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nerv getroffen

Rosemarie Poiarkov debütiert als berauschende Erzählerin


Rosemarie Poiarkov: Eine CD lang. Liebesgeschichten

Zsolnay, Wien 2001

Rezensiert von: werner schandor


Die Texte von Rosemarie Poiarkovs erstem Erzählband Eine CD lang werden im Untertitel als Liebesgeschichten ausgewiesen, und schon denkt man an Rosamunde Pilcher. Aber weit gefehlt, die Autorin, Jahrgang 1974, liefert Stories für die H&M-Generation, die das ganze Beziehungsschlamassel der (Unter-)30-jährigen, ihre Sehnsüchte und Unfähigkeiten, auf den Punkt bringen, ohne in die Lifestyle-Ecke abzudriften. Poiarkov erzählt geradlinig, temporeich, lakonisch und pointiert, gerade so, als würde eine aufgekratzte Mit-Zwanzigerin mit dir an einer Bar sitzen und dir ihre Geschichten reindrücken. Sie berichtet von Alltagserfahrungen und Durchschnittserlebnissen. Ihre Texte tragen Titel wie Bernhard und ich waren in Portugal oder Intercourse, und dann ist genau das drinnen, was drauf steht: Die Schilderung, wie man sich in einem fremden Land bei einer Fahrradtour mit der Entfernung verschätzt und in den Regen kommt, und dann aber am Abend wieder trocken und halbwegs gut gelaunt vor dem Fernseher im Hotelzimmer liegt. Oder Beobachtungen nach dem Coitus, wenn der Geruch von Sex im Zimmer liegt, und zwischen die Protagonisten senken sich unendliche Weiten.
Im Zentrum der zwölf Geschichten steht jeweils ein weibliches Ich, das trinkt und raucht und durch die Lokale zieht und dann mit irgendwem irgendwo landet, wo entweder gequatscht, getrunken und gekifft wird, oder - oder zwei unternehmen den vergeblichen Versuch, Sehnsüchte mittels körperlicher Annäherung zu überbrücken. „Versteht jemand die Zeit dazwischen? […] Das Lesen von Wörtern, das Stehen in irgendwelchen Geschäften, das mühsame Zusammenklauben von Buchstaben, das Hineinsaugen von Wörtern, gelesene Zeitungen, gesehene Filme, getroffene Menschen, und immer wieder, immer wieder dieser eine Gedanke, wenn es nicht mehr weitergeht, in diesem ewigen Weiterlaufen, ja ich laufe […].“
Die Kausalkette zerbröselt mitunter im wilden Denken der Protagonistin - und mit ihr die Syntax, was der Autorin von Kritikern bereits als stilistischer Mangel ausgelegt wurde. Dem kann man widersprechen. Die stürzenden Gedankenfluchten sind vielmehr sprachliches Abbild davon, dass der Protagonistin hin und wieder der Boden unter den Füßen wegbricht, und darunter tut sich das Nichts auf. Sie amüsiert sich in den Nächten. Alles ist harmlos, rauschig, lustig. Und dann aber geht’s ans Eingemachte, wie in der Titelgeschichte Eine CD lang, wo Oberflächen aufbrechen und sich in der Schilderung eines One-Night-Stands subtil Melancholie und Vergeblichkeit breit machen.
Poiarkovs Stories drehen sich vordergründig um die hedonistische Maximierung von Lebenslust. Aber dahinter lauern Ängste, etwa vorm Altwerden, oder die unerfüllte Sehnsucht nach Nähe, an der die postmodernen Monaden in diesen Texten immer wieder laborieren. „Wem ich diese Geschichte erzähle, weiß ich nicht. Die Leute wollen doch nur Liebesgeschichten hören, und das ist keine Liebesgeschichte […]“ - viel versprechend!