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ich bin in luxor gestrandet

Bettina Balàkas lyrische Kopfreisen bieten Luxus und Abenteuer


Bettina Balàka: Im Packeis. Gedichte

Wien - Frankfurt/Main: Deuticke 2001

Rezensiert von: helwig brunner


Bettina Balàka, 1966 in Salzburg geboren, lebt als freie Schriftstellerin in Wien und kann nicht über mangelnden Erfolg klagen. Sie hat schon so ziemlich alles eingeheimst, was sich hierzulande an Auszeichnungen anbietet, ausgenommen jene Seniorenpreise, die ihr aus rein biologischen Gründen bisher verwehrt blieben. So erhielt sie unter anderem den Rauriser Förderungspreis, den Alfred Gesswein-Preis für Lyrik, den Meta Merz-Preis und den Österreich-1-Essay-Preis. Seit 1994 erschienen sechs Bücher; zwei Gedichtbände bilden den Anfang und den vorläufigen Schlusspunkt.
Ein Wald aus Anderssein, Krankheit und Tod - so betitelte Gerhard Melzer seine Laudatio auf Bettina Balàka anlässlich der Verleihung des Rauriser Förderungspreises 1992. Diese Formulierung trifft zusammen mit dem Buchtitel Die dunkelste Frucht genau den Grundtenor ihrer frühen Gedichte. Sinistre Szenerien voller Schrecken und Zerstörung herrschen hier vor, in denen das lyrische Ich verängstigt und gequält umherirrt und sich bestenfalls mit beißendem Zynismus zu wehren weiß. Dass die Sprache in jener Zeit zum positiven Pol im Leben der Autorin wird, verrät das berührend schlichte Gedicht River Spell: „Tanz und Glanz“ trägt jener Fluss mit sich, in dessen Namen die deutschen Entsprechungen „Zauberwort“ und „buchstabieren“ mitklingen. Trotz der hohen sprachlichen Qualität und Vitalität, die schon diese Gedichte auszeichnet, kann ihnen der leise Vorwurf des Pathos und des Manierismus nicht erspart bleiben.
Der unlängst erschienene Gedichtband Im Packeis hält zwischen in kühlem Hellblau gehaltenen Buchdeckeln sehr viel lichtere, formal zurückhaltendere und dafür inhaltlich und sprachlich umso reichhaltigere Texte bereit. Der bittere Zynismus ist einer freundlichen Ironie gewichen, leichtfüßige Sprachspiele durchkreuzen koboldhaft das weite Feld des Beschriebenen. Schon das kurze Kapitel Kopfreisen, Koordinaten skizziert am Beispiel einiger bekannter und wenig bekannter Orte - Chaitén, Luxor, Reykjavík, Ulaanbaatar und Zaramag - eine Weltsicht, in der Faktenwissen, subjektive Wahrnehmung und Sprache eine Einheit intensiven und reflektierten Erlebens bilden. In den weiteren Kapiteln werden vielerlei Themen aufgegriffen - auch solche, an die mit lyrischen Mitteln heranzugehen heute ein Wagnis ist. Rilkes Panther hinter den Gitterstäben wird ebenso behandelt wie die Zwangsarbeit im Dritten Reich und der Epoche machende Widerstand der Umweltaktivisten in der Hainburger Au. Das zuletzt angesprochene Gedicht mit dem Titel Au-Abend ist ein gutes Beispiel dafür, wie Balàka die Register der Sprache zieht: Nicht jeder kann sich den Luxus leisten, Formulierungen wie „ertrinken Weidenleichen würdig in birkengoldlaubbestreuter Wasserstille“ und „vor den Au-Augen der Besetzer wächst wieder Gestrüppüppigkeit“ niederzuschreiben und stehen zu lassen. Bettina Balàka leistet ihn sich, sie lässt auch den Klapotetz im steirischen Weinland „klapp klapper“ sagen und bleibt dabei doch immer irgendwie seriös. Das und manches andere wird der Leser bei der Lektüre von Balàkas Gedichten staunend erleben.

Weiterer Titel:
Bettina Balàka: Die dunkelste Frucht. Gedichte. Baden bei Wien: Grasl 1994.