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helga pankratz | modern modern

oder: Heutige Leiden - künftige Freuden

Die Medizin unserer Tage bereitet einen großen Segen materiell wertvoller und wissenschaftlich aufschlussreicher Funde für künftige archäologische Ausgrabungen vor. Die Grabstätten von heute sind die potentiellen Grabungsstätten von übermorgen. Was dort zu finden sein wird, das werden zum Teil Knochen von erstaunlich alt gewordenen Menschen sein, denen man aber auch ansehen wird, dass diese Menschen so alt geworden sind: dass sie von Gesundheit und Lebensfreude weit entfernt gewesen sein müssen, und dass sie ohne aufwendige, raffinierte - manchmal den Archäologen und Archäologinnen unverständliche - Hilfsmittel nicht hätten so alt werden können wie sie offenbar wurden. Die in ihrer Funktion deutungsbedürftigen und eingehender stofflicher Analyse zu unterziehenden Gegenstände, die sich da finden lassen werden, sind die Grabbeigaben der westlichen Zivilisation des 20. und 21. Jahrhunderts. Nicht Schmuck, nicht Waffen, nicht Trank und Speise wie zu historisch früheren Zeiten werden die Skelette zieren. Mehr als nur die Heilungsstellen kompliziertester mehrfacher Knochenbrüche, kunstvollster, Operationen bezeugender Sägeschnitte durch Schädeldecke oder Brustkorb, wie sie der Archäologie seit langem vertraut sind, wird die unsterbliche Medizin ihre Spuren an den sterblichen Überresten der leidenden Menschheit hinterlassen haben. Die Gräber werden Fundgruben sein, so vollgeladen mit Altmetallen und unverrottbaren Verbundstoffen, die sich durch interessante chemische und physikalische Eigenschaften auszeichnen, in allen erdenklichen Größen, Formen und Farben, dass der Friedhof weniger als denkmalgeschützte Zone, sondern vielmehr als eine besondere Art von Problemmülldeponie betrachtet werden wird müssen.

Man bestattet selten die Menschen mit so offensichtlich nützlichen und in ihrer Funktionsweise den Nachkommen leicht begreiflichen Hilfsmitteln wie Brillen, Hörgeräten, Krücken. Auch tragen wohl nicht alle Dahingegangenen in den Särgen jene durch kunstvolle Scharniere gut beweglichen pflegeleichten Arme und Beine, ohne die sie im Leben nie auf die Straße oder sonst wohin außerhalb des familiären Kreises gegangen wären.

Die Zähne lässt man ihnen schon eher. Erstens aus Gnädigkeit gegenüber den trauernden Hinterbliebenen, damit die aufgebahrten Leichname nicht gar so eingefallen und befremdlich aussehen. Und zweitens weil gebrauchte Kunststoffgebisse in unserer wohlhabenden Weltgegend keinen Marktwert haben. Jedenfalls nehmen sich wahrscheinlich die vielen Gebiss-Prothesen noch ziemlich gewöhnlich, alltäglich und begreiflich aus, die zwischen dann zahnleeren Kieferknochen zahlreicher Totenschädel ihr rosa Gaumen- und Zahnfleischimitat samt weißen Zahnreihen "cheese"-lächelnd blecken.

Die Ausgrabenden wird auch das eine oder andere Glasauge, das starr den Entdeckern entgegensehen wird, nicht überraschen. Mit vereinzelten silbernen Nasenscheidewänden geldschwerer, altgewordener Kokain-Dauerkonsumenten, die lose inmitten der klaffenden Nasenhöhle liegen, werden sie schon weniger gerechnet haben. Schwerer erklärlich werden ihnen aber vielleicht die unzähligen winzigen glitzernden Kunststoffkügelchen sein, mit denen mancher Leiche, als sie noch lebte, kosmetisch-medizinisch beginnende Fältchen "subkutan unterspritzt" worden sind.
Diese Zeichen ewiger Schönheit werden schmückend auf Wangenknochen und - herabgerieselt - neben Damenschädeln liegen. Und nicht nur dort: unerklärliche Häufchen aus solch feinem glasperlenartigen Sand werden, durch die Rippen gefallen, im Brustkorb liegen: Sie füllten einstmals die Brüste, ab dem Zeitpunkt, als das giftigere Silikon aus der Mode kam, welchselbiges sich ebenfalls häufig im Brustbereich und unter Wadenbeinen finden wird, falls es nicht schon zu Lebzeiten sonst wohin im Leib gewandert war und deshalb in Spuren die Gegend markiert, in der sich einmal die Leber oder das Gehirn befunden haben müssen.

Die Herzklappen, die künstlichen Gelenke, die unverwüstlichen Ersatzkreuzbänder, die genagelten und verschraubten Knochen, die Platinplättchen in Schädeldecken oder anstelle von Kniescheiben, die Platinen gar erst - die unter die Haut implantierten Mikrochips zum Ersatz, zur Verstärkung oder zur Fernsteuerung körpereigener Sensorik und Motorik! -, die Schläuche in mannigfaltigen Größenordnungen, die einstens Venen oder andere leibesinnere Hohlverbindungen ersetzten, die künstlichen Darmausgänge ... - alle Segnungen der lebenserhaltenden und lebensverlängernden Medizintechnik, die einmal eingebaut und später für nicht wiederverwertbar oder teuer genug befunden wurden, post mortem operativ wieder entfernt zu werden: der innere Schmuck, das zivilisatorische innerliche Waffenkleid gegen Tod, Siechtum und den Lauf der Natur, werden beredtes Zeugnis ablegen davon, "was die Menschen damals alles schon kannten und konnten und wussten" und dass es keinen, aber auch nicht einen einzigen noch so kleinen Körperteil gab, an dem und in dem sie nicht herum dokterten.

Da bedarf es gar nicht erst der spärlich auffindbaren, in der zeitgenössischen Medizinkritik immer wieder überbewerteten gelegentlich vergessenen chirurgischen Werkzeuge in den Bauchhöhlen der Patienten, um die Erkenntnis zu forcieren, wie hochentwickelt, wie findig, wie allumfassend die Eingriffsmöglichkeiten und die Ersatzteilkunst waren.

In einer die Ausgrabenden - zumindest in unserer Zeit, in der die dann Auszugrabenden erst eingegraben werden - immer wieder weinerlich bewegenden Frage, wird das moderne medizinische Kunstgewerbe den Ausgrabenden der Zukunft wichtige Aufschlüsse liefern, sofern sie die Sache richtig zu deuten wissen: Einige WEIBLICHE BECKEN werden endlich auf den ersten Blick eindeutig als weibliche Becken identifiziert werden können. Die Archäologie muss nur die eigentümlichen Grünspanreste mit einem Stückchen Plastik und einer kurzen Nylonschnur als das erkennen, was sie wirklich waren. Sie werden ausschließlich innerhalb der Becken jener jung Verstorbenen zu finden sein, die mittels intrauteriner Kupferspirale verhütet haben.