schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 06 - echt? sie äsen friedlich datengras
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/06-echt/sie-asen-friedlich-datengras

sie äsen friedlich datengras

Ein Western-Roman im Cyberspace: Matthias Schamp schickt Brainboys über schillernde Platinen


Matthias Schamp: Hirntreiben.EEG. Ein Western-Roman

Wien, edition selene 2000

Rezensiert von: sabine e. selzer


Irgendwann am St. Nimmerleinstag, die Menschheit hat schon lange aufgehört zu existieren, stößt Big Daddy Computer, Vater aller Dinge, bei einer Innenrevision in einem seiner entlegeneren Gefilde auf die Datei HIRNTREIBEN.EEG, öffnet sie, liest sie - und beschließt, darüber den Verstand zu verlieren.
Das ist die absolut letzte kontrollierte Handlung, zu der er fähig ist.
In einer postapokalyptischen virtuellen Gesellschaft werden wir Zeugen neuerlicher apokalyptischer Vorzeichen. Das System gibt seinen untergebenen Bestandteilen Rätsel auf. Alles scheint sich in einem Teufelskreis des Chaos zu befinden, in dem Ursache und Wirkung kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind.
Aber wir haben es hier auch mit einem „Western-Roman“ zu tun. Und der Titel Hirntreiben ist wortwörtlich zu verstehen: Eine Herde Hirne soll durch die Prärie nach Osten getrieben werden - „im Prinzip ist es eine unkomplizierte, gradlinige Arbeit ohne Schnickschnack und überflüssige Schnörkel“, bei der sich die virtuellen Muskeln betätigen lassen. Die Programme sind hochzufrieden mit ihrem Job. Alles ist eitel Wonne.
Bis die ersten Unregelmäßigkeiten auftauchen. Die Umgebung verändert sich, die simulierte Welt scheint Lücken aufzuweisen, Ungereimtheiten treten zutage. Auch wenn den Brainboys als kleinen Hilfsprogrammen sehr wohl bewusst ist, dass sie das große System niemals durchschauen werden, beginnen sie doch nachzudenken, über sich selbst und den Sinn des Lebens. Und der eine oder andere zweifelt sogar an der Minderwertigkeit der Hirne. Die Häresie greift um sich und nimmt erschreckende Formen an, und sehr bald bringt die zunächst einfache Aufgabe ungeahnte Schwierigkeiten mit sich ...
Der Leser steht vor der ungewohnten Situation, nicht recht zu wissen, mit wem er sich denn nun identifizieren soll. „Byte the Kid“ bietet sich als Protagonist und Schreiber des vorliegenden Tagebuches natürlich an. Aber eine gewisse Solidarität mit den Hirnen als Überresten der Menschheit ist ebenfalls nicht ganz zu leugnen, wenn sie auch relativ schwach bleibt. Die Brainboys als denkende Wesen, die sich verständlich zu artikulieren wissen, stehen uns doch ungleich näher als die glitschigen, schwabbeligen, eben „lebenden“ Hirne, die letzten Vertreter einer so gut wie ausgestorbenen Körperlichkeit.
Im großen System regiert der pure Geist. Es gibt keine Triebe, keine „primitiven“ Bedürfnisse mehr. Das Materielle erzeugt nur noch Ekel. Und wird in dieser „Diktatur der Intelligenz“ auch systematisch aus der „Realität“ abgezogen. Die gewohnten Begriffe zur Beschreibung des Daseins haben gerade noch unter - virtuellen - Anführungszeichen Bestand. Es gibt nichts jenseits des Computers! heißt es. Es gibt kein Außen! Oder doch? Die Helden der Datenprärie drehen sich im Kreis. Der Text fordert heraus zu hermeneutischen Spielchen mit den philosophischen Fragen unserer Existenz und Intelligenz und schillert ganz nebenbei in ebenso vielen Farben wie das Tal, das die Helden zu Beginn überblicken, eine mit friedlich Datengras äsenden Hirnen übersäte Platine.