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von großgrundbesitzern und fälschern

wolfgang kühnelt | von großgrundbesitzern und fälschern

Karin Resetarits interviewt Wolfgang Kühnelt vom Internet-Magazin

1) Die Vorgeschichte
Von: wolf@xyz.at
Datum: Donnerstag, 01. März 2001 13:18
An: schreibkraft@gmx.at
Betrifft: ad: Schreibkraft echt?

Hallo, also mir ist da was absurdes und schwer unerwartetes passiert: der ORF bringt ab Juni die Frau Resetarits back mit ihrem Absolut Resetarits und da sammeln sie schon jetzt stories und interviews. und weil im orf immer mehr leut den haubentaucher lesen (kein scherz!) sind sie irgendwie auf mich gestoßen und sie hat mich zum thema fake und sampling befragt u.a. wegen meiner boehmdorfer-geschichten. ich hab das interview als text bekommen (ausstrahlen tun sie es erst im laufe des jahres) und ich hab mir die erlaubnis geholt, den text zu veroeffentlichen. wenn du interesse hast, boete sich eure echt?-nummer dafuer an, auch wenn das interview naturgemaess nicht sehr intellektuell hochstehend ist. weil auf den haubentaucher tu ich es nicht, sonst denken alle, ich erlaub mir wieder einen schwachen scherz.
Wolfgang Kühnelt

2) Das Interview

Interview Absolut Resetarits, Datum: 23. 2. 2001, Ausstrahlungstermin im Laufe des Jahres in ORF 2. Kürzungen behält sich die Redaktion von Absolut Resetarits vor.
Wolfgang Kühnelt, der Chefredakteur des Internet-Magazins Der Haubentaucher, gilt in der Branche als äußerst zurückhaltend, was Öffentlichkeit angeht. Andererseits ist er durch seine Polemiken und verfälschten Texte immer wieder mit Rechtsanwälten von Politikern und Künstlern konfrontiert.

Herr Kühnelt, Sie haben in Ihrer Internet-Zeitung www.haubentaucher.com immer wieder gefälschte Texte - etwa über Justizminister Böhmdorfer - veröffentlicht. Gab es bisher keine rechtlichen Konsequenzen?
Kein Kommentar. Nur eines: Dieter Böhmdorfer hat mich wissen lassen, dass die Geschichte mit Sicherheit ein Nachspiel haben wird.

Wie vereinbaren Sie Ihre Fälschungen eigentlich mit journalistischer Moral?
Die Frage der Moral steht im Mittelpunkt meines Schaffens. Ich bin hier zutiefst geprägt von einem schmalen Bändchen des deutschen Autors und Anarchisten Rudolf Rocker.
Erklären Sie uns das genauer?
Ja, ich gehe in Anlehnung an Rocker und Peter Bürger davon aus, dass mit dem Ende der Avantgarde-Bewegungen um 1928 die Notwendigkeit entstanden ist, Kunst und Kultur von der Manufaktur zum Selbstbedienungsladen umzubauen. Die Moral heißt also nicht mehr: "Dieses Stück Kunst gehört mir, weil ich die Rechte gekauft habe." Sondern: "Die Kunst gehört denen, die damit arbeiten. Den Künstlern also." Nur so sind Bewegungen wie Hiphop, Sampling und Collage möglich geworden. Das sind Befreiungsbewegungen und keine ideenlosen Stümperbanden! Auch das Internet ist eine Spielwiese für so genannte Diebe und Fälscher und deshalb fürchten Großgrundbesitzer wie die Zeitungen, Presseagenturen oder die Musikindustrie das Web in solchem Ausmaß.

Wieso verwenden Sie den Begriff "Großgrundbesitzer"?
Früher besaßen die Herrschaften Ländereien, heute besitzen sie vor allem Copyrights. Und der zeitgenössische Robin Hood ist weder Straßenräuber noch Landeshauptmann in Kärnten, sondern Hacker, Underground-DJ und/oder Fälscher.

Ich bitte Sie jetzt um eine wirklich ehrliche Antwort: Wie würden denn Sie reagieren, wenn jemand Ihre Texte stiehlt und auf seine eigene Website stellt?
Hocherfreut. Erstens wird man am leichtesten über Gesampeltes und Geklautes berühmt, denn meistens kommt ja irgendwann und irgendwie (oft sehr bald und mit gehörigem Medienecho) heraus, dass da jemand fremde Inhalte verwendet hat. Und zweitens würde ich natürlich sofort Kontakt mit dem armen Schwein aufnehmen und ihn bedrohen.

Man hat Ihnen von Kollegenseite vorgeworfen, nur deshalb zu fälschen, weil Sie zu faul zum Recherchieren sind. Was sagen Sie dazu?
Die Beurteilung meines Verhaltens überlasse ich gerne anderen. Tatsache ist, dass ich nicht fälsche, sondern collagiere. Und natürlich ist dies oft mehr Aufwand als ein so genanntes authentisches Interview, das es in dieser Form ohnehin nicht mehr gibt. Vielleicht sollte man einmal ganz klar sagen: Leute, was Ihr in den Medien serviert bekommt, ist von vorne herein Lug & Trug. Die ORF-Kulturdamen beispielsweise lassen sich allesamt ihre Interviewfragen von Ghost-Writern schreiben und lesen sie dann vor.

Sie würden sich selbst einen Gefallen tun, wenn Sie das Interview ohne persönliche Verleumdungen zu Ende bringen könnten.
Einverstanden. Aber ich erwarte mir von den Journalisten in Österreich auch, dass hin und wieder jemand sagt: "Das geht zu weit! Da wurde eine Fälschung vorgetäuscht, die in Wahrheit nur Marketing-Interessen dienlich sein soll."

Haben Sie ein konkretes Beispiel für Ihre gewagte These?
Also da haben wir die Geschichte mit dem angeblich gestohlenen Song-Material von Madonna und der angeblich widerrechtlichen Veröffentlichung im Internet. Oder den Martin Humer, der schon seit vielen Jahren von alternden Künstlern dafür bezahlt wird, dass er Provokation erregt. Oder natürlich den Christoph Schlingensief, der vielleicht der genialste Doppelspion in der gegenwärtigen Kunstszene ist.

Was werfen Sie denn dem Christoph Schlingensief konkret vor?
Gar nichts. Ich werfe Sampling-Künstlern grundsätzlich nicht vor, dass sie Material verwenden, verfremden und damit unter Umständen eine qualitative Steigerung erreichen. Ich werfe viel eher den Journalisten vor, dass sie genau über die wahren Sachverhalte informiert sind und trotzdem einen Fälschungs-Hype inszenieren, der in Wahrheit selbst eine äußerst plumpe Fälschung ist.

Herr Kühnelt, danke für das Gespräch.

3) Das Corpus Delicti

Justizminister klagt Internet-Magazin Haubentaucher

Das Internet-Magazin der Haubentaucher hat in jüngster Zeit mehrfach berichtet, dass Justizminister Dr. Dieter Böhmdorfer eine Klage gegen das Magazin eingebracht habe. Da dies unrichtig ist und jeder Grundlage entbehrt, hat der Justizminister nun beschlossen, gegen diese Behauptungen gerichtlich vorzugehen.
Böhmdorfer in einem virtuellen Interview mit der Redaktion des Haubentauchers wörtlich: "Ich habe nie vorgehabt und habe es auch heute nicht vor, gegen Sie oder Ihr Magazin Klage einzubringen, da es dafür keinen Grund gibt. Da Sie nun schon zum wiederholten Male behaupten, ich wolle Sie klagen, habe ich daher die Angelegenheit meinem Anwalt übergeben, der die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hat. Sie können sich auf einiges gefasst machen."
Um nicht in Gefahr zu geraten, einen millionenschweren Prozess zu verlieren, hat sich die Redaktion des Internet-Magazins Der Haubentaucher daher entschlossen, in Zukunft nicht mehr die Behauptung aufzustellen, der Justizminister wolle das Magazin klagen.

Link: www.haubentaucher.at