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andreas r. peternell | editorial

Der Schlusssatz vorneweg: "Das Echte hat viele Gesichter." Punkt. Aus. Heft zu. Treffender als Gudrun Sommer kann man das Wesen des Echten gar nicht beschreiben.
Wer dennoch weiterlesen will, findet in dieser Ausgabe der schreibkraft die unterschiedlichsten Gesichter des Echten versammelt. So scheinen Lebensmittel besonders gerne mit der Zuschreibung „echt“ versehen zu werden. Marmelade ist „fruchtecht“, Butter „echt biologisch“ und selbst Kekse sind nur dann „echt“, wenn sie eine gewisse Anzahl an Ecken haben. Zuweilen stößt man auf der Suche nach den echten Dingen aber auch auf Bier. Brigitte Fuchs weist in ihrer Universalgeschichte schlüssig nach, dass gerade alkoholisches Bier echt sein muss. „Ganz anders als mit Bier verhält es sich hingegen mit Europa“, meint sie weiter. Aber lesen Sie selbst.
Eine allzu häufige Mesalliance bilden auch die Begrifflichkeiten „echt“ und „Werte“. Und was in der Fernsehwerbung fröhlich als Werthers Echte daherkommt, macht sich in der Kernzone der Realität (auf Leserbriefseiten diverser Kleinformate etwa) als „echte Werte“ genüsslich breit. Nur: Handfeste Dinge wie Aktiendepots und Häuserzeilen sind damit weniger gemeint, amöbenhafte Einheiten wie Ehre und Treue schon öfter. Und: Dass die Kinder nicht mehr Grüßen können, ist oft schlüssiger Beweis dafür, dass es sie nicht mehr gibt, die echten Werte. Genauso wenig wie Frittieröl übrigens (den Beweis dafür liefert Franz Prettenthaler) oder den knallroten Autobus.
Was aber ist tatsächlich echt? Was Original, was Fälschung? Ist eine industriell gefertigte Reproduktion des Dürer`schen Hasen oder der Mona Lisa, wie man sie in jedem Einrichtungshaus, passend zur Wohnlandschaft in deutscher Eiche, erwerben kann, weniger Original als die nicht minder industriell hergestellten Werke von Dali oder Warhol?
Warum werden Kopien von textilen Markenprodukten aus fernöstlicher Produktion mit scheelem Blick als billige Fälschungen abgetan, Kopien aus englischen Genlabors (Dolly) jedoch als Meilensteine der Forschung gefeiert? Warum wird das Abschreiben in der Schule nicht gern gesehen, während das Cut`n`Paste-Prinzip ein wesentliches Element der Kunst- und Musikproduktion der 90er Jahre geworden ist?
schreibkraft, die Hochburg des Borderline-Journalismus, hat sich dieser Fragen angenommen und kommt auch hier zu einem simplen Schluss: Die Wirklichkeit ist einfach zu öde. Gefälscht und plagiiert wird deshalb auf Teufel komm raus. Von Computerspielen bis zu Gründungsdokumenten ganzer Dynastien; von Kunstwerken bis hin zur Wissenschaft. Die Realität wird beschönigt, verbessert oder dramatisiert. Der Schweizer Bruno Doessekker etwa zimmerte sich in seiner 1995 publizierten Autobiographie seine eigene, ganz persönliche Lebenswelt zusammen, die auf den ersten Blick eher realitätsfrei erscheint. Dass die Sachlage aber doch nicht ganz so einfach ist, versucht Christiane Zintzen zu erklären. Mit einer weiteren spektakulären Fälschung beschäftigt sich Werner Suppanz: Der Sokal-Hoax löste vor einigen Jahren fast einen „Krieg der Wissenschaften“ aus.
Eine einzige Frage bleibt freilich auch weiterhin ungeklärt: Warum ist ein Pissoir von Duchamp teurer als eines von Odörfer?