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Dietleibs Zeit

willi hengstler | Dietleibs Zeit

Am ehesten bleibt unvergessen, was niemals geschehen, am schnellsten wird unsterblich, wer kaum gelebt hat.

Den wenigsten bleibt der Name Dietleib im Gedächtnis, aber seine Geschichte behält, wer sie einmal hört. Er stammte aus Südschweden, das damals zum Reich der Dänen gehörte. Sein Vater war Biterolf, der reiche, schwertgeübte Ritter, seine Mutter Oda, die schöne Tochter eines Sachsengrafen. Aber der Sohn dieser glänzenden Eltern lungerte tagaus, tagein in der Küche, aß viel und fett, schlief in der Asche hinter dem Herd, wechselte nie die Kleider und mied das Badehaus. So wuchs er zu einem stattlichen Kerl heran, das Gesicht freilich verborgen unter Fett und Ruß, das Haar lang und strähnig.

Er tummelte keine Rosse auf dem Turnierplatz, schwang kein Schwert, tauschte seine Lumpen nicht gegen eine glänzende Rüstung. Und da er zum Reden zu faul war, blieb auch verborgen was er dachte. In seinem Schlupfwinkel hinter dem Herd träumte Dietleib an einem immer grandioseren Gegenentwurf. Nach 5 oder 15 Jahren, in denen Dietleib immer unzerstörbarer, aber alles rings um ihn älter wurde, tauchte er ins Wasser, legte die Kleider an, die ihm seine Mutter reichte, umgürtete sich mit der Wehr, die ihm der Vater überließ und sattelte ein gutes Roß. Es war ein strahlender Jüngling, der die Eltern zu dem Gastmahl des Fürsten begleitete und dort ob seiner Sitten und Klugheit viel Lob einheimste. Aus der Asche hatte sich ein Schatten aus Fleisch und Blut erhoben, während der andere in seinem Winkel fünfzehn Jahre und wieder fünfzehn und wieder und wieder sein ruhmreiches Leben einübte.

Der Sieg über die Räuber, die auf dem Rückweg über die Reisenden herfielen, machte dann alle von einer zweiten Geburt sprechen. Man hatte um den im Kampf ungeübten Sohn gefürchtet, bis der vom Pferd gesprungen und Rücken an Rücken mit dem Vater den Strauchdieben heimgeleuchtet hatte.

Aber Dietleib hatte seine Küche nicht verlassen, nur um zu gewinnen, was schon von Geburt an sein Eigen war. Das alles war nur die Probe für viel größere Eroberungen. Im Lauf der Zeit zu erringende Siege lassen den gleichgültig, der unzerstörbare Entwürfe von sich gegen die Zeit selbst setzt.

Vom nördlichen Rand Europas zog er, ohne sich aus der Asche zu erheben, auf dem Roß seines Vaters nach Süden und wurde Dienstmann Dietrichs von Bern.

Hier kreuzen einander zwei gegenläufige Bewegungen. Der Berner geht aus dem Licht der Geschichte in die Dämmerung der Sage, während der Däne aus dem Nebel seiner gewaltigen Vorstellungskraft in die reale Geschichte tritt.

Sie zogen nach Romaburg, wo König Ermenrich zu einem großen Mahl geladen hatte. Das Folgende kann man als Zusammenprall nördlicher Völlerei mit südlicher Mäßigung deuten, aber genauso als Kränkung Dietleibs, daß man seine unausgesprochenen Gesichte nicht erkannte. Da er seinen Namen verschwiegen hatte, mußte er im Zentrum der Welt mit den anderen Knechten im Pferdestall nächtigen. Da richtete er mit den 30 Goldtalern, die er von zu Hause mitgebracht hatte, für 3000 Dienstleute ein ebenso prächtiges Fest wie das im Palast aus. Und als die Summe nicht reichte, setzte er Waffen und Pferde Dietrichs von Bern und seiner Genossen für 60 weitere Goldtaler zum Pfand. Nach dem Festmahl oben im Palast, unten in den Ställen, erfuhr Dietrich von Bern, daß er seine Habe auslösen müsse, um nach Norden zu reiten.

Wortlos brachte Dietrich seinen Dienstmann vor König Ermenrich, der Dietleib aufforderte, den Betrag zu erklären. Dietleib verlangte erst, wie es Sitte in seiner Heimat, zu Essen und zu Trinken und verzehrte ungeheure Mengen vor staunenden Zusehern.

Walter vom Wasgenstein, der auch unter den Geladenen war, forderte Dietleib zum Kampf. Siegte er, so gehörte ihm sein, Walters, Haupt. Unterliege er aber, so fänden sich in Romaburg Galgen für solche Prasser und Verschwender.

In Dietleibs Wachtraum mußte der Herausforderer Walter sein, der bescheidenste und größte Held. Hatte er nicht am Wasgenstein die 12 Recken des Nibelungen Gunther erschlagen und dann noch den Kampf gegen den geldgierigen König und seinen treuen, furchtbaren Hagen bestanden? Kein anderer Kampf, als der gegen den Aquitanier konnte diesen Ruhm verleihen.

Sie warfen zweimal den schweren Stein, Dietmar gewann erst mit 2, dann gar mit 5 Fuß. Daraufhin schleuderte Walter eine mächtige Bannerstange über das Dach von König Ermenrichs Königshalle. Dietleib nahm sie auf, schleuderte sie zurück und raste dann so rasend schnell durch die Halle, daß er noch vor der Stange auf der anderen Seite anlangte und sie aus der Luft abfing. Da hatte Walter vom Wasgenstein sein Haupt an Dietleib den Dänen verloren. Aber der Sieg ist behaftet mit Ungereimtheiten, die auf die Kraft von Dietleibs Selbsterfindung hinweisen. Bei dem Kampf am Wasgenstein war Walter von Hagen nämlich die rechte Hand abgehauen worden; vielleicht hätte der Recke die Bannerstange mit der Linken, aber niemals den schweren Stein mit beiden Händen schleudern können. Und indem Dietleib die Stange im Flug überholte, hatte er da nicht zugleich die Zeit selbst überholt?

Er verzichtete auf Walters Haupt und wollte nicht mehr, als daß Herrn Dietrichs und seiner Genossen Kleider, Pferde und Waffen ausgelöst wurden. Dann nannte er seinen und seines Vaters Namen und wurde der jüngste Genosse Herrn Dietrichs. Er war angekommen, noch Jahrzehnte als rußiges Bündel hinter dem Herd seine Geschichte vollendend, während die Ruinen der väterlichen Burg in das Erdreich zurückwuchsen.