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authentizität in größe medium

Ernst Wünsch stellt sich als bemerkenswerter Erzähler vor


Ernst Wünsch: Wo lassen schreiben

Wien - Linz: Resistenz 2000

Rezensiert von: werner schandor


Die Literaturkritik ist ziemlich anfällig für das Authentische. Kaum gibt ein Autor Wirtshausgespräche wieder, schon wird seinem Werk bescheinigt, es atme das echte Leben. Gerne wird auch der "große deutsche/europäische/amerikanische Roman" eingefordert, in dem sich beispielhaft abbilden soll, wie das echte Leben wirklich ist. Eine Nummer kleiner – und so der Durchschnittsexistenz angemessener – gibt es der Wiener Hörspielautor Ernst Wünsch, Jahrgang 1951, in seinem Erzählband mit dem merkwürdigen Titel Wo lassen schreiben. In den acht Texten aus zwei Jahrzehnten kommen immer wieder autobiographische Einsprengsel vor, die leichtfüßig Authentizität erzeugen, ohne aufdringlich zu wirken. Der Stil der Prosa erinnert mitunter an den Wahrnehmungshunger der hiesigen Literatur der 1970er. Aber das hat aus heutiger Sicht durchaus seinen Charme.

Die Geschichten werden vorwiegend von einem männlichen Ich erzählt, das seiner Umgebung skeptisch, aber nicht misanthropisch gegenübersteht. Der Erzähler ist Weinkenner, Bücherliebhaber und tritt in verschiedenen beruflichen Ausprägungen auf. Es kommen viele Schriftsteller vor, ein Moulagist (ein Blick ins Fremdwörterbuch lohnt sich), und auch – in der Erzählung Der Inselvermesser – ein Geodät.

"Ein Vermessungsauftrag der Wiener Hochschule für ANGEWANDTE KUNST ließ mich die gerade kulminierende Existenzangst aufschieben […]. Ein Vermessungsprojekt im Ausland. Immerhin Griechenland. Eine glückhafte Fügung, schätze ich doch an Griechenland zweierlei: erstens die klassische Antike, zwotens die Tatsache, daß es dort kein Grundbuch gibt."

Was dann in dieser Geschichte passiert, funktioniert wie alle Erzählungen Wünschs auf mehreren Ebenen. An der Oberfläche begleiten wir den Landvermesser in die Ägäis, wo er bezahlterweise auf das Eintreffen der Architekturklasse wartet, für die er arbeiten soll. Dabei läuft ihm ein österreichisches Pärchen namens Sabine & Erwin, letzterer ist Schriftsteller, über den Weg. Während sich der Protagonist mit Einheimischen anfreundet, leben Sabine & Erwin zum Leidwesen aller ihre Beziehungsneurosen im Urlaub aus. So weit der Plot, der die Gastfreundschaft der Griechen gleichermaßen wie die Gestörtheit der Österreicher lebensecht wiedergibt.

Darüber hinaus sind den Geschichten von Ernst Wünsch jedoch etliche weitere Aspekte eingeschrieben. "Eine besondere Lesart dieser Prosa ergäbe sich aus der Beobachtung der in den Geschichten enthaltenen Liebesgeschichten", hält der Radiojournalist Manfred Mixner im Vorwort des Buches fest. "Eine andere ließe sich ableiten aus der Untersuchung der Wahrnehmungsweisen und des Sozialverhaltens der Figuren, ihres Verhältnisses zur Wirklichkeit, wie und wovon sie träumen, woran sie sich erinnern […]." Und auch die Frage nach der Verortung des Menschen in diesem Leben spielt in den Geschichten von Wünsch eine weitere nicht unwesentliche Rolle, müsste man ergänzen.

Dies ist nun die Stelle, an welcher die Literaturkritiker gerne feststellen, was das gelesene Buch in Wahrheit und zuinnerst ist. Dass sich die Texte von Ernst Wünsch einer derartigen Zuordnung entziehen, kann als Qualitätskriterium gelten. Als Tipp zum Anlesen ist übrigens die verspielte Pubertäts-Skizze Das sechzehnte Jahrhundert eisfrei zu empfehlen.