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präsidentin vera

Martin Amanshauser hat in die Zukunft geblickt. Herausgekommen ist ein amüsanter Krimi


Martin Amanshauser: Nil. Roman

Wien, Frankfurt/Main: Deuticke 2000

Rezensiert von: sabine e. selzer


Wien, Anfang Juli 2010. Es ist ein schrecklich heißer Sommer. Das Wetter als Folterinstrument macht offensichtlich literarische Karriere in der österreichischen Krimiwelt. Bei Wolf Haas ist es der Föhn, der dem Kommissar Brenner das Leben vergällt, bei Ernst Molden streichen blutrünstige Vampire im Miniaturformat über die Donauauen, wo die Luft in der Hitze flimmert, während das Donauweiblein aus dem kühlen Nass steigt, um die geplagte Stadt noch zusätzlich heimzusuchen. Und in Martin Amanshausers Nil sind es ebenfalls die Hundstage und die Gelsen, die den Wienern zu schaffen machen. Anscheinend hat hierzulande auch im Jahre 2010 noch kein Mensch eine Klimaanlage.
Aber dafür hat sich sonst einiges weiterentwickelt. Haider und seine FPÖ etwa sind längst passé, man spricht über die schwarz-blaue Koalition, die um die Jahrtausendwende weltweit Schlagzeilen gemacht hatte, nur mehr mit einem Lächeln. Ach, was war das damals noch für naive Politik. Heute hat man politische Probleme eines ganz anderen Kalibers: Ulf Schneyder und seine Freie Front (FF) sind nämlich wirklich rechtsextrem, und zu allem Übel werden sie kommenden Sonntag auch noch die Nationalratswahlen gewinnen. Und Ulf Schneyder wird wohl Bundeskanzler werden. Dafür hat endlich eine Frau einen symbolisch wichtigen Posten im Lande erobert, Österreich hat eine Budespräsidentin: Vera Russwurm.
Aber es gibt auch so manchen Lichtblick: das Chelsea existiert noch. Und am Brunnenmarkt kann man auch noch einkaufen gehen. Und der Falter hat zwar nach wie vor keine Chance, die Mediaprint zu zerschlagen, aber es gibt ihn wenigstens noch, als eine der letzten anständigen Zeitungen im Land. Die Kronen Zeitung hingegen hat ernsthafte Konkurrenz bekommen: ein Revolverblatt, der bunte Hund, hat sich erfolgreich auf den Markt gedrängt.
Und in dieser Welt der Zukunft begleiten wir nun die Ich-Erzählerin, eine junge Fotografin jener besagten Boulevardzeitung, ein paar Tage lang durch ihr chaotisches Leben, in dem ein erpresserischer Exfreund ihrer Schwester auftaucht, der Spitzenkandidat der FF in äußerst delikaten Posen angetroffen wird, die weder bürgerlichen Moralvorstellungen noch den Rassengesetzen seiner Partei entsprechen, ein Kater ermordet wird und einige andere wenig appetitliche Dinge passieren. Etwa die minutiöse Beschreibung einer Kastration wird wohl nicht nur Männern eine Gänsehaut über den Rücken jagen. Der Grund allen Übels sind aber nur die Teletubbies, die in der grauen Vorzeit des vorigen Jahrtausends eine Bank überfallen haben. Und übrigens: Nil bezieht sich einerseits auf eine Zigarettenmarke und andererseits auf einen „gräßlichen Sommerhit von DJ Ötzi“. Alles klar?
Amanshausers Stärke liegt in seinen skurrilen Einfällen, aber auch in den eigenwilligen Metaphern und Motivkombinationen. Sein Plauderton erinnert stellenweise an Tom Robbins und an Matt Ruff. Und wenn auch vielleicht wirklich ganz innen alle Männer harmlos sind, wie am Cover geschrieben steht (übrigens in der Tür eines geöffneten, ziemlich leeren Kühlschranks), fällt es in Nil schwer das zu glauben.