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innovationszwang und retro-moden

Über Altersrelevanz und Innovationsfuror


Konrad Paul Liessmann (Hg.): Die Furie des Verschwindens. Über das Schicksal des Alten im Zeitalter des Neuen

Wien: Zsolnay 2000

Rezensiert von: hannes luxbacher


2000 fand zum dritten Mal das Philosophicum Lech, wissenschaftlich betreut von Konrad Paul Liessmann, statt, das sich unter dem von Hegel geliehenen Titel "Die Furie des Verschwindens" zum Ziel setzte, dem Schicksal des Alten im Zeitalter des Neuen nachzuspüren. Nunmehr liegen die Beiträge des Symposions vor und angesichts des Themas nimmt es nicht weiter Wunder, dass die Vortragenden und Diskutanten sich neben der Diskussion im Rahmen der Wertigkeitsskala Verfallsprozess / Innovationsschub auch einer generellen Einschätzung der Tendenz zum permanenten Face-Lifting des Augenblicks widmeten. Neben einem geringen Beitragsanteil, der eine wohl bekannte und deshalb wenig originelle Variante kulturpessimistischer Bangheit bezüglich der Weiterentwicklung der Spezies Mensch angesichts der humorlosen Streichung kanonischer Bildungsinhalte auffährt - und in einem Schlusssatz so nebenbei die eigene Position als heimliche Elite und als Vollform deklariert -, finden sich im Band jedoch auch Beiträge, die dem Thema weniger Betroffenheits- als vielmehr Analyseaspekte abgewinnen. So tritt das Neue sowohl als wirklichkeitserweiterndes Phänomen auf, durch das die Bereitschaft zur Dezentrierung der Perspektive gereizt wird, andererseits wird in angemessen ernstem, jedoch nicht - z.T. schon verpflichtendem - Trauertonfall über den Zwang zur Innovation gesprochen, deren konsequentes Ziel nur sein könne, an Stelle der evolutiven Übergänge die künstliche Ersetzung zu etablieren. Dolly stellt in diesem Zusammenhang nur den Beginn eines Innovationsfurors dar, der paradoxerweise die Wiederholung als Erneuerung abfeiert.

Die AutorInnen, u.a. Friedrich Achleitner mit einem beschwingten Beitrag über den kulturspezifischen Umgang mit Zeit, Ideen und „Realitäten“ im architektonischen Metier, Friedrich Kittler, Bettina Eva Stumpp und Peter Sloterdijk dröseln die Facetten des diagnostizierten „globalen Erneuerungsprozesses“ in den Bereichen Technologie, Medien, Kultur und Soziologie auf. Distanznahme ebenso wie Begrüßung, ironisch-zynische Akzeptanz wie resignative Ablehnung werden als Haltungen erkenntlich, die jeder Metaerzählung bare Posthistoire wird genauso in den Verhandlungsraum gebeten wie die Verteidigung des Neuen als das noch nicht Besetzte, demzufolge es nicht apriori verurteilt werden könne.
Man widmet sich der angeblich postmodernen Tendenz des Retroism, begutachtet die Etikettierung „neu“ als vermeintliches Qualitätsmerkmal und Säulenheilige einer Moderne, die die Erneuerung des Überkommenen als ihr Leitprojekt betrachtet und dabei deren losgelöste Selbstermächtigung unkritisch akzeptiert. Ob Altersirrelevanz, die Verabschiedung von Alt-Wirklichkeiten oder die Herauslösung normierter Gepflogenheiten aus ihren hegemonialen Sphären, die Beiträge versammeln diverse Diskussionsansätze zur Einstufung des Neuen und zur Bewertung des Alten im Zeitalter des Neuen.