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fast wie papier, nur ungeduldiger

Der Chat-Roman von Marie Kaps belegt: Die Probleme online waren schon immer die Probleme offline


Marie Kaps: SOLO SUCHT MOON. Ein Chat-Roman

Linz - Wien: Resistenz 2000

Rezensiert von: claudia rief-taucher


KORN schreit: gibt’s do a FETISH WEIBA :-) (Mon 8:36pm)
Das Kleine Arschloch: Er schreibt mia ja imma so an Scheiß - mit Mausi und so’n Fuck :-) (Mon 8:36pm)…
Der erste Besuch ist meist kurz - zehn Minuten reichen, um geschockt den Raum zu verlassen, die Tür hinter sich zuzuknallen und spontan die Menschen zu verabscheuen.
Mit der Tür schlägt bei vielen Menschen die Neugier zu - und irgendwann findet man sich im Chatroom sCool oder noch besser: in einer Zweier-Kuschelecke im WWW.
Die haben sich „SOLO“ und „moon“, die sich regelmäßig in einem österreichischen Chat treffen, nett eingerichtet. Sie flirten in Marie Kaps’ Chat-Roman SOLO SUCHT MOON heftig miteinander und erlauben sich gegenseitig Einblicke in ihre Sehnsüchte. Der Chat als tabula rasa gestattet es dem im Netz für einen Chat-Roman recherchierenden Schriftsteller jenseits der 30 mit Nickname SOLO sich mit SchülerInnen auszutauschen, bis er an einer hängen bleibt: moon. Eine Liebesgeschichte bahnt sich an, mit all ihren Tändeleien und Missverständnissen, wie wir alle sie aus „real life“ oder auch schon aus Chats kennen. Inmitten des weltlichen Getöses wächst da ein faszinierendes Pflänzlein, SOLO und moon spinnen sich ihr eigenes anrührendes Netz im Netz.
Eine beginnende Liebesgeschichte ist online dieselbe wie offline, Zweifler stellen immer die gleichen Fragen: Was von dem, was du mir sagst, ist wahr? Wo machst du mir etwas vor, wo dir? Viele Chancen beim Kennenlernen im Chat sind größer als offline: sowohl die Chance, mit jemandem ein Spiel zu treiben, als auch die Chance, größtmögliche Intimität und Wahrheit zuzulassen. Die Plattform Chat ist fast wie Papier, nur ungeduldiger. Reaktionen sind spontan, und was einmal rasch in die Tastatur geklopft ist, erscheint Schwarz auf Weiß, und daraus werden Schlüsse gezogen. Gerade diese relative Anonymität macht manche mutiger und offener, sie gehen schneller „zur Sache“, denn Ohrfeigen brennen online nicht auf der Haut. Wer sich trotzdem verletzt fühlt und die Tür zuschlagen möchte, kann dies mit einem schmerzfreien (?) Klick tun und besteht nur noch im Kopf des anderen.
SOLO, der nicht der gewachsenen Internet-Generation angehört, beginnt an einer Brücke in die Realität zu zimmern und wünscht sich reales Kennenlernen. Von da an beginnt das moonsche Rätselspiel und ihr schrittweiser Rückzug von SOLO.
Selbst für geübte „Onliner“ ist das Chat-Protokoll Marie Kaps’ anfangs eine anstrengende Lektüre. Dann aber fesselt die Liebesgeschichte und die Kommentare der Mit-Chatter erscheinen manchmal als gewiefte Zwischen-den-Zeilen-Aussagen zur Hauptgeschichte. Nicht schlüssig erscheint hingegen, dass Marie Kaps den Roman mit dem Hinweis auf die Chatter-Selbstmorde in Norwegen beginnt. Die Möglichkeiten im Chat sind in jede Richtung offen. Was wir Menschen mit einer neutralen Plattform anstellen, sitzt in unseren Köpfen. Ob wir eine „künstliche Wirklichkeit“ aufbauen oder wahrhaftig und echt auf andere Menschen zugehen, ist allein unsere Entscheidung.
Probleme online waren schon immer Probleme offline. Und Verliebtheit online prickelt; wenn sie offline gehen will, muss auch sie sich real bewähren. Der Chat-Room für Interpretationen und Diskussionen sei somit eröffnet …