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vom klonen und anderen erbaulichen dingen

alice le trionnaire-bolterauer | vom klonen und anderen erbaulichen dingen

Die Zukunft des Austauschbaren hat schon begonnen

"Fick dich ins Knie" ist etwas, das ich nie sagen würde. Aber vielleicht sagt es ja mein Klon, der anders aufwächst, nicht eingeschrumpft und eng, sondern weltstädtisch und gewandt, was ich nicht bin. Aber es ist schließlich nicht alles eine Frage der Gene, es geht auch um Beförrrrderung, um ein pushen der karrieredienlichen Sprungkraft. Ich liebe meinen Klon, er ist jünger, weniger griesgrämig und noch ohne Magengeschwürrrr.

Jedenfalls bin ich froh, dass mit dem Klonen ein Phänomen auch in unser Leben getreten ist, das wir aus der Kunst seit langem kennen: das Plagiat ohne Nasenrümpfen. Die Mona Lisa hundertfach reproduziert - ohne die "Aura" des Einzigartigen (wobei ich den Begriff des Auratischen immer als bedauerlichen Rückfall in Benjamins Entwurf einer modernen Ästhetik empfand), an Plakatwände ebenso geknallt wie recyclebar auf Chili con Carne-Dosen.

Die Zukunft des Austauschbaren hat schon begonnen. Wenn sich die Lust daran nicht so recht einstellen will, ist das weniger eine Sache des guten Geschmacks als eine Frage der evolutionären Behäbigkeit. Wir hängen an unseren Gewohnheiten. Und so wenig wir uns in unserem morgendlichen Spiegelbild erkennen, so wenig goutieren wir die Vorstellung, uns in unseren jüngeren Ausgaben wiedererkennen zu sollen.

Neulich z.B. im Konzert sah ich einen jungen Mann Cembalo spielen, sehr jung und unglaublich brav, sehr zielstrebig, ein Abbild meines Mannes, und während ich noch darüber nachdachte, wie es denn damals gewesen war, als ich mich in ihn verknallt hatte, und ob es vielleicht auch bei einem dieser Abschlusskonzerte gewesen sei, fiel es mir plötzlich wie ein Schrecken in die Seele, dass es ihn schon in dieser jungen Ausgabe wieder gab, während ich unaufhaltsam älter wurde. Seit damals bin ich auf der Lauer nach meinem Klon, nein, nach meinen vielen verschiedenen Klone, müsste ich wohl sagen, denn ich habe mich schon vielfach wiedererkannt. Es beruhigt, zu wissen, dass man nicht allein auf dieser Erde ist.

Aber eigentlich will ich über Literatur schreiben. Ich schreibe immer nur über Literatur - es ist ein Vorwand, ungeheuer praktisch und so lehrreich. Die Literatur der Postmoderne, um endlich zum Thema zu kommen, ist eine Literatur, die neben dem Neuheits- und Subversivitätspostulat auch das Postulat der Originalität verabschiedet hat. Orrrrigo, ´tschuldigung, etwas in meinem Computer dürfte nicht ganz funktionieren, also: origo, originis f. Ursprung, Abstammung, Geburt. Die Angst der Männer um die richtige Abstammung ihrer Söhne und dieser Weihrauchnebel um die "echten" Kinder des Geistes. Aber ich schweife ab. Die Vorstellung einer originalen (und originellen?) Literatur entsteht im Kontext ihrer Autonomisierung im Fahrwasser der bürgerlichen Emanzipation. Dass das wahre Kunstwerk nun das echte sein solle, nicht länger das technisch perfekte und moralisch einwandfreie, sondern allein das im genialischen Individuum begründete, bedeutet eine Revolution im Selbstverständnis der Literatur und auf ihrem Markt. Fürstliche Mäzene fallen aus, Kirchenlieder gehen hop und flop. Illustrierte - im frühen 19. Jahrhundert heißen sie Familienblätter, Gartenlaube oder Heimgarten - brauchen Betulichkeiten mit Happy End und/oder triefender Moral; auf der Bühne - nicht immer zimperlich das obszöne Spiel der Hanswurstiaden - dominiert die Zote. Was sonst noch geschrieben wird, findet immer schwerer sein Publikum.

Dabei war der Genie-Begriff nur ein Versuch gewesen, ein Versuch, so etwas wie eigenständige, d.h. auch eigenverantwortliche Literatur zu denken. Denn die Begründung literarischer Qualität im genialischen Autor sowie die Verortung literarischer Autonomie im Niemandsland von Authentizität und Echtheit lassen sich auch bloß als Auswege lesen angesichts der neu hereinbrechenden Legitimationsnot. So nach dem Motto: Wir wissen nicht, wozu Literatur noch taugt, aber dafür ist sie echt stark!

1996 erscheint Monika Marons Roman Animal triste, ein letzter Versuch über das große Gefühl in Zeiten minimalistischer Varianten von Beziehungskisten, ein Roman über die große Liebe, die tragisch endet. Tatsächlich aber - so haben kluge LiteraturwissenschaftlerInnen inzwischen herausgefunden - ist der Roman ein postmodernes Spiel mit verschiedenen Modellen tragischer Liebesgeschichten, Goethes Werther, Kleists Penthesileia, Tristan und Isolde. Nicht das große Gefühl wird hier erzählt, sondern seine Konstruktion aus Versatzstücken bereits überlieferter Liebeserzählungen wird imaginiert. Situationen, Problem-Konstellationen, Satz-Figurationen werden als bereits bekannte zitiert, zitathaft collagiert. Das Neue ist immer nur das neue Alte. Alle Literatur sieht sich zum Klonen ähnlich. Nicht nur, dass sie sich stets nur aus Literatur neu produziert, sie reproduziert sich auf penetrante Weise als immer gleiche.

p2 ist die Formel, die Erich Fried dafür gefunden hat. p2 steht für Poesie zum Quadrat. Poesie aus Poesie (was heute keiner mehr sagt), also: text reduced by text, was soviel heißt wie: Du kannst dich abstrampeln soviel du willst, dein Text war immer schon da.

Robert Musil spricht in diesem Zusammenhang von einem "Zitatenteich", in den jeder Text eingebettet sei "wie ein durchsichtiger Kristall in seine durchsichtige Mutterflüssigkeit". Texte als Produkte chemischer Prozesse, bei denen unklar bleibt, ob sie Kristalle generieren oder Scheiße. "So könnte man wahrscheinlich", so Musil weiter, "welchen Schriftsteller immer 'zerlegen' (und zwar sowohl formal wie gegenständlich oder auch dem angestrebten Sinn nach) und würde nichts in ihm finden als seine zerstückelten Vorgänger", die keineswegs völlig "abgebaut" und "neu assimiliert" sind, sondern in unregelmäßigen Brocken erhalten geblieben.
Das Klonen erspart uns die Mühe nachhaltiger Leichenfledderei. Alles, alle Texte wohlgemerkt, ist immer schon verfügbar, immer schon verwertet, verwurstet, verwüstet. Texte breiten sich aus, ad infinitum klonbar, schmerzlos.

Stop!, sagt mein Klon. Ich müsse härrrrter schreiben. Man merke gleich, dass da eine Frau schreibe, harmoniebedürftig und bieder. Schon dass ich immer über Literatur schreibe, wo ich doch mich meine, sei sträflich. Ich müsse den Blickwinkel meines subjektiven Wollens endlich aufgeben und einen Standpunkt n-ter Ordnung gewinnen, von dem aus Menschen wie getextete Figuren - "geklonte?", frage ich - erscheinen und manipulierbar sind. "Solange sie sich im Medium des Textes bewegen", sage ich. Schmäh ohne, sagt mein Klon, es ist ein Schmarrrrrrrrn, den du da produzierst. Eine Fiktion über einen tolerierten Klon, dem du in Wirklichkeit den Mund verbietest.

1872 revolutioniert ein Text die gesamte antiquierte Altphilologie und zugleich damit die gesamte herrschende Philosophie. Nietzsches Birth of Tragedy ist ein Bruch mit dem klassischen Bild der Antike als "stiller Einfalt und edler Größe", es ist ein Bruch mit einer sich mit dem Rationalismus Descartes´scher Prägung identifizierenden Philosophie, und es ist nicht zuletzt ein Bruch mit einer sich als Geschichtsphilosophie der "schönen Künste" verstehenden Ästhetik. Fortan sei alle Kunst auf unser Sein, dessen Sinn und Sinnlichkeit bezogen. Wir entwerfen uns selbst - "denn nur als aesthetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt", heißt es in der Geburt der Tragödie. Wir sind, was wir sein wollen. Auch wenn wir uns dessen nicht immer ganz sicher sind.

In der (männlichen) Literatur gibt es genug Beispiele für erträumte Zwillingsschwestern. Musil, Rilke, Trakl. Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen, in dem wir uns wiederfinden, das uns ganz gleicht, ohne doch wir zu sein. Mit dem erotischen Charme des anderen Geschlechts.
Klone sind einfacher, aber vielleicht weniger verführerisch. Klone als unsere fiktiven Selbstentwürfe ähneln uns vielleicht zu sehr, aber dafür sind sie leichter handhabbar.
Prrrronto, prrrronto, sagt mein Klon, es wird Zeit, dass ich das Rrrruder übernehme. Nein, sage ich, wir wollen uns vertragen. Geht nicht, sagt er, solange ich nicht als selbständiges Individuum akzeptiert bin, wirst du deine groggy-Texte über mich weiterschreiben, ich möchte die Wahrheit über mich wissen, ich werde ihnen sagen, was echt läuft. Moment, sage ich, vergiss nicht, ohne mich würdest du nicht ... "existieren", unterbricht er mich. Okay, okay, die Mammi hat Beschützerinstinkte, der Klon unterm Tisch, wie niedlich. Mach mich nicht wütend, sage ich, verpiss dich, sagt er, und es geht drunter und drüber, er will mir den Computer entreißen, ich stoße ihn weg, hau ab, er tritt mich, ich schlage zu, verschwinde endlich, sage ich, ich will dich nicht mehr sehen, zieh deinen Schwanz ein und hau ab, verdammte Schlampe, schreit er noch, während er die Tür zuschlägt, fick dich ins Knie, rufe ich ihm hinterher.