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franz prettenthaler | rolex, werte, fritteröl

Wie wir beim Nachgrübeln über das Echte leicht ins Metaphysische geraten

Es muss gesagt werden, dass ich als Kind der späten 80er Jahre nie zu den Puristen unter den Freunden der Echtheit gehören kann. Im Gegensatz zu unseren unmittelbaren Vorgängergenerationen, welche bei unserer Ankunft in den studentischen Lokalen in den frühen 90ern stoppelbärtig und bierbäuchig die immer echteren Gefühle und wirklich wahren Werte immer noch zu suchen hatten. So als ahnten wir, was nach uns kommen sollte, beeilten wir uns beim Fühlen der echten Werte ein wenig mehr, weil wir begriffen, dass für die effiziente (das Wort in diesem Zusammenhang stammt von uns) Umsetzung von Ökologiegerechtigkeitfriede gewisse zivilisatorische Vorleistungen wie Kurzhaarschnitt, Dreiteiler und Kurzmantel von uns verlangt werden würden. Uns schwante bereits, dass wir nach Studienabschluss beim Jobsuchen wenigstens äußerlich mit der nächsten Kohorte würden mithalten müssen, deren Stichproben allesamt aussehen wie der Herr Finanzminister. Woher die uns nachfolgenden Jahrgänge ihre, im Vergleich zu uns um ein Vielfaches gesteigerte Schlüpfrigkeit für das System beziehen, wird uns ein Rätsel bleiben. Sicher haben sie einfach den objektivsten aller Wertmaßstäbe, das Geld, in ihr innerstes Gefühlsleben vorgelassen. Es leuchtet ein, dass nur jene, deren innere Orientierung direkt auf den Mammon zielt, beim Erwerb desselben besser abschneiden als wir. Freilich fehlen dieser Generation, wie wir befriedigt feststellen, die "echten" Werte. Denn die olfaktorische Neutralität des Geldes steht im Widerspruch zu den "echten" Werten, die dieses Prädikat durch emotionale Überzeugung erhalten, aber denen immer der Schweißgeruch der Parteilichkeit anhängt.

Sie werden sich beim Lesen dieses kleinen Exkurses zur Bedeutung des "Echten" bereits fragen, woher diese Fixierung auf im weitesten Sinne moralische Fragen herrührt, wo doch heute viel prominentere Entitäten in den Beweisnotstand hinsichtlich ihrer Authentizität geraten. Wozu Gedanken auf die Echtheit von "Werten" verschwenden, deren schiere Existenz ja bereits eine fragwürdige Sache ist, wo doch, seit von "virtueller Realität" die Rede ist, nicht mehr nur erstsemestrige Philosophiestudenten über die Echtheit der Wirklichkeit selbst nachgrübeln und nicht nur Türkeiurlauber sich nach der Authentizität ihres Zeitmessers mit dem Schriftzug "ROLEX" fragen. Schlimmer: Bei all dem Getue um "Echtzeit", stürzt auch der Rest von uns in tiefe Zweifel, ob das, was unsere Uhren bisher gezeigt haben, denn noch die Urkraft des Authentischen, Unhinterfragten, eben des "Echten" besitzt. Wo von Echtzeit die Rede ist, muss hinter irgendeiner Ecke auch die Falschzeit hervorlugen. Gewöhnten wir uns doch gerade erst an den Zweifel um "echt Bio", was die Eier, und jenen um die statusmäßige Aussagekraft des Krokodils, was die Hemden betrifft, so stehen nun viel einflussreichere Dinge für den zu wählenden Lifestyle auf dem Spiel: Zeit und Wirklichkeit. Da sollte man doch erwarten können, dass dieses Artikelchen hier, anstatt über Werte zu plaudern, erste Vorschläge zur Gestaltung eines Gütesiegels zur Überprüfung der Echtheit jener im Gegensatz zu Werten von allen gebrauchten Institutionen "Zeit" und "Realität" bringt.

Sie haben ja so recht. Doch bei der Spurensuche nach der Bedeutung des Wortes "echt" wird man in geschichtlicher Hinsicht bei "ehaft" = dem Gesetz entsprechend (ehelich) fündig: nur die "ehaften" Kinder sind "echte" Kinder. "Echtheit" ist ein Konzept, das sich auf Normen und nicht auf Faktizität im herkömmlichen Sinn bezieht, der Rest war Lautverschiebung. Die Frage nach den "echten Werten" lag daher nahe, deren tautologischer Charme zusätzlich reizt: Wenn das Wort "echt" selbst nicht als irgendein Gradmesser einer positiv gegebenen Wirklichkeit, sondern einer normativen, moralischen Wirklichkeit fungiert, kann die Rede von "echten Werten" die jeweils relevante Supernorm einer Zeit oder Generation offen legen, die auch zur Motivation dieser moralischen Imperative dient. Nicht zufällig sind wir dabei weiter oben im Text bereits auf Emotionen als Stifter des Prädikates "echt" gestoßen, was jenen Recht gibt, welche die Frage nach moralischer Motivation für überflüssig halten: Werthaltungen sind, wenn sie "echt" sind, automatisch mit Motivation aus dem Gefühlsbereich ausgestattet. Darüber, ob "echt" im Sinne von "meinen Gefühlen entsprechend" somit das subjektive Gefühlsempfinden als Supernorm unserer Zeit oder zumindest der 68er Generation freilegt, will ich hier nicht weitersprechen. Dass es in diesen Generationen massiv um die Befreiung von externen, nicht empfundenen Normen, also von Zwängen gegangen ist, scheint aber unbestritten zu sein. Der Preis für die Annahme dieser These, dass der Superwert unserer Zeit "echt" = "meinen Gefühlen entsprechend" lautet, ist dann allerdings, dass über "echte Gefühle" wenig zu sagen bleibt, außer dass es sich dabei um "meinen Gefühlen entsprechende Gefühle" handeln könnte. Aber für eine aufklärerische Großtat hat das Gerede darüber ohnehin niemand gehalten.

Doch nimmt sich die Frage nach der Bedeutung von "echt" als Adjektiv im Vergleich zu seinem Treiben als Nachsilbe geradezu harmlos aus: in "lichtecht", "säureecht", "bügel- und kochecht" drückt es aus, dass die beschriebene Sache unempfindlich, widerstandsfähig gegen etwas ist. Das uns einschlägig bekannte "gefühlsecht" passt in diese Definition aber nicht hinein, es sei denn, die Hersteller möchten damit betonen, dass besagte Latexprodukte unempfindlich unseren Gefühlen gegenüber sind. Was also heißt "gefühlsecht"? Kann es entsprechend unserer obigen These derzeit überall das Wort "echt" ohne Sinnverdrehung ersetzen, oder bezeichnet es im Gegenteil dem Gefühl gegenüber inerte Sachverhalte?

Versuchen wir das Wort "weltecht", das uns, im breiten wienerisch in: "Du bist a wödechta Haberer" daherkommend, keinerlei Verständnisschwierigkeiten bereiten würde: Offensichtlich freut sich unser Gegenüber über irgendeinen besonders authentischen Charakterzug unsereiner, sodass er, diesem gleichsam universelle Relevanz zusprechend, uns am nächtlichen Würstelstand auf ein Bier einlädt. Doch wenn es sich bei unserem Gegenüber um einen entrückten Religionsphilosophen handelt, macht sich Verstörung breit. Dieser kann uns nur mit dem Gott des Deismus verwechseln, jenem unbewegten ersten Beweger, der eben "weltecht", also völlig widerstandsfähig im Hinblick auf die Welt sein Dasein fristet, auch wenn er diese geschaffen haben mag. An sonderbare Begegnungen des Nächtens am Würstelstand sind wir gewöhnt, doch die Verantwortung für die ganze Welt lassen wir uns auch dort nur ungern anhängen. Und wenn doch, so soll er uns mit dem christlichen Gott identifizieren, der nicht weltecht ist und an der Welt leidet, was wir ja auch tun. Besonders wenn wir die Qualität der Frittieröle an den Würstelständen am Eisernen Tor in Graz bedenken. Zwar dünkt uns dort bisweilen, wenn nach dem dritten Bier die Zeit gerinnt, wir verstünden nun, was die anderen mit "Echtzeit" meinen könnten, doch leider, Duft und Geschmack der Pommes reißen uns schnell aus der meditativen Versenkung. Nein, dieses Öl hat die Zeit seit dem letzten Auswechseln nicht unbeschadet überstanden. Es war nicht zeitecht.