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plastikrosen duften nicht

rosemarie poiarkov | plastikrosen duften nicht

Das Echte kontrolliert uns, wir kontrollieren das Falsche

Wir werden, ununterbrochen und immer wieder, verarscht. Wir wollen nicht verarscht werden. Man weiß, wie das mit der Wahrheit so ist. Komplizierte Sache, diese Wahrheit. Aber echt. Echt hingegen ist klar. Wenn van Gogh dieses Bild gemalt hat, ist es echt. Ist es denn echt? Warum das so wichtig ist? Kohle, Mann, Kohle. Das also ist ein echter van Gogh. Wenn ich mir das so vorstelle, wie er da in seiner winzigen Kammer gesessen ist, ohne Geld, weil er sein gesamtes Geld für Farben ausgegeben hat, um malen zu können. Ich kann seine Anwesenheit fast fühlen. Spüren Sie das auch? Als würde das Bild atmen. Und diese Idioten damals haben nicht verstanden, was für ein Genie van Gogh war! Wie konnten sie das nicht sehen? Van Gogh hat es gar nie gegeben? Was meinen Sie damit, man habe van Gogh erfunden? Wozu denn? Wenn es van Gogh aber gar nie gab, wer hat denn dann dieses Bild gemalt? Sie? Aber wer sind Sie denn? Sind Sie dasselbe wert wie ein van Gogh? Van Gogh war ohne Zweifel ein Genie. Van Gogh hatte Größe. Und Sie? Sie sind ein kleiner Fälscher, der versucht, van Gogh nachzuahmen. Ihrem Bild fehlt etwas, fehlt das Geniale. Um das zu verstehen, brauche ich mir das Bild gar nicht anzusehen. Dazu reicht es, mit Ihnen zu reden. Das Kunstwerk reicht über den Menschen hinaus? Vielleicht. Vielleicht war van Gogh ebenso unscheinbar und langweilig wie Sie. Aber das werde ich nie erfahren. Also raus hier. Mit dem Bild. Das ist nicht echt. Sie versuchen van Gogh zu sein, aber das wird Ihnen nicht gelingen. Schon allein deswegen nicht, weil diese Art zu malen im Jahr 2001 einfach nicht echt sein kann.

Wir werden, ununterbrochen und immer wieder, verarscht. Wir suchen, immer wieder, die Wahrheit. Und wir sind auf der Suche nach etwas Echtem, nach dem Echten. Die Wahrheit ist abstrakt und unbegreiflich. Das Echte ist konkret und lässt sich manchmal sogar so richtig anfassen.

Die Realität ist langweilig? Natürlich ist sie das. Es kommt darauf an, was man mit ihr, aus ihr macht. Die Realität ist aber auch unbegreiflich. Deswegen hat man es so gerne, wenn im Nachspann eines Filmes steht: Beruht auf wahren Begebenheiten. Die Welt wird begreifbar, weniger langweilig und bekommt für mindestens 90 Minuten Sinn. Jeder Film erklärt natürlich auf gewisse Weise die Welt und macht die Wirklichkeit interessanter, sonst lohnte sich der Film ja nicht. Wenn der Plot aber nicht für sich geltend machen kann, so und zwar wirklich so passiert zu sein, glaubt man ihm nicht (so ganz). Ist die Geschichte erfunden, ist die Möglichkeit zur Distanz größer. Ergriffen ist man erst, wenn man bestätigt bekommt, ja, so war das damals wirklich. Das ist eine wahre Geschichte, wenn sie auch nicht echt ist, denn um echt zu sein, hätte man dabei gewesen sein müssen. Um echt zu sein, müsste sie genau in diesem Moment passieren. Natürlich ist die erzählte Geschichte eigentlich auch nicht wahr, aber durch die fiktive, virtuelle Vermischung von wahr (tatsächlich passiert) und echt (das Dabeisein-Können, das Hineingezogen-Werden in eine andere Realität) glaubt man, ein Stückchen Wirklichkeit erhascht zu haben, und das ganz ohne Risiko.
Wirklich gut erzählte Geschichten brauchen deswegen nicht wahr zu sein, um echt zu sein. Sie lassen die Frage nach dem "War das wirklich so?" überhaupt nicht aufkommen.

Wir würden es gar nicht aushalten, wäre alles echt. Sowenig wie wir die Wahrheit ertragen, ertragen wir das Echte. Das Echte nämlich bedeutet, immer dabei zu sein, immer alles ernst nehmen zu müssen, ständig mit einer Realität konfrontiert zu sein, die wir nicht kennen und nicht verstehen, die uns aber alles abverlangt. Das Echte kontrolliert uns, wir kontrollieren das Falsche.
Vielleicht hat das Echte auch etwas zu tun mit Platons Urbildern. In Platons Höhlengleichnis geht es um das Wahre, doch ist dieses Wahre zum Angreifen nah. Was wir sehen, sehen wollen, sind nur Schatten. Schatten lassen sich nicht angreifen. Schatten sind Abbilder der echten Dinge. Bei Platon sind bekanntermaßen auch die sinnlich erfahrbaren Gegenstände der Erscheinungswelt nicht wirklich echt, sondern nur wieder Abbilder. Was wirklich echt ist, ist wahr; bei Platon sind es die ewigen Ideen, was wahr und echt ist, ist die ewige Idee des Guten. Bis dorthin ist es ein weiter Weg, den nicht jeder auf sich nehmen mag.
Die Entfernung vom Echten nimmt zu. Immer mehr nehmen wir nur mehr durch Vermittlung, durch Medien welcher Art auch immer, wahr, und eigentlich ist uns das ganz recht so. Denn die Schatten haben auch etwas Befreiendes an sich. Da das Echte mit der Wahrheit verwandt zu sein scheint, hat, was echt ist, auch etwas Ewiges, etwas Substantielles an sich. Die Eigenschaft "echt" kann sich nie ändern. Echt bleibt echt, wenn es wirklich echt ist. Und damit ist nicht zu spaßen.
Das Echte aber ist nie sofort echt, nicht einfach so echt, sondern erst einmal ist einfach etwas. So wie van Goghs Bilder zuerst einmal einfach Bilder waren, die keiner haben wollte. Aber mehr als 100 Jahre Geschichte haben diese Gegenstände zu etwas Echtem, zu etwas Kostbarem, Wertvollem gemacht. Und auch zu etwas Ewigem. Ein echter van Gogh! Riechen Sie mal! Können Sie es riechen? Können Sie van Gogh riechen?

Wenn wir bloß nicht merken, dass wir verarscht werden, ist alles gut. Dann verzaubern uns auch Plastikrosen.