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echte und unechte dinge

brigitte fuchs | echte und unechte dinge

Eine kurze Universalgeschichte

Auf der Suche nach den echten Dingen stoßen wir vor allem auf Bier. Genauer gesagt auf alkoholisches Bier. Dank Werbefenster Österreich wissen wir, dass Bier aus lauter echten Zutaten wie beispielsweise echtem Wasser gebraut wird. Deshalb ist Bier auch ursprünglich und unverfälscht und nimmt gerne Namen wie Urtyp oder Urquell an. Der Alkohol, um dessentwillen das Bier so gern getrunken wird, erhält selten das Prädikat echt. Andererseits gilt alkoholfreies Bier nicht als echt, obwohl es offensichtlich wie echtes Bier großteils aus Wasser besteht. Wasser als Mineral- und Tafelwasser ist manchmal echt und ursprünglich, aber viel seltener als Bier. Wasser ist wie Milchprodukte häufiger (ja) natürlich als echt.

Das Echte

 

Warum einige Nahrungs- und Genussmittel natürlich, andere echt sind, bleibt ein Rätsel, das wir an dieser Stelle nur ansatzweise entschlüsseln können. Immerhin ist klar, dass ein Zusammenhang zwischen Echtheit und Berauschung beziehungsweise Natürlichkeit und Nüchternheit besteht. Lévy-Strauss würde daher folgende Formel aufstellen:

Natur/Wildnis:

Filme mit Motorrädern, Action, Helden u.ä.

Bier

Echtheit

Tradition

Rausch (Wirtshaus)

Freizeit

Prolos

Kultur/Zivilisation:
fade Kulturfilme
Milchprodukte/alkoholfreies Bier
Natürlichkeit
Moderne
Gesundheit/Fitness (Fitness-Center)
Arbeit
middle class

Soviel zur Theorie, die nichts Echtes ist. Echt ist die Werbung, die sehr viel besser ist als der üble Ruf, der ihr von bürgerlichen Bildungsinstitutionen angeheftet wird. Bierreklame lügt nicht, denn Bier ist echt. Es bildet eine empirisch nachweisbare materielle Substanz mit hohem Nährwert, die bei individuellem Konsum Durst löscht und eventuell einen Bierbauch hervorruft. Wäre Bier nicht echt, hätte es weder KonsumentInnen noch Marktwert noch Werbespots.

Das Unechte

 

Ganz anders als mit Bier verhält es sich mit Europa. Schon ein einziger Blick auf einen Globus oder eine Weltkarte genügt, um festzustellen, dass Europa nicht echt existiert. Lassen wir die Landmassen so anerkannter Kontinente wie beider Amerika, Australien und Afrika außer Acht, so erblicken wir nämlich nur noch eine einzige kontinentale Landmasse: Asien.

In alter Zeit wusste man zwar nichts von den Amerikas, wohl aber von Asien und Afrika. Europa war der am westlichen Festland gelegene Teil der hellenisch besiedelten asiatischen Regionen. Die alten Europäer kannten ihre Nachbarn im Norden als Barbaren, die kein Griechisch sprachen und deshalb für Barbaren gehalten wurden. Noch höher im Norden vermuteten sie Wilde, Kannibalen und Monstren, die der nichteuropäische Geograph Herodot so anschaulich und eindrucksvoll beschrieben hatte, dass er damit eine neue Wissenschaft begründete: die Nordistik.

Die Nordistik (nicht etwa Europistik), die ihre wichtigsten Forschungsstätten in Alexandria und anderen zivilisierten Metropolen hatte, stand erst hunderte Jahre später in voller Blüte. Sie diente dazu, einerseits die Möglichkeiten zur Errichtung von Handelsstützpunkten zu erkunden, andererseits die wilden Nordbarbaren zu erforschen, zum wahren Glauben zu bekehren und zu zivilisieren. Gelehrte Geographen und Ethnographen befragten unzählige Leute, die echt oder angeblich im Norden gewesen waren. Auf diese Weise erfuhr man von den dort herrschenden kannibalischen Sitten und von wilden Amazonen. Die Amazonen von Schleswig waren lange Zeit eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache.
Einige aufgeklärte Gelehrte, die Kannibalismus und Amazonentum nicht fürchteten, ja die Existenz dieser nordischen Phänomene bezweifelten, begaben sich schließlich persönlich in den Norden. Sie konnten dort aber keine sonderlich guten Geschäftsmöglichkeiten entdecken und hatten auch sonst nicht viel Günstiges zu berichten. Der Geograph Mas'udi schreibt über die Regionen nördlich von Al-Andalus:

"Was die Leute im nördlichen Quadranten betrifft, so ist von ihnen die Sonne umso weiter entfernt, je weiter sie in den Norden vorgedrungen sind wie die Slawen, die Franken und deren Nachbarnationen [...] Das warme Temperament fehlt unter ihnen; ihre Körper sind groß, ihre Natur ist schwerfällig, ihre Manieren grob, ihre Auffassung langsam, und ihre Zungen sind schwer. Ihre Farbe ist so äußerst weiß, dass sie blau aussehen; ihre Haut ist dünn und ihre Leiber grobschlächtig. Ihre Augen sind ebenfalls blau, changieren aber farblich; wegen der feuchten Nebel ist ihr Haar schlicht und rötlich [...] Je höher im Norden sie siedeln, desto stumpfsinniger, roher und brutaler sind sie [...] Diejenigen, die 60 und mehr Meilen über diesem Längengrad siedeln, sind die Gog und Magog. Diese leben im sechsten Klima und werden zu den Tieren gerechnet."

Wegen des indiskutabel kaltfeuchten Klimas, der Menschenfresserei und der Unmanierlichkeit der BewohnerInnen mieden zivilisierte Leute daher den nördlichen Quadranten auch künftighin. Sie wandten sich lieber der Zivilisierung der afrikanischen Südbarbaren zu: Im südlichen Quadranten vermuteten sie wegen der ausreichenden Sonneneinstrahlung Hoffnung auf religiöse Erleuchtung und Zivilisierung. Auf die Nordbarbaren vergaßen sie in den Jahren zwischen ca. 350 und ca. 1200 (nach Hedschra) fast völlig bis Napoleon, ein Pionier des gemeinsamen Europäischen Marktes, Alexandria okkupierte.

Das Unecht/Echt-Problem

Unterdessen hatten die Nordbarbaren weder die schönen Luxusartikel noch die Städte mit ihren Konsum-Möglichkeiten noch den Komfort der zivilisierten Welt vergessen. Einige Feldzüge nach Jerusalem und Umgebung brachten sie ihrem Ziel, einem Leben an der Sonne, nicht direkt näher. Dafür begriffen sie dank der südlicheren Sonne das Prinzip der Zivilisation: das Privateigentum. Deshalb konzentrierten sie sich fortan darauf, sich in Al-Andalus an den Gütern der Nichtchristen durch deren physische Eliminierung zu bereichern. Die römischen Päpste fanden das echt gut und beteiligten sich an dieser Sache als spin-doctors: Bald erfand die römische Kirche Europa - die römische Christenheit im Gegensatz zum Islam.

Nachdem Europa die Moslems vertrieben und noch einige Kolonien gewonnen hatte, erreichte die europäische Eigenreklame ein so bedeutendes Ausmaß, dass bald niemand mehr daran zweifelte, dass es Europa echt gab. Und irgendwie gibt es Europa ja auch - gäbe es denn sonst den gemeinsamen Markt und neuerdings auch den Blairismus? Blairismus bedeutet, dass alle, die noch nicht in Europa sind, auch noch dorthin wollen, z.B. die Türkei. Weil aber einige Leute wie beispielsweise Ex-Kohl wissen, dass Europa zwar nicht so echt wie Bier, aber eben echt Europa ist, möchten sie Gegenden, wo der Islam vorherrscht, nicht dabeihaben. Allerdings gehört Kohl nicht zu den Blairisten, die als Austro-Blairisten die wirklich geniale, leider aber keineswegs erfolgreiche Wahlkampfparole Lieber essen gehen als Gen essen ersonnen haben.

Und wenn sie kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen, und wenn sie kein Wasser haben, sollen sie Bier trinken, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute ...