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wilkomirskis biographie: kein spiel

christiane zintzen | wilkomirskis biographie: kein spiel

Authentizität als Falle der drei Buchstaben ICH

Lange bevor der Psychoanalytiker William G. Niederland mit der Studie Folgen der Verfolgung. Das Überlebenden-Syndrom Seelenmord ein Pionierwerk über die psychischen Beschädigungen (jugendlicher) Holocaust-Überlebender vorgelegt hat, war es sein 1965 publizierter Essay, welcher mittelbar zum Sturz eines Jahrhundertdenkmals führte. Niederlands psycho-biographische Studie von Heinrich Schliemanns oft fiktiven, ja phantasmagorischen "autobiographischen" Schriften senkte in die Fachwelt jenen Keim des Zweifels, aus welchem im Laufe der siebziger Jahre akribische Quellenforschungen erwuchsen. Als der Philologe William Calder III. die Schliemannsche Autobiographie als Fiktion und David A. Traill die trojanischen Schätze als Klitterungen offenbarten, war das Entsetzen der Öffentlichkeit groß: Man hatte mit dem Entdecker-Helden eine Integrationsfigur und ein Symbol verloren. Wurde am Fall Schliemann der Leitwert von der "hehren Wissenschaft" touchiert, so verhandelt man nun an der Causa Wilkomirski eine ideelle Übereinkunft des 20. Jahrhunderts: Respekt vor und Empathie gegenüber den (überlebenden) Opfern der Shoah.

Erweisen Historikerstreit, Restitutionsdebakel und die Obstruktionen des Berliner Holocaust-Memorials das Ringen um eine adäquate Form "öffentlicher" Erinnerungskultur, so schien mit der Memoirenliteratur ein authentisches Medium für die individuelle Vergegenwärtigung zuhanden: Die ungebrochene Konjunktur der "Anne Frank", den Widerhall, welchen die literarisierten Erinnerungen von Ruth Klüger, Louis Begley und Imre Kertész finden, belegen den unstillbaren Hunger, welcher nach Exemplifizierung des Unvorstellbaren besteht. Als im Jüdischen Verlag des Hauses Suhrkamp im August 1995 unter dem Titel Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948 ein in der ersten Person Singular verfasster Text über die traumatische Odyssee eines jüdischen Knaben herauskam, schien ein neues Kapitel in der Geschichte der Evokation des Grauens aufgeschlagen: Selten wurden Verstörung, Gewalt und Terror in so eindringliche Worte und Bilder gefasst wie in dem schmalen Band, selten wurden ultime physische und psychische Bedrohung auf so unerträgliche Weise suggeriert wie in dieser fragmentarischen Prosa.

Über die Wahrheit einer Biographie

Was Wunder, dass die Bruchstücke für Aufsehen sorgten und mit ihnen der Autor Binjamin Wilkomirski, ein unter dem bürgerlichen Namen Bruno Doessecker in der Schweiz lebender Musiker; was Wunder, dass das Buch in ein Dutzend Sprachen übertragen wurde und rund um den Erdball multiple Betroffenheiten auslöste. Entsprechend tragisch war die Fallhöhe, als Daniel Ganzfried im August 1998 in der Weltwoche (27. 8.) deklarierte, Wilkomirski sei "nie als Insasse in einem Konzentrationslager" gewesen, sondern vielmehr ein 1941 als Bruno Grosjean in Biel geborener Schweizer Bürger. Die Aufregung darob war gewaltig und ist es bis zum heutigen Tage, als sich Ganzfrieds insistierende Artikel inzwischen auf den Vorwurf planmäßig kalkulierten Betrugs eingeschossen haben. Anlass für die literarische Agentur Liepmann, die 1994 das Manuskript entgegengenommen und die Rechte weltweit vermittelt hatte, ihrerseits eine historische Überprüfung der Textreferenzen in Auftrag zu geben: Mit Stefan Mächlers voluminösem Band Der Fall Wilkomirski. Über die Wahrheit einer Biographie liegen die Ergebnisse dieser Prüfung nun auch der Öffentlichkeit vor.

Umwege

In einer ausgreifenden, spiralförmig kreisenden Bewegung nähert sich Mächler der Frage nach der Authentizität des als Bruchstücke publizierten Textes. Der cinemascopen Studie ist es mitnichten lediglich um eine eilfertige Erledigung der vordergründigen Entscheidungsfrage "Lügt Wilkomirski?" zu tun: Mächlers Methode ist das geduldige Abschreiten der Hintergründe, ist der serpentinenhafte Umweg und es erweist sich, dass es einer langen und langsamen Schrittfolge bedarf, um die Sprüche und Widersprüche, die Beobachtungen und Erkundungen, Zeugen und Zeugnisse in einer Gesamtdarstellung zu verstauen. Der Abschnitt Wilkomirski erzählt bietet auf breitestem Raum eine Bühne für die Selbstdarstellung von Person und Autor: Wo der extensiv zitierte Text der Bruchstücke nicht hinreicht, fügt Mächler Passagen aus selbst geführten, publizierten oder in den Gedenkstätten von Jerusalem und Washington auf Video deponierten Selbstaussagen ein. Wir erkennen Strukturen und Muster von Wilkomirskis "Überzeugungsarbeit" und ahnen, warum den Inkongruenzen "seiner" Geschichte so schwer zu wider-sprechen gewesen ist. Im Schutze der Vorgabe einer fundamentalen Traumatisierung durch ungeheuerliche frühkindliche Erlebnisse schafft die strategisch platzierte Gedächtnislücke einen unüberprüfbaren Raum, dient andererseits das einzelne "photographisch genau" memorierte Detail als historisches Echtheitszertifikat. Ein dem Kinde von unbekannter Hand aus Polen mitgegebener Löffel mit den Aufschriften "KL Lublin/Blockov 5" etwa vergegenständlicht einerseits das Dortgewesen-Sein, lässt sich andererseits aber auch als aggressiv geführte Waffe der Denunziation verwenden: Die Zürcher Adoptiveltern hätten ihm nicht nur das Verschweigen und Vergessen seiner Herkunft gewaltsam aufoktroyiert, sondern ihn durch die Konfiskation der persönlichen Gegenstände ein weiteres Mal um sein Vorleben gebracht. So changiert die Rede Wilkomirskis zwischen grausigen Lager-Erinnerungspartikeln und hässlichen Insinuierungen hinsichtlich einer schweizerischen Nachkriegsgesellschaft, die den heimatlosen Knaben gewissermaßen auf ihre Weise noch einmal "vernichtet" habe. Das Oszillieren zwischen Erlebnis und Interpretation, zwischen Erinnerung und Traum ermöglicht ein Wahr-Sagen eigener Art: Zweifellos sprechen Wilkomirskis Aussagen wahrhaftig von einer Art "Realität": Die Crux dabei ist, dass die Rezeption als faktischen Realismus auffasste, was Wilkomirski als psychische Realität verstand.

The winning team

Eindringlich lässt sich verfolgen, wie sich der Musiker Doessekker während der sechziger Jahre allmählich auf sein künftiges Lebensthema einzuspielen beginnt: Das Studium der Geschichte soll helfen, die Identitätswurzeln aufzuspüren, eine Doktorarbeit über die jüdische Migration in Osteuropa 1918-1938 bleibt allerdings unvollendet. Er reist mehrmals nach Polen und trägt ungeheure Mengen von Forschungsliteratur zusammen. Als er mit dem israelischen Psychiater Elitsur Bernstein und Verena Piller um 1980 herum einen Freund und eine neue Lebensgefährtin gewinnt, scheint damit eine von Krisen und Krankheit geprägte biographische Periode abgeschlossen. Beide ermuntern ihn nun, seinen quälenden Albträumen, Erinnerungen und Seelenzuständen in Wort und Schrift Ausdruck zu verschaffen. Mehrere gemeinsame Reisen führen in den frühen neunziger Jahren an die polnischen Topographien des Terrors (Auschwitz und Birkenau, Majdanek und Krakau), oft wurden die Begehungen in Videoaufnahmen dokumentiert: Die bewegenden Bilder - fürderhin dienliches "Beweismaterial" - muten um so befremdlicher an, als Wilkomirskis vorgebliche Anagnoresis von seinen engsten Vertrauten indiskret wie das Verhalten eines Versuchstiers abgefilmt wird. Das Moment des Wiedererkennens wird fortan zum Leitmotiv und formuliert sich etwa auch in jener Methode der Erinnerungs- und Trauerarbeit, die Wilkomirski und Bernstein als Variante der "Recovered Memory Therapy" seit 1996 weltweit auf Fachkongressen präsentieren: Durch die Zusammenarbeit von Historikern und Psychologen sei die Glasglocke frühkindlich empfangener Traumata zu lüften. Wilkomirski figuriert in der Doppelrolle als Zeuge und Historiker, gecoacht von dem omnipräsenten Bernstein und bestärkt von der Lebenspartnerin, die keine Mühen scheut, in Interviews noch das privateste Leidenssymptom wortreich zu entfalten: Mag Daniel Ganzfrieds These von einer systematischen "Erfindung und Konfektionierung der Figur Wilkomirski" (Weltwoche, 4. 11. 99) gar radikal anmuten, so ist doch augenfällig, wie es die konsequent und konzertiert kooperierende Konstellation Wilkomirski-Piller-Bernstein vermochte, erfolgreich Evidenzen zu generieren, welche von Laienpublikum und Fachwelt, ja, selbst von Zeitzeugen als unbezweifelbar akzeptiert wurden.

Trademark Wilkomirski

All dies hätte freilich nie zu solch wirksamer Perfektion gefunden, hätte der Verlag den schon kurz nach der Akquisition der Rechte vernehmbaren warnenden Stimmen Glauben geschenkt: Die Chronologie der hektischen Bemühungen seitens Verlag und Agentur, Dokumente und Zeugnisse zur Widerlegung der Zweifel beizubringen, erweist sich als Kette von Alibihandlungen, chaotisch sekundiert vom Diskant der hoch emotionalen Begleitstimme Wilkomirskis. Sich auf ein Suhrkamp-Bashing einzuschießen, hieße, das übliche Reiz-Reaktions-Schema in "Fälschungs"fällen zu perpetuieren und wäre nur für jene Gewinn bringend, welche es nachher selbstredend immer schon gewusst haben wollen. Wilkomirskis im Juni 1995 dem ursprünglichen Text hinzugefügte Nachbemerkung rekurriert auf das Schicksal der mit falschen Staatsbürgerfeatures versehenen "Kinder ohne Identität" und schließt sentenziös: "Die juristisch beglaubigte Wahrheit ist eine Sache, die eines Lebens eine andere." Damit scheinen die Bruchstücke fürs Erste "wasserdicht" und treten ihren Weg an die Öffentlichkeit an. Interessantes Detail am Rande ist, dass sich Wilkomirski bei seinem Anwalt nach den Möglichkeiten erkundigt, den "Namen 'Binjamin Wilkomirski' wenigstens als Pseudonym gesetzlich zu schützen - vielleicht im Stile eines geschützten Markennamens?" (7. 7. 1995)

Macht der Induktion

Die Chronik der spektakulären - erst applaudierenden, nach Daniel Ganzfrieds Hinweisen ebenso disqualifizierenden - Rezeption liest sich wie ein Exempel für die Macht der Induktion: Die Bruchstücke machen - je nach Perspektive - als "authentisches Zeugnis" ebenso "Sinn", wie sie die Annahme einer "Fälschung" oder eines fiktiven Konstruktes durch zahlreiche Indizien bestätigen. Wird hier das Bruchstückhafte, Irrlichternde, die sonderbare Verschwisterung von Detailrealismus und raunendem Halbdunkel als Ausdruck von Traumatisierung und Ichverlust deutbar, können dieselben Textmerkmale als Beleg für die non-sequitur-Strategien einer ausgefuchsten Fiktion geltend gemacht werden. So trivial diese Einsicht in die Versionalität von Perpektiven und Interpretationen ist, so peinlich wurde sie dort, wo das Kapital der Dignität von Holocaust-Opfern mittelbar auf dem Spiel stand.

Wer ist "Ich"?

Punkt für Punkt leuchtet Mächler die in den Bruchstücken und Selbstaussagen angelegten Schummerzonen aus und bahnt einen Weg durch das ungeheure Gestrüpp von Reden und Widerreden, in welchen Wilkomirski sich im Laufe der Zeit verheddert hat. Die Befragung der Materialien gestaltet sich peinsam und peinigend - nicht zuletzt für den Leser -, da die autobiographische Indiskretion erstens wiederholt, dann aber im Zuge der Überprüfung weit über das Erträgliche hinaus weitergetrieben werden muss. Angesichts dessen dünkt es auf makabere Weise fast humoristisch, wenn der Sohn der Pflegefamilie in Nidau bei der Lektüre des in den Bruchstücken geschilderten polnischen Kleinhäuslerhofes spontan sein schweizerisches Heimatbiotop wiedererkennt. "Mit so viel Authentizität", schreibt Mächler, habe er "nicht gerechnet": Das Buch erzähle "in atemberaubender Verfremdung sein eigenes Leben, dasjenige von Bruno Grosjean". Wenn Mächler damit explizit den von Daniel Ganzfried wiederholt geäußerten Vermutungen einer vorsätzlich geplanten und ins Werk gesetzten Fälschung widerspricht, sondern die psychische "Wahrheit" von Wilkomirskis Über-Identifikation mit den Opfern des Holocaust proklamiert, plädiert er implizit für den sanfteren Weg: Die von ihm vorwiegend unpolemisch dargestellte Genese des "Falls Wilkomirski" beleuchtet eindringlich die Falle, in welche sich die Rezeption locken ließ - es ist die Falle der Bedeutung der drei Buchstaben ICH. Dass die Natur dieses "Ich"-Sagens von Anbeginn an nicht offen diskutiert worden ist und Einsprüche aus einer Art Opfer-overcare unterblieben (mitunter gar verhindert worden sind), ist das eigentlich Fatale. Jetzt, da Hardcover- und Taschenbuchausgabe gesperrt worden sind, die Agentur das Mandat zurückgegeben hat und die Zürcher Staatsanwaltschaft gegen Doessekker/Wilkomirski ermittelt, wäre der Zeitpunkt, von der Häme zu lassen.

Literatur:

Stefan Mächler: Der Fall Wilkomirski. Über die Wahrheit einer Biographie. Pendo 2000.
Darüber hinaus ist erschienen: Elena Lappin: Der Mann mit zwei Köpfen. Chronos 2000