schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 06 - echt? stadt, land, flucht
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/06-echt/stadt-land-flucht

stadt, land, flucht

gudrun sommer | stadt, land, flucht

Das Echte als Horizont

Die Aufregung um das Echte ist groß. Gerade weil, so heißt es, die zunehmende Virtualität gesellschaftlicher Praktiken das Reale unterminiert, wächst das Verlangen nach dem echten Bild. Dieser zugegebenermaßen starken These wollen wir eine andere, nicht weniger kräftige These gegenüberstellen: Das Echte hat viele Gesichter. Zunächst ein einfaches Beispiel aus der Nahrungmittelproduktion. Im Fall von Marmelade hat der Konsument die Wahl zwischen "naturrein", "fruchtecht", "extrafruchtig", "mit ganzen Früchten" etc., d.h. der Konsument begreift schnell, dass Marmelade nicht gleich Marmelade, sondern etwas Komplexeres ist. Gleichzeitig steht Marmelade unter Beweiszwang: Großmutters Selbstverständlichkeit, dass "nur Natur reinkommt und nichts als Natur" ist angesichts der künstlich aromatisierten Möglichkeiten zur besonderen Geschmacksgarantie geworden, die es entsprechend anzupreisen gilt. Der Pakt, den das Echte mit der Marmeladenproduktion abgeschlossen hat, lautet demzufolge: je natürlicher, umso wertvoller, denn je echter die Frucht, desto voller der Geschmack. Das Echte wird hier im Gaumen ermessen, und wer dem nicht traut, kann sich auf ein Gütesiegel verlassen, um sicher zu gehen, dass "naturecht" drin ist, wo "naturecht" drauf steht. Die Unterscheidung des "Echten" vom "künstlich Hergestellten" erfordert damit Kompetenz, die sich im Wissen um Originäres und bloß Nachgemachtes ausdrückt, und die in der Lage sein muss, zwischen unzähligen Spielarten und Nuancen die jeweils richtige Mischung von "echt" und "künstlich" zu wählen. Das Maß des Echten erweist sich als Frage von Geschmack und individueller Präferenz.

Man trifft auf ein ähnliches Verhaltensmuster in der Freizeitgestaltung des vergesellschafteten Menschen: der eine entkommt dem durchzivilisierten Alltag per Rucksacktrip durch die Anden, in der Hoffnung, das "Naturechte" zu wagen, der andere bevorzugt das Natürliche ein bisschen zubereiteter, all inclusive am Strand Mallorcas, zum Beispiel. In beiden Fällen ist die Bewegung eine weg von der routinierten Gesellschaft hin zum "natürlichen" Paradies, ohne die "Echtheit" der jeweiligen Naturzustände hier evaluieren zu müssen.

Stattdessen verfolgen wir weiterhin die Stabilitätsgrade des Echten und konzentrieren uns auf den Billigreisenden, der gezielt nicht das Einheimische wählt, sondern die mitteleuropäische Tourismusindustrie. Auch diese weiß um den Reiz des "Echten" und offeriert dem Inselurlauber den Weg ins "Landesinnere", das, so heißt es, den noch authentischen Charakter zu entdecken zulässt. Oft muss sich der Erholungsbedürftige so weit gar nicht hinauswagen, um auf die Fragen des Echten zu stoßen. Der Konflikt harrt vor der eigenen Tür: Zumindest die Herbergen der gehobeneren Mittelklasse offerieren im eigenen Garten das Plantschen im Pool samt dem dazugehörigen Komfort von Hängematten und Liegewiesen. Die Vorstellung eines sonnenmilchgetränkten Badecontainers, der von Schirm, Badepantoffeln und Cocktailgläsern umlagert wird, reicht bereits aus, um die Strände Mallorcas als Reservat des Echten sehen zu wollen. Dabei ist der Strand als solcher - wenn überhaupt - nicht mehr als eine Vermittlungsinstanz zwischen dem Raum, der wild bleiben soll, und dem, der unterworfen scheint. Zunächst erlaubt der Strand das Ablegen der städtischen Kulturformeln in Form der "Strandmode", die authentische Freizügigkeit erlaubt, fern jeglicher Dresscodes, Tischsitten und Anstandsregeln. Im Gegensatz zu herkömmlichen Badeanstalten dient dem derart entzivilisierten weißen Stadtkörper der Strand in erster Linie dazu, Natur zu tanken. Die Belohnung für das zähe Ausharren unter natürlicher Sonneneinstrahlung, ein ansehnlicher sonnengebräunter Teint, gleicht einer Trophäe gesunder Körperlichkeit, die in das Grau des städtischen Alltags wieder miteingebracht werden kann. Man könnte den Strand also als Schauplatz jener Konfrontation begreifen, die das Kulturelle mit dem Natürlichen führt und aufmerksam werden darauf, wie und wieweit das kulturelle Bedürfnis selbst im paradiesischen Ausnahmezustand reguliert. Die Sicherheitskontrollen sind durchaus vielfältig und privilegieren kulturelle Absicherung oder natürlichen Freiraum: Ob Bademeister, Eisverkäufer, Nacktbadestrand oder hundefrei - die Zivilisatoren sind hier gewesen und haben ihre Namen hinterlassen. Das Echte scheint schließlich doch nur mit Vorbehalt genießbar - mit demselben Vorbehalt, der davor warnt, zu weit ins offene Meer zu schwimmen. Grenzen sind zwar durchlässig, aber nie ungefährlich, und gern treffen daher das Echte und das Risiko aufeinander.

Damit das Echte echt bleiben kann, sind Abschirmungsmechanismen notwendig. Dies kann wie im Fall von Naturschutzgebieten mittels Zäunen und Zutrittsverboten geschehen. Im ökonomischen Bereich ist es der Eintrittspreis, der das Rechte vom Billigen, den Pauschalreisenden vom Golfurlauber trennt. Im Fall des First-Class-Tourismus ist das Echte daran gekoppelt, dass nur wenige es sich leisten können. Hotelzimmer, Service und Golfanlagen sind austauschbar. Nicht aber der Wunsch nach Atmosphäre, wobei das Echte sich hier nicht am Authentischen orientiert, sondern an dem, was der Urlauber bereits mitbringt. Und nur der, der genug davon mitbringt, ist berechtigt an der Exklusivität teilzuhaben, die er gleichzeitig untermauert. Nichts anderes beweist die Aufgabe von Türstehern: solange nicht jeder, sondern nur der, der das Echte nicht stört, Zutritt erlangt, kann sich das Echte seiner selbst vergewissern und genau das zur Schau stellen.

Daran ist abzulesen, dass ein als authentisch wahrgenommener Raum nicht in jedem Fall auf authentische Räumlichkeiten verweisen muss. Das Echte ist nicht auf Folklore und Lokalkolorit angewiesen, sondern kann sich selbst produzieren. Ambiente und Atmosphäre schaffen den Raum und nicht umgekehrt. Man begegnet dieser Logik gerne im zeitgenössischen Bauen von Einkaufskathedralen amerikanischen Vorbilds. Shopping Malls haben mit Mallorcas Touristenlagern vor allem eins gemeinsam: die totale Inszenierung ohne das geringste Geheimnis. Shopping Malls sind in ihrer Logik, ähnlich Themenparks und Ibiza-Fun, vollständig transparent und daher leicht zu durchschauen. Auf diese Art suggerieren sie Benutzerfreundlichkeit - den Charme des Nichtwiderständigen, des Reibungslosen und Bequemen und hofieren damit all jenen Kategorien, die der Sicherheit mittels kultureller Schlagfertigkeit ins Wort reden. Man kann hier schwerlich von Betrug sprechen - Urlauber wie Einkäufer sind über die Strategien der animierten Illusion bestens informiert. Ergo wäre der Vergleich mit Attrappenbauten ein Missverständnis, vielmehr erinnern inszenierte Räume in ihrer Glaubwürdigkeit dem Echtheitszertifikat von Werbung: der Konsument meint ihre Absichten zu durchschauen und wähnt sich exakt den einen Schritt voraus, der nötig ist, um sich nicht fürchten zu müssen.

Die Sehnsucht, einen sicheren Schritt nach vor zu treten, finden wir wieder in der Arbeit Noch ist nichts zu sehen des Hamburgers Peter Piller. Die Räume, die in den akribisch von ihm gesammelten Zeitungsausschnitten verhandelt werden, sind Flächen, Gelände, Grundstücke. Orte, die lange niemanden interessiert haben, denen das Stigma der zweiten Wahl anzuhaften scheint, oder mit denen man zumindest nichts besseres zu tun zu wissen scheint, als sie einfach sein zu lassen. Pillers Arbeit gibt sich damit freilich nicht zufrieden: Indem er diese scheinbar banalen Zeitungsmeldungen ihres Kontextes beraubt und sie in ansehnlicher Buchform gesammelt zur Schau stellt, schult er das Auge für das, was eigentlich unbemerkt bleiben will, unbemerkt von den Interessen derer, die im Horizont bereits gierig auf das noch übrig Gebliebene schielen. Die Grundstücke, deren Zukunft als gelungene Aneignung kultureller Interessen erzählt wird, sollen erschlossen werden. Derjenige, der erschließt, ist in den Bildern nur in seinen Ausläufern präsent: Siedlungen, Straßen, vereinzelte Häuser lassen jene Stadt, die sich um Ausbreitung bemüht, nur von weitem erahnen. Stattdessen spricht der Bauherr durch den Text von Zeitungsmeldungen hindurch und ermuntert, zu sehen, was noch nicht zu sehen ist. An genau dieser Stelle aber schlägt die Dichte des Materials die Intention der Information: anstatt freudiger Erwartung auf das, was kommt, stellt Sympathie sich ein und Zweifel, warum es denn kommen muss. Das Bauen mutiert zu einer bedrohenden Geste, und Räume, die oft weder zum Spaziergang noch zum Ruhen einladen, generieren plötzlich eine Art von "Authentizität", die einfordert, bewahrt zu werden. Die besondere Originalität dieser Räume besteht vielleicht darin, dass sie gerne übersehen werden, weil sie Lücken darstellen, Niemandsland zwischen Räumen mit Aufgabe. Auch wenn es schwerfallen mag, die Notwendigkeit von Reihenhäusern, Tennisplätzen oder Einkaufscentern abzustreiten, bleibt doch ein gewisses Unbehagen, der Stadt auch den letzten Rest echter Unrentabilität zu überlassen - denn vielleicht ist es genau der Rest, den es braucht, um ihr ein Panorama zu geben.