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Nach Ihnen, Herr Meisterdetektiv!

thomas ernst brunnsteiner | Nach Ihnen, Herr Meisterdetektiv!

Der deutsche Meisterdetektiv für Russland - er bleibt ungenannt - arbeitet effizient und undercover in der Redaktion der Moskauer Deutschen Zeitung. Diese Redaktion befindet sich in der südwestlichen Innenstadtrayon, Malaja Pirogowskaja Straße Nr. 5.
Der österreichische Detektivstaatsmeister für Russland und Wirkliche Hofrat, der ebenfalls ungenannt bleiben (aber doch mit Bild und kurzem Lebenslauf porträtiert werden) möchte, hat einen Posten der Verwendungsgruppe 6 in der österreichischen Botschaft in Moskau inne. (Es ist dies eine Scheinanstellung, als solche aber keine Novität im öffentlichen Dienst.) Nennen wir ihn Herrn Claudia Harner.
Dieser österreichische Meisterspion soll mit sofortiger Wirkung auf sein deutsches Pendant angesetzt werden: „Beschattung“, so lautet der Auftrag von ... unbekannt. Doch der Einsatzbefehl hat sich an diesem feuchten Novembertag - während der Zustellung mittels Rohrpost - verfrüht selbst zu vernichten begonnen. Er sollte erst im Zuge der Lektüre zu schuppigen Teilchen zerfallen, aber der Auflösungsprozeß hatte bereits eingesetzt, sodaß unter der Rubrik Auftrag nur noch ein Wortfragment zu lesen war: „Bes attung“. Die Schuppe mit dem „ch“ war zerbröselt, abgefallen. Harner dachte nicht nach, als er das Wort las, und verließ sich darauf, sich nicht verlesen zu haben: „Bes attung“. Es mußte „Bestattung“ heißen.
Damit hatte er einen Auftrag.
Nun, wohin führt Harners erster Weg? In das nämliche Gebäude der Moskauer Deutschen Zeitung. Dieses ist zwei Metrostationen oder zwanzig Gehminuten von Harners Arbeitsplatz auf dem Papier, der österreichischen Botschaft in Moskau, entfernt. Er macht sich nach dem Mittagsmahl auf den Weg. Er muß stehen, gehen und sitzen (im Taxi), um sein Ziel zu erreichen. Er muß atmen und blicken, schlucken, zwinkern, und er muß sich einmal räuspern, dieses Räuspern-ob-das-Mikrofon-funktioniert, aber echt, denn er trägt kein Mikrofon bei sich. (All diese Tätigkeiten und Fertigkeiten berechtigen nach dem österreichischen Spionagespesengesetz übrigens zu einer Renumeration. Es gibt Vergütungen.)
Am Portal des Hauses in der Malaja Pirogowskaja Straße Numero 5 fällt Harner auf, daß er kein sehr hohes Gebäude betreten wird, jedoch auch kein geducktes oder zu niedriges. Es ist, so wird er später im Protokoll verzeichnen (unter Rubrik römischdrei: ‘Einsatzrelevante Beobachtungen. Zu vergebühren nach Schlüssel §34c’), „gerade hoch genug, um nicht daran hinaufsehen zu wollen, aber eben niedrig genug, um nicht daran hinaufsehen zu wollen“. Im Geiste behält er dieses Gebäude, an dem er niemals und vermutlich kaum jemand anderer jemals hinaufgesehen hat, als „etwa dreistöckiges, unscheinbares Haus, bautechnisch in gutem Zustand.“
Er betritt es in gutem Zustand. An der Eingangstüre ist neben dem Messingschild für die „Moskauer Deutsche Zeitung“ auch das einer „Deutsch-Russischen Stiftung“ angebracht, deren Körper sich laut Schild der „Aufklärung der Verbrechen des Stalin-Regimes“ widmen. Herr Claudia Harner wird später auch diese Informationen in die Rubrik römischdrei aufzunehmen wissen. Doppeltür. Foyer. Ein verglaster Schalter. Harner stellt sich vor, um den Wachmann besser sehen zu können. Der Wachmann sieht ihn. Harner stellt sich vor, um den Wachmann nicht mehr sehen zu müssen. „Eine Lieferung ... für ...“, behauptet er, in reinstem Russisch. Der Wachmann möchte behilflich sein, sagt „Zimmer 54“, und „5. Stock“. Die Zimmernummer ist Herrn Harner geläufig, die hospitalsartigen Angaben und ihre Reihenfolge irritieren ihn leicht. Stärker als gewöhnlich Dialoge an Portierslogen. Es ist dieser „5. Stock“ - das ist es, was seine Unrast ausmacht. „Einen 5. Stock“, denkt der Staatsmeisterdetektiv Österreichs, Herr Claudia Harner, „und das in diesem Haus. Es schien mir kleiner.“ Er zweifelt an den Angaben des Wachmannes. „Fahren wir hinauf, es gibt einen Aufzug“, sagt er sich, ganz leise. Im Lift sind fünf verschiedene Stockwerke anzuwählen, das Erdgeschoß fehlt. Eine örtliche Gepflogenheit, weiß Harner. Er drückt den Knopf mit der Nummer „5“. Es ist der oberste Knopf. Die Liftknöpfe sind links der Tür angeordnet. Es ist also ein Damenlift.
Nun hätte Harner gerne ...*, doch bleibt ihm zu viel Zeit, um jetzt schon damit anzufangen. Denn etliche tiefe Atemzüge sind getan, und der Aufzug, bereits in Bewegung, hat die Sphäre der ersten Etage, was bei uns das Parterre ist, noch immer nicht verlassen. Fährt dieser Aufzug tatsächlich um so vieles gemächlicher als alles derartige oder ähnliche, das Harner in seinem Leben gesehen hat? Noch immer glimmt eine rote ‘1’ auf dem Anzeigepanel über der Lifttür. Noch immer ... immer noch. So unbeschreiblich langsam?
Nein. Herr Claudia Harner, der österreichische Meisterdetektiv, kann sich dies beim besten Willen nicht vorstellen. „Niemand würde einen so langsamen und trägen Lift benützen“, denkt er. „Doch ich warte.“ In diesem Moment macht ihm ein altes Leiden der Zirbeldrüse zu schaffen, das er sich vor Jahren in Bombay im Rahmen einer Generalinfektion eingehandelt hat. Er wird blass, er fühlt ein Pressen hinter seiner Stirn, es verschlägt ihm die Sprache. Dies sind Anzeichen für Veränderungen im Umgebungsluftdruck. (Normalen Menschen hätte es hier die Ohren verschlagen.)
Harners Schluß ist ein völlig logischer, ein einfacher, ein bestechend scharfer: Dieser Lift passiert gerade jetzt nicht eine einzige, sondern viele Etagen - Unteretagen und Zwischenstöcke, Versteckdecks und Garagenetagen, eine Maus-, eine Hausmeister- und eine Kakerlakenetage, grob geschätzt ein Dutzend verschieden hoher Stockwerke. Und natürlich die „richtige Etage“ selbst. Angezeigt wird dabei aber immer nur „1“, „2“, „3“ und „4“ und „5“, sozusagen zur groben Orientierung über Luftbeschaffenheit und
-dichte. Das Gebäude ist zum zweiten Mal größer geworden, seit Harner es betreten hat, und nun bereut er tatsächlich, nicht daran hinaufgesehen zu haben, nur, weil er nicht wollte. Er bereut. Und wartet.
Nach minutenlanger Fahrt bleibt der Lift endlich stehen. Sphäre „5“. Harner zieht sich sein Inkognito vor dem rückseitigen Spiegel zurecht, und er nimmt sich vor, den ihm aufgetragenen Dienst fürderhin raschest und zur Zufriedenheit der uns unbekannten Auftraggeber zu verrichten. Schon sieht man ihn, wie er klopft, an die Tür zum Büro des Objektes. Und als mit einem Knatterton der deutsche Meisterdetektiv die Türe von innen öffnet und bevor noch irgendetwas anderes geschieht (abgesehen von mikroskopischen Vorgängen in der Luft selbst, Wirbeln, dem Abtausch warmer und kalter Luft etc.; Harner nimmt auch dies schmerzhaft wie sprachlos wahr), sieht unser Meisterdetektiv an dem anderen vorbei,
durch dessen Büro hindurch,
aus dem Fenster,
und denkt:
„Ich bin im dritten Stock. Vielleicht im vierten.“

{* Anmerkung: An dieser Stelle bemerkte Herr Claudia Harner im Aufzug ein Flugblatt, verfaßt im Stil eines offenen Briefes. Er las das Schriftstück nicht sofort, sondern nahm es an sich, zur späteren Verwertung in seinem Protokoll. Rubrik römischdrei.}


Auszug aus dem Romanmanuskript Ich will Taten sehen.