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wirklichkeit ist ein urteil

georg gartlgruber | wirklichkeit ist ein urteil

Die Worte, die Welt, die Kunst

"Weil wir immer selber entscheiden, was echt ist und was nicht, könnten wir eigentlich frei sein. Trotzdem nennen wir diejenigen, die sich frei für eine Wirklichkeit entscheiden, Geisteskranke und sperren sie hinter dicken Mauern ein." - Dostojewski in einem Brief an Scholnizin

"Ööecht?" sagte diese Klassenkameradin von mir oft, wenn wir, pubertierende Teenager mit Oberstufenbildung, die wir waren, ihr unter Ausnutzung ihres mangelnden Allgemeinwissens und einer Überdosis Naivität wieder die absurdesten Geschichten reindrückten. Dass Flugzeuge flögen, indem sie nach oben stiegen und dann die Erde unter sich wegdrehen lassen. Dass Interrail eine Insel in Griechenland sei. Dass unser blonder Freund aus der Nebenklasse mit Namen Jens in Wirklichkeit ein englischer Adeliger sei, der Earl of Grey. Und ich schwöre: sie hat's geglaubt. Sie war oft skeptisch, aber eine Zeit lang hat sie's geschluckt. Ach, waren wir lustig damals. Aber wir haben dem Mädel oft und oft ein Staunen entlocken können, und nun ehrlich, sie war dumm und naiv - im Vergleich mit den Dingen, die ihr passieren hätten können, waren wir noch nett zu ihr.

DIE WORTE

Stellen sie sich einen beispielhaften Klimt-Druck vor, wie er in vielen Wohnzimmern hängt. Niemand wird behaupten, das sei ein echter Klimt, im Sinne von: ein Gemälde, an das der Künstler selbst Hand angelegt hat. Andererseits gibt es aber auch Original-Warhol-Gemälde, an die der Künstler selbst nie Hand angelegt hat. Andererseits ist es ein echtes Gemälde in dem Sinne, dass man es angreifen kann. Andererseits ist es immer noch echter als ein gefälschtes Klimt-Gemälde, das aber auch wieder ein echtes Gemälde ist.
Zweierlei können wir als Basis festlegen. Die beiden lexikalischen Einheiten "echt" und "wirklich" sind nur in konnotativen Randzonen unterschiedlich und werden immer wieder synonym verwendet. Und wir nutzen sie, um Rangreihen aufzustellen. Wir sagen also nicht nur, dieses Gemälde ist echt oder nicht, wir können auch sagen, dieses ist echter als jenes und je nach angesetzter Benchmark ändert sich die Position des Objekts. Das gilt ja nicht nur für Kunst. Wir können ja auch sagen, Milch vom Bauernhof sei echter als jene aus dem Supermarkt-Tetra-Pack.1

19:30 Uhr, die Nachrichten. Ich sehe alte Männer aus einem Auto aussteigen und in ein Haus gehen. Der Sprecher sagt, die Welthandelsorganisation habe dies und jenes beschlossen. Ich sehe alte Männer aus dem Haus zu ihren Autos gehen. Ich sehe Soldaten, die sich hinter einer Häuserecke verstecken. Der Sprecher redet von albanischen Milizeinheiten, die nach Kroatien eingedrungen sind. Die Männer mit den Gewehren sehen genauso aus wie die Männer mit den Gewehren in der Vorwoche. Damals aber Kroaten. Oder Serben? Wo war Kroatien noch einmal genau? Ein Talking Head erscheint und analysiert die innenpolitische Lage. Nach zwei Sätzen kann ich ihm nicht mehr folgen und lese das Fernsehprogramm für den Abend. Morgen wird es sonnig.

DIE WELT

Die mediatisierte Welt. Der Großteil unseres Wissens und unserer Erfahrungen ist sekundär. Zwar hinterlassen primäre Erfahrungen einen stärkeren Eindruck, aber es gibt einen Trend dazu, unseren primären Erfahrungen einen höheren Wert beizumessen, wenn wir sie positiv mit Medieninhalten abgleichen können.
Festgehaltenes Wissen, Ideen oder Geschichten haben einen höheren Status als jene, die nur von einer Person in ihrem Kopf geborgen werden. Von den ersten Steintafeln bis zur Tageszeitung - sobald man mit dem Finger auf einen Schriftsatz deuten kann, hat man eine bessere Position als jemand, der bloß behauptet.2

Letzte Woche übersah ich zufällig, wie unsere Sekretärin im Internet surfte. Dann bemerkte ich, dass sie immer wieder ihre Kreditkarte in den Schlitz des Diskettenlaufwerkes steckte. Als ich sie befragte, meinte sie nur, dass sie im Internet einkaufen wolle und nur dieses "Bankomat-Dings" benutzen wollte. Erinnern Sie sich an den Kaffeehäferl-Halter? Der ist auch von ihr. Einige Wochen davor habe ich unsere Praktikantin losgeschickt, um doppelseitig beschreibbare Overheadfolie zu besorgen.

Die junge Generation besitzt sowohl mehr theoretisches als auch praktisches Medienwissen als die Generationen davor (konnten). Sie weiß, dass sie hauptsächlich dazu da ist zu kaufen, und sie genießt die Macht des Konsumenten. Sie lässt sich bereitwillig auf dieses Spiel mit der Dollarkratie ein. Eine "echte" Mediengeneration.
Auch das Kulturwissen dieser Generation ist unglaublich groß, auch wenn es - natürlich - nur aus den Medien stammt und von Pop-Ikonen handelt. Wie viel Information haben wir eigentlich gespeichert, die zu nichts anderem nütze ist, als immer dem neuesten Trend folgen zu können? Ohne die Rekurrierung auf den vorhergegangenen Trend, wie sollen wir da den aktuellen erkennen? Ein Beispiel: Elvis-Imitatoren sind weit mehr als bloße Plagiate; sie sind eine eigene Kunstform mit eigenen Regeln geworden. In einem weiteren Schritt wird El Vez, der mexikanische Elvis, nur deshalb verstanden, weil sowohl Elvis als auch das Phänomen seiner Imitatoren bekannt ist.
Das Publikum ist durchaus bereit, Fälschungen oder besser: Objekte auf einer niederen Echtheits-Stufe zu genießen. Und dann noch eine Frage, die gerade so hier reinpasst: Was ist "echter": das Konzert oder der Tonträger? Und was sagen Komponisten dazu?
Die Medienwelt als Abbild der realen Welt beruht auf den gleichen Gesetzmäßigkeiten, wie unsere individuelle "Echt/Nicht echt"-Abstraktion, nur auf einer anderen Stufe, wahrscheinlich einer höheren. Ihr wichtigstes Strukturmerkmal ist die postulierte Trennung zwischen Unterhaltung und Information. Vom normalen Konsumenten wird der Anteil jener Inhalte, die als "echt" eingestuft werden, für sehr gering gehalten. Es ist ja auch der unterhaltende Teil der Massenmedien der ökonomisch weitaus bedeutendere.
An dieser Stelle könnte es interessant sein, zu bemerken, dass der unterhaltende Teil beim Konsumenten viel einfacher, öfter und schneller primäre Erfahrungen in Form von Emotionen wie Spannung, Angst oder Gerührtsein auszulösen vermag, als der Informations-Teil. Wann hat denn zum letzten Mal eine Nachricht aus einem Massenmedium ihr alltägliches Leben verändert? Sie etwas tun lassen, das sie sonst nicht getan hätten?
Es ist egal, ob die Nachrichten wahr sind, solange die Geschichte stimmt. Gute Menschen wollen immer wieder die gleiche Geschichte hören3 (Ausnahmen: Wetter und Verkehr). Eine News-Geschichte ist gut, weil sie hohe Nachrichtenwerte hat und in die Erwartungshaltungen passt. Nicht weil sie wahr ist, das ist nebensächlich (und vom Konsumenten auch nicht nachprüfbar). Daher ist es im News-Geschäft auch so wichtig, einer Story einen bestimmten Dreh zu geben, damit sie passt.4

"Ich gehe zu Spar einkaufen, weil das ein österreichisches Geschäft ist." - Aber: Spar ist eine der größten Handelsorganisationen der Welt und ihr tatsächlicher Besitzstand lässt sich kaum recherchieren. "Rot-Grün werden in Wien die Drogenfreigabe durchbringen." - Aber: Wollen tun sie vielleicht, nur können tun sie nicht, weil das Bundessache ist. "Die meisten Unfälle passieren im Haushalt." Aber: Dort sind wir ja auch am häufigsten. "Österreich ist die wichtigste Ski-Nation der Welt!" - Aber: Österreich ist die einzige Ski-Nation der Welt. "Fleisch gehört zu einer gesunden Ernährung." - Aber: Vegetarier sind auch gesund.

Produktwelt: Verpacken und Verkaufen - auch die Medienwelt gehorcht dem Gesetz von Angebot und Nachfrage, wobei auf einem Käufermarkt, wie dem Nachrichtengeschäft, die Nachfrage der dominante Teil der Beziehung ist.

DIE KUNST

Die Kunst bzw. die Kunst produzierende Szene ist eine eigene Welt. Ob sie nur ein Spezialfall der Medienwelt ist, darüber möchte ich im Moment nicht urteilen (müssen). Jedenfalls darf die Kunst mit der ihr eigenen Echtheit spielen, sie anzweifeln oder sich selbst brüsk der Fälschung bezichtigen. Sie kann sich selbst die Autorität zusprechen, über Wirklichkeit und Echtheit zu bestimmen.5 Das war einmal spannend, jetzt nur mehr im Ausnahmefall.
Auch die Kunst verkauft sich als Produkt und der vom Käufer zugemessene Echtheitswert bestimmt den zu zahlenden Preis. Die Diskussion darüber findet auf einer so abgehobenen Stufe statt, dass ihr der durchschnittliche Konsument gar nicht mehr folgen kann oder will, aber nur weil ihm die grundlegenden Informationen fehlen. Oder denken Sie, moderne Kunst wäre komplizierter, als den Handlungsdetails einer Daily-Soap oder den Bewegungen in der Jugend-Mode (Musik, Kleidung, Sprache etc.) zu folgen?

Anmerkungen

1 Oder dieses Beispiel: Echter und unechter Schmuck. Beides schmückt, aber nur echter Schmuck - also mit wirklichen Edelsteinen - ist echt und damit wertvoll. Wie steht es nun mit Swarovski-Kristallen, die, zumindest vom Preis her, durchaus in der Reihe der echten Schmucksteine stehen können?
2 Auf diese Weise geriet die Recherche zu diversen Seminararbeiten immer und immer wieder zur Suche nach einer Textstelle, die die eigene Position untermauert. Nicht sehr wissenschaftlich, aber wirksam.
3 Lesen Sie einmal Plattenkritiken in einem eng umrissenen Musikjournal wie dem Maximum Rock'n'Roll oder dem Metal Hammer, dann wissen Sie, was ich meine.
4 Sehen Sie sich beizeiten einmal RTL - Punkt 12 an.
5 Was ihr auch manchmal den Vorwurf der Geisteskrankheit eingebracht hat.