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reality für anfänger

„Die Kunst der Flucht: True Stories“ ist wohl ein notwendiges Buch. Über den rein literarischen Wert lässt sich streiten


Hg. von Megaphon/Diözese Graz-Seckau: Die Kunst der Flucht: True Stories

Steirische Verlagsgesellschaft, Graz 2001

Rezensiert von: stefan schmitzer


Die Texte der Sammlung von mehr oder weniger literarisch durchformten Flüchtlingsschicksalen, Ergebnis eines Wettbewerbes, weswegen - Zitat Klappentext - „professionelle SchreiberInnen […] in einer Reihe mit literarischen AmateurInnen“ aus aller Herren Länder stehen, wurden wohl in der Mehrzahl zum Zwecke der Selbsttherapie geschrieben, wurden gesammelt und veröffentlicht, um für Verständnis zu werben und Selbstbewusstsein zu demonstrieren, eignen sich vordergründig einmal nicht für Mystifikation.
Man kennt die Krisenherde, man geht zur Tagesordnung über, sobald die Schlagzeilen ein paar Tage alt und die Petitionen - wenn überhaupt - unterschrieben sind, und es braucht Bücher wie dieses, um uns zwischendurch daran zu erinnern, auf welchem Grad an Faulheit bzw. Verlogenheit diese Tagesordnung beruht.
Dass auf solchen „true stories“ von Verfolgten oder ehemals Verfolgten in einem ihnen fremden Umfeld tatsächlich ganze Mythologien fußten (Mythologien nämlich, die in der „Gastgebergesellschaft“ zu wuchern beginnen, weil ja das Fremde auch das Neue und manchmal Revolutionäre ist), sei nur am Rande erwähnt, denn so einfach spielt’s das heute/hierzulande nicht mehr. In diesem, „unserem“ Rahmen nämlich unterstützen die Texte den Glauben an diese oder jene Weltordnung, wie sie die Caféhaustische rechtfertigend einhüllt, durch die gelegentliche Prise WACH AUF!, die sie enthalten: Hör auf, Schemata egal welcher Art zu verwenden (Täter-Opfer, gut-böse, reaktionär-revolutionär). Sie bringen rein gar nichts. Menschen flüchten vor Menschen, und häufiger, als darüber zu sprechen, radebrechen sie Nebensächlichkeiten, die sich wohl zu Positiv- oder Negativmythologemen auswüchsen, würden sie nicht durch ihre schiere Aneinanderreihung medial verbraten und erneut einschubladisiert („so, jetzt kommen die eigentlichen Opfer zu Wort“).
Solcherlei Wirkung ist vorausberechenbar, wird aber - noch bzw. hoffentlich noch - von niemandem Bestimmten vorausberechnet. Die Tatsache, dass wir in den true stories schwarz auf weiß nachlesen können, dass es den Leuten in den Krisenherden wirklich dreckig geht, gibt der „neutralen“ Stimme der Massenmedien ihre Schärfe zurück. Die Tatsächlichkeit der Einzelschicksale steht außer Frage - um den Preis, dass die Beschäftigung mit ihnen reine Privatsache, folglich ohne Relevanz für das schwadronierende Caféhaustischkollektiv in seiner Suhle aus weltdeuterischen Gemeinsamkeiten ist.
So etwas wie wahre Geschichten gibt es nicht. Nicht in Buchform. Es gibt nur die Illusion, man könnte wissen, wovon man redet, wenn man Verweissysteme aufstellt. Der Flüchtling ist ein Korrelativ des Mythos, eben auch des „Mythos vom Nachrichtensprecher“, der sich der „Wahrheit“ annähert.
Dass die True Stories einen, so es sich nicht um einen hirn- und herzlosen Klotz handelt, berühren, ist gut, aber gefährlich: Kann man sich doch auf diese Weise in der Illusion wiegen, bereits eine Konsequenz gezogen zu haben aus der Fadenscheinigkeit des Status Quo. Andererseits: Wie wollte einer Konsequenzen ziehen aus - für ihn - bestenfalls virtuell im Raum stehenden Geschichten?
stefan schmitzer