen Dingern nach, wundert sich über die aktuellen Sommermoden und freut sich über die Renaissance von Miniröcken und leicht fließenden Blusen. Wieso es in Döbling überhaupt ein Schutzhaus gibt? Ferdinand Jedlasek erzwingt nichts, weil er der Meinung ist, dass die wirklich guten und richtigen Dinge ohnehin von selber kommen. „Abwarten und Teetrinken“ gehört auch zu seinem Repertoire. Obwohl, Tee trinkt er eigentlich nie, nur Bier oder G'spritzten. Und wo besser als im Gastgarten des Schutzhaus Döbling?

Bahnhof Meidling

 

Nein, gefährlich ist es hier eigentlich nie. Nicht einmal spät nachts, obwohl der Bahnhof nicht zusperrt, obwohl er ein recht zentraler Verkehrsknotenpunkt ist. Er liegt dennoch recht weit abseits. Es passiert, dass eine Gruppe Jugendlicher aus einer noch weiter draußen liegenden Siedlung die letzte U-Bahn verpasst. Geld fürs Taxi kennt hier niemand. Die Schmierereien und die Beulen und Dellen an der Bahnsteigeinrichtung zeugen von diesen Wartezeiten. Aber es ist hell erleuchtet. Der Bahnhof Meidling wurde irgendwann ausgebaut, dabei modernisiert ohne die alte Bausubstanz zu vernichten. Nun ist er ein zusammengewürfeltes Konglomerat aus kaiserlichem Backsteinbau und futuristischem4 Würstelstand, verschnörkelte Überdachungen neben Plexiglas-Abgängen. Wie in vielen Wohnung ist hier einiges zusammen gekommen, dass einmal für eine Saison modern galt und dann liegen blieb, ohne zum Rest der Einrichtung zu passen. Insofern fühlen sich die Menschen aus dem Bezirk hier wohl. Wie der Bahnhof gehören sie zu den Modernisierungsverlierern, den Geschmacksunfähigen.

Im dritten Wartehäuschen auf Bahnsteig zwei wartet Waltraud Reisinger auf ihren Zug. Er führt sie in einer halben Stunde aus Wien, wo sie arbeitet, nach Hause zu ihren Lieben. Seit fünf Jahren, jeden Montag bis Freitag selbe Zeit. Einige Personen kennt sie schon. Natürlich, der Zeitungskolporteur ist immer der gleiche, aber die richtige Zeitung hatte sie schon in der Früh, und den Augustin will sie auch nicht nehmen, weil ihr der Obdachlose unheimlich ist. So bleiben ihr nur die Zigaretten als Zeitvertreib, die Ansagen über die Lautsprecher und die Menschen, die um diese Uhrzeit spärlicher unterwegs sind.

Im Sommer ist es noch hell, im Winter bereits dunkel und ein kühler Abendwind bläst ihr in den Nacken. Sie zündet sich noch eine Memphis an, obwohl sie weiß, dass ihr Mann das nicht will. Aber hier auf dem Bahnsteig, wenn man warten muss, da muss man ja irgendwas machen. Dann muss sie daran denken, dass sie den Erwin, ihren Mann, auch auf einem Bahnsteig kennen gelernt hat. Das war aber in Italien, und eigentlich nur ein Zufall. Gern denkt sie an diese Wochen zurück, weil sie die besten waren, die sie jemals hatte5. Jaja, Jesolo.

Fünf oder sechs Jugendliche, einige davon in Bomberjacken und Springerstiefeln, davon einer mit einer schwarzen Baseballkappe mit einem großen, weißen „X“, schlendern langsam den Bahnsteig herauf. Die anderen Kids tragen diese modernen, viel zu weit geschnittenen Jeans, die auch Waltraud Reisingers Kinder jetzt gerne haben wollen. Der Rest ist die übliche, halb-moderne, halb-ramschladen-verschlagene T-Shirt&Pullover-Wüste, die man nie auf Plakatwänden findet, aber dennoch überall getragen wird. Eine neue Generation, keine Hoffnung. „Was Besseres kommt nie nach,“ geht es Waltraud Reisinger durch den Kopf und sie beisst sich an dem Gedanken fest. Einem der wenigen, nennenswerten Gedanken in letzter Zeit, wie ihr scheint.

Bald wird ihr Zug einfahren. Dann wird sie bald bei ihren Lieben daheim sein. Sie wird ihnen etwas im neuen Wok kochen. Was weiß sie noch nicht. Hauptsache Wok.

Café Camera

 

Werner Lerner ist Student. Hier im Café Camera ist er öfters. Heute ist es ein wenig langweilig, keine Clubnacht, d.h. kein angesagter, szeneberüchtigter DJ legt auf und es sind auch keine Bekannten von Werner Lerner da. Aus den Boxen dringt atmosphärisch dahinschwebende Elektromusik, und wenn Werner Lerner die Augen schließt, dann kann er die Beats und Melodien am Inneren seiner Augenlieder dahinflimmern sehen.

Werner ist selber DJ, produziert eigene Musik-Tracks und versucht unter dem Namen DJ Muisk der lokalen Szene seinen Stempel aufzudrücken. Er ist ein Privilegierter, mit genügend Zeit und Ressourcen, um am PC an Sounds herum zu tüfteln und einmal pro Monat in einem anderen Szenelokal vor einem Dutzend Leuten Platten auflegen zu können. Aber das ist okay, findet DJ Muisk. Oder bloß Muisk, wie er sich bei seinen eigenen Tracks nennt.

Das Café Camera hieß früher Café Electro, aber dann war dieser Name wohl irgendwann einfach zu offensichtlich und plakativ geworden. Aus diesem Grund hatte der Eigentümer beschlossen, seine location nach der allerersten Platte seiner Lieblingsband nennen. Es ist ungewöhnlich hell in dem hohen Raum. Glas und Chrom in klaren, dynamischen Linien dominieren. Zwei Computer bieten freies Surfen im Internet. Eine Webcam überträgt das Innere des Lokals an die ganze Welt. Aber die Stühle sind bequem und das Bier wird in den Gläsern der Brauerei serviert, wie in jedem anderen Lokal.

Die Musik wechselt auf melodischen HipHop mit groovenden Beats. Werner Lerner fingert in seinem Rucksack nach seiner Social Beat-Anthologie von einem deutschen Großverlag. Er will noch ein paar Bier zuwarten, ob jemand kommt, den er kennt und dabei lesen. Keine Minuten unnütz vorbei gehen lassen ist seine Devise. Er ist ständig im Gespräch mit Leuten, Kontakte knüpfen, ob sich vielleicht was auf die Beine stellen lässt, Platten auflegen, Remixe machen, Tracks liefern und so weiter. Viele Dinge sind im Werden6.

Das euphorisch begonnene Studium vergleichender Literaturwissenschaft liegt heute gelassen links. Werner Lerner will etwas anderes. Das universitäre Korsett ist zu eng, keine Freiheit, keine Progression. Wo sind die Herausforderungen? Die Ideologien? Die umwerfenden Momente? Im Moment, war davon nichts zu sehen. Social Beat ist wie experimentelle Elektro-Musik. Ob das ein mögliches Thema für die Diplomarbeit ist?7 Eher nicht. Zuviel Unerklärbares, zuviel, was nur Eingeweihte verstehen. Das Café Camera ist nicht gut gefüllt. In einer Ecke sitzen ein paar langhaarige, kurzsemestrige Studenten aus den Bundesländern. An einem anderen Tisch sitzt eine bekannte Journalistin, die vor einigen Monaten den Sprung von einer Stadtzeitung zu einer renommierten, anspruchsvollen Tageszeitung geschafft hat und redigiert ein Manuskript. Sonst sind noch ein paar Pärchen da und dann halt noch wer. Die Musik wechselt zu einem getragen Pop-Stück mit untergelegten Beats, untanzbar. In Wachs geschmolzene Melancholie. Nicht unpassend für diesen Abend.

Ein Winken deutet dem gelangweilten Kellner, noch ein Bier abzuzapfen und zu Werners Tisch zu bringen. Langsam wird es kritisch. Es war nicht mehr zu früh, sondern schon seit geraumer Zeit passend, und bis es zu spät sein würde, bis dahin wäre es nicht mehr lange. Irgendwo mussten ja alle sein. War doch nicht möglich, dass alle zuhause blieben. Mitte des Monats, mitten in der Woche. Waren doch nicht arbeitstätig, sondern Studenten oder freiberuflich. „Eine halbe Stunden noch. Dann geh ich,“ denkt Werner Lerner bei sich selber und bleibt sitzen.

Nachwort: Dieser Text wird in Kürze auch im Internet unter „http://SchutzhausDöbling.txt.at/1.shtml“ sein. Da er als Grafik-File in CSC-Programmierung bereitgestellt wird, linken Sie sich am besten mittels ISDN oder besser SDSL ein. Warten Sie bitte ein paar Minuten zum Download.

1 Names have been changed to protect the innocent. (Dieser Satz beinhaltet viel mehr Poesie als sein deutsches Äquivalent „Name von der Redaktion geändert.“ So ist es Schutz, Hilfe, eine ausgestreckte Hand, lässig irgendwie. Die deutsche Floskel, typisch eigentlich, ist Anmaßung, Autorität und Überwachungsstaat. Anm.)
2 Wirtinnen sind immer resolut. Wären sie es nicht, so blieben sie nicht lange Wirtinnen.
3 Böse Zungen mögen behaupten, die sozialistische Partei hätte ihn bis heute nicht erkannt, aber das gehört nicht hierher.
4 Oder was man in den Achtziger Jahren für futuristisch hielt. Sie wissen schon: Beton und nutzlose, blau lackierte Eisenrohre. Manche der Kinderspielplätze sind eher als Untat denn als Wohltat einzustufen.
5 Fragen Sie sich, warum dieser Gedanke Frau Reisinger nicht Selbstmordgedanken eingibt? Der Autor auch.
6 Sie haben es erraten: noch nichts verwirklicht. Leider ist Werner Lerner nicht nur nicht kreativ oder originell, er ist auch eine Nervensäge.
7 Ja, Werner Lerner ist wankelmütig. Zuerst verweigert er universitäre Ausbildung, dann denkt er an seine Diplomarbeit. Aber, sind wir nicht alle so?