schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 06 - echt? heimat arscht ihn an
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/06-echt/heimat-arscht-ihn-an

heimat arscht ihn an

Der Innsbrucker Autor Helmuth Schönauer scheißt genussvoll auf Tirol


Helmuth Schönauer: Das Tiroler Heimatbuch. Aufschnitt/Roman

Wien, edition selene 2000

Rezensiert von: werner schandor


„Heimatkundler sind die perfekten Fakeforscher. Auf nach Fakestan!“ ruft Helmuth Schönauer, Tiroler des Jahrgangs 1953, Autor, Bibliothekar und „Literatur-Winnetou“ (Eigendefinition), am Ende seines bislang jüngsten Buches, Das Tiroler Heimatbuch, aus. Aber warum ist Heimat ein Fake, und wieso ist das Stoff für ein Buch? Und überhaupt: Wie kommt jemand darauf, ein Heimatbuch zu schreiben? - Dazu schreibt der Autor in einer E-Mail an den Rezensenten: „Die Tiroler haben schwer zu kämpfen. Bei uns gibt es nämlich ein echtes Heimatbuch, das die Kids bei der Geschlechtsreife vom Bürgermeister unter den Arm geklemmt kriegen.“ - Von da her kann Schönauers Heimatbuch als Gegenentwurf verstanden werden. Als literarischer Rundumschlag gegen den Ausverkauf des Landes an den Tourismus, gegen die politische Infiltration durch die omnipräsente „Einheitspartei“ und überhaupt gegen die Lüge, dass einem etwas derart Untotes wie „Heimat“ als Leben verkauft wird. Insofern ist Heimat ein Fake. Und da kann Schönauer nur drauf … - aber wie sagt er selbst im Buch: „In meinen Texten wird viel gekackt, und am Sonntag wird ordentlich geschissen, denn die Worte, die die Beziehungen am Lande regeln, kommen vor Wut meist aus dem falschen Loch.“
Das Fäkale zieht sich als braune Spur durch alle vier Abteilungen des als Aufschnitt/Roman titulierten Buches, das sich aus glossenhaften, giftigen Kurztexten zusammensetzt und im heiligen Land vermutlich nie zu offiziellen Ehren gelangen wird. Quasi als Beleg dafür ist dem Heimatbuch das Absageschreiben des Landes Tirol auf das Ansuchen zur Druckförderung durch den Verlag in Faksimile vorangestellt. „Die Texte sind viel zu einseitig in eine bestimmte (einschlägige) Richtung fixiert - sehr zum Schaden ihrer literarischen Qualität“, urteilt der zuständige Beamte. Mit der einschlägigen Richtung hat er schon recht. Bei Schönauer firmiert das unter „Anal-Phabetismus“. Mit dem Schaden der literarischen Qualität aber nicht, denn der heilige Zorn, von dem der Autor getrieben wird, seine Heimat vom „Alpenpionier Fickner“ bis zum Ötzi abzuhandeln, resultiert immer wieder in sehr pointierten Formulierungen und ätzend-witzigen Passagen.
Besonders abgesehen hat es Helmuth Schönauer auf seine engere Heimat, die Höttinger Au in Innsbruck, die nicht nur in der Einflugschneise des Alpen-Airports liegt, sondern mit ihrer Vorort-Ästhetik aus Gemeindebauten, Durchzugsstraßen und Tiefgaragen jegliche Tourismus-Werbung Lügen straft. „Es ist alles so, wie es ist, das macht die echte Literatur aus“, schreibt Schönauer in seiner E-Mail an den Rezensenten. Und in seinem Buch sagt er noch etwas Treffendes über Literatur, das auch auf seine eigene Arbeit gemünzt werden kann: „In der Literatur gibt es eine von der Öffentlichkeit beschienene und eine von ihr abgewandte Seite. Die Texte von der abgewandten Seite sind die wichtigeren, das könnt ihr mir glauben. Wo die Öffentlichkeit strahlt, ist die Schrift der Wahrheit nicht mehr zu lesen.“