schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 06 - echt? echt fraglich
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/06-echt/echt-fraglich

echt fraglich

julius deutschbauer | echt fraglich

Julius Deutschbauer befragt Franz Morak zu seinem ungelesen Buch

Julius Deutschbauer: Wir befinden uns in Graz, es ist der 24. April 2001, Herr Staatssekretär Franz Morak, welches Wetter haben wir heute?

Franz Morak: Herr Staatsstipendiat Julius Deutschbauer, es ist sehr heiß, und ich habe meine warmen Hosen an.

Welches Buch haben Sie noch nicht gelesen?
Dr. Franz Wurst, Landjugend gestern und heute.

Wie oft haben Sie dieses Buch noch nicht gelesen?
Noch nie.

Und wenn Sie es gelesen hätten, was würde es besagen?
Es würde hoffentlich halten, was der Titel verspricht, der mich tief berührt und betroffen macht: Landjugend gestern und heute - es bestürzt mich beinahe. Ich war immer ein Stadtkind, ein Grazer Stadtkind. Hier hat mich meine Großmutter schon als Fünfjähriger mit in das Theater genommen, Peer Gynt, und das hat mich so tief mitgenommen, dass ich zu meiner Großmutter ging in der Nacht, ich konnte überhaupt nicht schlafen, und hab' zu ihr gesagt, so, und jetzt weiß ich, ich werde Hauptdarsteller werden, aber ich werde ein Schauspieler, der auch singen tut. Dann hat sie nur mit dem Kopf geschüttelt und gesagt, du schläfst jetzt, du bist zu aufgeregt.

Wie kompensieren Sie diesen Mangel?
Es nicht gelesen zu haben, scheint mir ein Mangel an Wissen darüber, was in Doktor Wursts Augen Landjugend gestern und heute bedeutet. Dieses Wissen - das wissen Sie selbst am besten - ist nicht irrelevant für das Verständnis vieler junger österreichischer Künstler gestern und heute.

Sind Sie Herr darüber, was Sie lesen?
Wenn ich verstehe, was ich lese, bin ich selbstverständlich in gewissem Sinn Herr darüber, aber nicht ein herrischer Herr, sondern ein Herr, der eben versteht. Was ich aber nicht gelesen habe, darüber weiß ich nicht, ob ich Herr bin oder nicht, weil ich nicht weiß, ob ich es verstehen würde oder nicht.

Können Sie beweisen, dass Sie Ihr ungelesenes Buch noch nicht gelesen haben?
Stellen Sie mir ruhig eine inhaltliche Frage zu dem Buch, und Sie werden sehen, ich kann nicht antworten.

Können Sie ein Portrait Ihres ungelesenen Buches entwerfen?
Herr Deutschbauer, ich bin darstellender Künstler, Sie sind bildender und - ich getrau mich jetzt zu sagen - auch ein darstellender Künstler. Während Sie mich nach einem Porträt dieses Buchs fragen, haben Sie selbst eines geliefert, und zwar ein authentisches. In ihrem Videobeitrag zur Ausstellung Lebt und arbeitet in Wien in der Kunsthalle Wien sah ich, wie Sie unter dem Titel Dr. Wursts Landjugend gestern und heute nackt auf einem Bein standen, und mit der linken Hand am rechten Ohr versuchten, zu Kärntner Volksliedern das Gleichgewicht zu halten. Das hat mich tief berührt, weil ich auch weiß, dass Sie in Wirklichkeit schon als Fünfjähriger bei Dr. Franz Wurst in Behandlung waren, der Ihnen mit genau der selben Stellung Gleichgewicht anzutrainieren versuchte. Es war also ein Porträt des Buchs, in dem Sie vermutlich umgekehrt auch selbst porträtiert sind. Sie sehen, ich bin gut vorbereitet.

Aber wie hat das mit Ihrem ungelesenen Buch begonnen? Hat es sich einfach vor Sie hingestellt und Ihnen zugerufen: "He Sie da!"?
Bücher lesen bedeutet Menschen lesen, und ebenso wie Menschen rufen auch Bücher: He Sie da! Jedes echte Kunstwerk richtet einen Appell: He da! oder einfach: Spring! - In Ihrem Fall schien es mir geradezu ein Hilfeschrei zu sein.

Für wen öffnet sich Ihr ungelesenes Buch?
Das wären doch die ehemaligen Patienten und nunmehrigen Delinquenten Dr. Wursts, die sich in der Landjugend gestern und heute wiedererkennen und anhand der Echtheit des Buchs auch die Echtheit ihrer eigenen Erfahrung in Frage stellen können, soweit sie durch Dr. Franz Wurst hindurch gegangen ist

Markieren Sie Bücher?
Nein, meine Bücher sind gelesen wie ungelesen, jungfräulich und keusch. Jedes wiederholte Lesen sollte sein wie beim ersten Mal.

Ist Ihr ungelesenes Buch ein Ort des Verbrechens?
Darüber sind wir uns nach meiner vorvorigen Antwort hoffentlich einig.

Wären Sie in Ihrem ungelesenen Buch verloren?
Da ich nie zur Landjugend zählte, bin ich für dieses Buch verloren. Ich komme darin nicht vor.

Gäbe es darin einen Trostspender?
Nicht für mich, für mich nicht.

Welche Erinnerungen an einen Menschen ruft Ihr ungelesenes Buch in Ihnen wach?
Es erinnert an die österreichischen jungen Künstler, die im Regionalismus gefangen sind und nicht mehr produzieren als eine ölige Degeneration der österreichischen Kunstgeschichte. Das ist nicht zuletzt Dr. Franz Wurst zu verdanken. Stimmen Sie mir hier zu?

Eignete sich Ihr ungelesenes Buch für ein Manöver?
Ein strategisches Abwehrmanöver gegen die von Beeinträchtigungsideen besessenen jungen österreichischen Künstler.

Was für eine Arbeit vernachlässigen Sie gerade, um mit mir über Ihr ungelesenes Buch zu sprechen?
Es bedürfte eines ganzen Buches, um das zu erklären. Auch ist die Stunde noch nicht gekommen, um es zu sagen. Die Regierung, der ich angehöre, arbeitet an Visionen, von denen österreichische Künstler nicht einmal träumen.

Finden Sie, dass der Autor Ihres ungelesenen Buches und Sie ein paar ähnliche Züge haben?
Das einzige, was mich mit Dr. Wurst vergleichbar macht, ist, dass er ein hervorragender Schauspieler war. Über 40 Jahre verkörperte er für das sozialdemokratische Gesundheitswesen den Kinderfreund, der er leider nie gewesen ist.

Was reizt Sie am Titel Ihres ungelesenen Buches?
Dass es in den roten 70er Jahren erschienen ist, während es an die dunklen braunen 40er erinnert.

In welcher Stellung lesen Sie meistens?
Im Sitzen.

Wann lesen Sie meistens?
Zwischen den Sitzungen.

Ist Ihnen Lesen immer gut bekommen?
Körperlich oder geistig gesundheitlich?

Wonach halten Sie Ausschau, wenn Sie lesen?
Eine sehr gute Frage. Ich gratuliere Ihnen zu der Vision, die sie in mir hervorruft: Ich halte Ausschau nach einer Ausschau, d.h. nach einer Vision, wie sie im Regierungsprogramm angelegt ist.

Wie bereiteten Sie einen Imbiss für den Helden Ihres ungelesenen Buches zu?
Wie ich Sie kenne, spielen Sie auf ein Wortspiel an, zwischen Wurst und Würstel, auf das ich mich nicht einlassen möchte.

Säßen Sie in Ihrem ungelesenen Buch ein wenig?
Säßen?

Würden Sie ein wenig darin sitzen?
Ich sitze beim Lesen, aber nicht im Buch. Da würde ich - wie Sie - stehen.

Bringt unser Gespräch über Ihr ungelesenes Buch ein Bindeglied zwischen uns zutage?
Im Gegenteil. Sie trinken Bier, ich Mineral.

Ist ein Gespräch über ein ungelesenes Buch nicht ein wenig wie ein sich-in-ein-fremdes-Bett-legen?
Wenn sich Politiker in fremde Betten legen, sollte es jedenfalls kein Bett sein, das ihnen die Medien bereitet haben.

Besäßen Sie in Ihrem ungelesenen Buch Charisma?
Wäre es denn eine Ehre, bei der Landjugend gestern und heute Charisma zu haben? Charisma hat verführerische bis führerische Konnotationen, insbesondere bei der Landjungend, gestern, heute, morgen, und ich fürchte, übermorgen auch noch. Charisma, hier wäre die Bindegliedfrage angebracht! Denn ich denke, Charisma, sei es politischer oder künstlerischer Art, sollte nicht in die falschen Hände geraten, d.h. nicht in Hände, welche die kreativen Potenzen der Bewunderung verstümmelt.

Mit welchen Gefühlen betrachten Sie der Reihe nach Ihre ungelesenen Bücher?
Meine Großmutter hat oft zu mir gesagt, du bist ein offenes Buch. Und jedes ungelesene Buch ist der Erfahrung ebenso wert wie ein unbekannter Mensch. Aber: Es gibt zu viele davon.

Glauben Sie, man belauscht uns hier?
Es gibt überall Mithörer, Mitseher, Mitesser.

Und ob Sie nicht heimlich vor Kummer verzehrt worden wären, hätten Sie es gelesen?
Ich hätte kummervolle Dinge über Menschen erfahren, die ich einigermaßen zu kennen glaube. Insofern wäre der Kummer aufschlussreich.

Gäben Sie es auch Ihren Kindern zu lesen?
Vielleicht später.

Würden Sie Spaß daran haben?
Meine Kinder oder ich?

Sie.
Wie Frau Löffler zu sagen pflegt: Spaß ist die falsche Kategorie. Das müssten Sie als Bibliothekar doch wissen!

Wie sähe die geeignete Kleidung für Ihr ungelesenes Buch aus?
Tja, Herr Deutschbauer, jetzt machen Sie mich wieder verlegen. Sie waren nackt, bekleidet nur mit dem Kärntner Liedgut sozusagen: Valoßn, valoßn, valoßn bin i, wia a Stan auf da Stroßn. Wie geht´s weiter?

Wie hat sich Ihr ungelesenes Buch bei Ihnen eingeprägt?
Eben durch ihr Video.

Vielleicht verunglückten Sie in Ihrem ungelesenen Buch, alle anderen natürlich gerettet, nur Sie verfahren?

Wer weiß, vielleicht wären alle anderen verunglückt, nur ich gerettet.
Wäre in Ihrem ungelesenen Buch ein Tisch für uns gedeckt?
Kann sein, aber frage nicht nach dem Gericht.

Ahnen Sie etwas?
Ja. Doch es könnte schlimmer sein.

Ist eine Speise nach Ihrem ungelesenen Buch benannt?
Wieder eine Anzüglichkeit.

Wer ist der Held Ihres ungelesenen Buches?
Traurige Helden, pathologische Analysefälle der österreichischen Krankengeschichte, verstümmelt durch falsche Maßnahmen. All das müsste neu evaluiert werden.

Gingen Sie in Ihrem ungelesenen Buch aus sich heraus?
Ich wäre, wäre ich drin, nicht fähig, daraus herauszukommen. Ich halte es für ein Märchen der sozialdemokratischen Kulturpolitik, dass Menschen aus dem Buch, in dem sie sind, überhaupt jemals herauskommen und den Buchdeckel sozusagen überschreiten könnten, selbst wenn sie das Buch restlos verstehen und auswendig vor sich hersagen können. Habe ich das nicht gut formuliert?

Gibt es von Ihrem ungelesenen Buch eine Ansichtspostkarte?
Dazu empfehle ich Herrn Spring, ein Meister im Visualisieren abstruser Probleme. Er hat sogar eine Fake-Montage für das profil gemacht, wo Sie mich auf den Arm nehmen.

Ist der, der Ihr ungelesenes Buch liest, besser gestimmt als der, der es nicht liest?
Besser gestimmt, weil besser informiert.

Welche Gesellschaft fänden Sie in Ihrem ungelesenen Buch vor?
Darf ich mit Peter Weibel antworten?

Würde in Ihrem ungelesenen Buch auch gelustwandelt, ungestraft?
Ja, gelustwandelt, aber nicht ungestraft. Lust ist nicht vom geistigen Glück abhängig, das bestimmt diesem Buch komplett fehlt. Sie haben selbst die schönste Metapher für eine solche, mit Unglück gestrafte Lust gefunden. Ich sah, wie Sie nach Stunden, in denen Sie die trockenste Gleichgewichtsübung machten, nackt und auf einem Bein, leicht in Erregung versetzt wurden, als die Krankenschwester Petra Egg ins Bild kam und in Ihren Akten blätterte.

Fänden Sie in Ihrem ungelesenen Buch Halt?
Halt kaum, vielleicht Gleichgewicht.

Wo wäre ein besserer Halt zu finden?
Ich denke, Sie denken an etwas, an das ich lieber nicht denken möchte.

Gehen Sie früh schlafen?
Was verstehen Sie unter "früh"?

Glauben Sie, dass jemand, der ein solches Mikrophon benutzt, gerne lauscht?
Nein. Nicht Sie sind es, das Mikrophon in Ihrer Hand belauscht mich.

Warum runzeln Sie nicht die Brauen?
Ich runzle fortwährend, aber das geht an Ihrem Autismus ja vorbei.

Was soll ich Sie noch mehr fragen?
Fragen Sie, ob ich unser Gespräch nicht zu einer Präambel zusammenfassen möchte.

Wollen Sie, dass ich unser Gespräch zu einer Präambel zusammenfasse?
Sie können auf meine Antwort ja geradezu eingehen!

Was soll aus mir werden, wenn ich nichts mehr zu fragen habe?
Herr Deutschbauer, um Sie mache ich mir keine Sorgen.

Dann danke ich Ihnen, Herr Staatssekretär Franz Morak, für die Geschichte Ihres ungelesenen Buches. Sagen Sie noch einmal Autor und Titel?
Dr. Franz Wurst, Landjugend gestern und heute.

Danke.

 

Transkription: Gerhard Spring