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wer wartet mit?

eva t. | wer wartet mit?

taxi orange oder Ich warte/Ich warte mich/Ich warte dich. Ein Nachtrag zur jüngst beendeten „Daily Soap”

Ich warte [intransitiv]

Seit Monaten wartet ein Gutteil der Österreicher auf taxi orange. Das heißt: In Wahrheit wartet man aufs Warten. Der vom nationalen Fernsehen gestiftete Mikrokosmos „Kutscherhof“ nämlich ist ein Modell der stillstehenden Zeit, die zwar ein Ablaufdatum hat, aber kein Tempo: Nichts bewegt sich, wenn die Bewohner Tag für Tag wahlweise Nudeln kochen, sich Zigaretten anstecken, einander Fußbälle zuwerfen oder ein zwei Taxis durch Wien wuchten – und das in einer sich selbst reproduzierenden Endlosschleife. Gewartet wird ausschließlich darauf, dass das leere Kontinuum von 77 Tagen seinen Fälligkeitstermin erreicht; gefüllt zu werden beansprucht es nicht – es sei denn durch die Selbstgenügsamkeit, mit der die Bewohner des Kutscherhofes um des Wartens willen warten. Wir haben es hier mit dem Phänomen einer verdoppelten Passivität zu tun: Wenn das Publikum allabendlich darauf wartet, den Freunden & Feinden von taxi orange beim Warten zuzusehen, fallen Haltung des Publikums und Haltung der Protagonisten in eins; das heißt, sie neutralisieren sich gegenseitig: Jemandem dabei zuzusehen, wie er sich langweilt, macht die eigene Langeweile doppelt legitim. Und der gute Onkel ORF tätschelt uns begütigend die Wange: Werft euch Bälle zu, zählt Schäfchen oder Sterne, tötet die Zeit, diesen behäbigen Moloch – die national-obrigkeitliche Absolution ist euch erteilt. Dass dreizehn Jungs und Mädels staatlich legitimierterweise nichts tun, kommt einem langersehnten Freibrief für die eigene Passivität gleich. Was im Fernsehen kommt, kann nur in Ordnung sein. Das kollektive Warten, diese versöhnliche und versöhnte Befindlichkeit, wird hin und wieder unterbrochen von außengesteuerten Aktionsstimuli: zum einen durch die Zufuhr von Sportgerätschaften, Kätzchen oder taxi orange-Videoclips (in denen – das Phänomen zur dritten Potenz – die Mannschaft sich selbst noch einmal beim Warten zusehen darf); zum anderen durch die samstägliche Eliminierung eines Gruppenmitglieds (wie es das Konzept vom „Survival of the Fittest“ vorsieht). Da nämlich, in den drei entscheidenden Minuten der Woche, findet das große Warten sein Ventil in einer Pseudo-Beschleunigung sondergleichen: Einer muss gehen – und dann geht alles ganz schnell: „Gerade noch im Kutscherhof und nun schon bei uns im ORF-Studio ...“. Das Konzept des echt-zeitlichen Transfers wird zur Authentizitäts-Chiffre („ta-ta-touch me, noch haftet der ganze Kutscherhof an mir“), die Rasanz und die emotionale Gepeitschtheit des Geschehens machen die Apathie von Wochen wett, die Zeit bäumt sich auf, ist erfüllt, macht Sinn, ist drei köstliche Minuten lang erfahrbar, ekstatisch, bis zur Erschöpfung – bis sie sich brüsk wieder leert, wieder zur qualitätslosen Quantität wird, zur 77-tägigen Wiederkehr jenes Immergleichen, in der das Warten sich selbst genügen muss.

 

Ich warte mich [selbstreferentiell]

Ein Gerät warten heißt, es auf seine Tauglichkeit überprüfen. Im Unternehmen von taxi orange sind es die Protagonisten, die sich selbst und ihre Intimität einer kontinuierlichen Tauglichkeitsprüfung unterziehen müssen. Denn die ist, wie vergleichbare zirzensische Medienspiele seit Jahren zeigen, keine Privatangelegenheit mehr: Sie ist in den öffentlichen Raum hinausexplodiert, um der kollektiven Begutachtung zugeführt zu werden. Die „révolution intime“ (Julia Kristeva) macht das Private zum öffentlichen Park, in dem die Besitzer ihre inneren Schweinehunde zwar zur Schau stellen dürfen, aber dennoch an die Leine legen sollten. Der Erfolgsquotient der taxi orange-Mitspieler hängt unter anderem davon ab, wie publikumswirksam sie ihre Intimität gezähmt haben, will heißen: wie sehr die Form ihrer Affektkontrolle einem gesellschaftlichen Mittelwert entspricht. Das heißt nun aber nicht, dass im Kutscherhof „Emotionen“ fehl am Platz wären. Im Gegenteil, wie man weiß: je emotionaler, desto publikumswirksamer. Nur haben diese Emotionen eine hochstandardisierte Rhetorik (schön zu beobachten auch an Kabel-Talkshows vom Schlage Arabella Kiesbauer, wo „Streit“ oder „Versöhnung“ nur mehr Zeichencharakter haben, also schablonenhafte Simulationen von „Streit“ und „Versöhnung“ sind). Es geht also darum, dass die eigene Emotionalität – so hoch sie auch schnellt – nicht aus der rhetorischen Norm fällt. Ein Nachjustieren, ein „Warten“ der eigenen Intimität, die man vor den Kameras posieren lässt – das ist schwere Arbeit an sich selbst. Man kann das auch Verinnerlichung von Fremdbestimmtheit nennen, oder, mit Norbert Elias, ein Zusammenschrumpfen der „Informalitäts-/Formalitätsspanne“ (und das gilt für taxi orange so gut wie für uns alle): Statt dass wir draußen in der Welt (im Beruf, im sozialen Leben, im öffentlichen Raum) einen hochformalisierten Umgang pflegen, während wir daheim (in der Familie, in der Wohngemeinschaft) weiterhin rülpsen undsoweiter dürfen, hat sich eine gemäßigte Formalisierung aller Verhaltensweisen bis ins ganz Private hinein durchgesetzt. Der Fremdzwang, der einst das Draußen so übernormiert und das Drinnen so zwanglos gestaltet hat, ist einem flächendeckenden Selbstzwang gewichen. Man hat die Fremdbestimmtheit internalisiert. Man wartet sich.

Ich warte dich [transitiv]

Das eigentlich erstaunliche Phänomen an taxi orange aber ist die Aufwertung des Publikums zum Examinator: Die Funktion des „Wartens“ (wieder im Sinn von prüfen und begutachten) kann es ganz zu Recht für sich reklamieren. Dafür ein Beispiel: Im Ö3-Nachtflug haben sich anlässlich des nächtlichen Rausflugs von Mitspieler H. aus dem Kutscherhof einige Damen und Herren eingefunden, die mit dem Gestus von Fachleuten über Verhalten und Fehlverhalten in taxi orange debattieren. Abstrahiert man einmal von den kolportierten Inhalten („Renate hat schon recht gehabt mit dem Kindheitstrauma“), bleibt die formal völlig austauschbare Situation eines tagenden Expertenteams: Die Zuschauer fühlen sich nicht nur kompetent, sie sind es auch. Denn wie ein wahlweise wohlwollender oder zynischer Gott überblicken sie den Kutscherhof, oder richtiger: wie ein allwissender Erzähler, der beliebig die Perspektive wechselt. Darin sind sie den Bewohnern der Kutscherhof-Welt haushoch überlegen. Was nämlich R. in Abwesenheit von M. mit A. munkelt, kann M. nicht wissen – der Zuschauer schon. Der Zuschauer weiß alles. Damit ist er Gott, Voyeur und Psychoanalytiker in Personalunion, mit höchster Urteilskraft von ORFs Gnaden ausgestattet und seines Zeichens allmächtig. Im Ö3-Nachtflug oder vergleichbaren Debattierstuben im Internet treffen dann Götter, Voyeure und Psychoanalytiker aufeinander: Hier wird die Moral von der Geschichte basisdemokratisch verhandelt, denn die hat schon lang kein einzelner Gott mehr unter Monopol – auch keine Kirche und kein Parteiprogramm. Die Fernsehgemeinde von taxi orange ist ein bestechendes Beispiel dafür, wie sehr die Demokratisierung der Moral mit einer Moralisierung des Alltags im Bund steht. Der Kutscherhof-Alltag (als kollektive, öffentliche Ersatz-Erfahrung) ist die gemeinsame Folie, auf der die Zuschauer-Götter ihre moralischen Koordinaten gegeneinander abzirkeln können.

Die Autorität ist also zugunsten des Publikums gekippt – gestützt vom Medium, das die im Kutscherhof installierten Kameras zu prothesenhaften Verlängerungen des anonymen Zuschauer-Körpers macht. Die Zuschauer begutachten die Szenerie im Schatten des anonymen Kollektivs. Sie „warten“ den Kutscherhof: Sie sind Wärter, von ihrer Warte aus.