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zwischen magda und lena

Das Leben einer ganz normalen Frau kann spannender als jedes Kriegsdrama sein. Oder ist es ein Kriegsdrama?


Marlen Schachinger: morgen, vielleicht

Wien, St. Peter am Wimberg: Edition die Donau hinunter 2000

Rezensiert von: bettina balàka


Der Punkt, an dem Marlen Schachingers Debütroman morgen, vielleicht einsetzt, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Zerreißpunkt im Leben der Protagonistin. „Magdalena betritt die Damentoilette des Bezirksgerichts“, lautet der erste Satz. Dort, vor dem Spiegel, wenige Minuten vor einer Gerichtsverhandlung, muss sie eine lebenswichtige Entscheidung treffen. Soll sie das Sorgerecht für ihre beiden Kinder ihrem geschiedenen Mann überlassen, oder soll sie darum kämpfen? Hinnehmen oder handeln, das ist also hier die Frage, und tatsächlich gemahnt Magdalenas innerer Monolog an jenen des berühmten dänischen Prinzen, der hinsichtlich des Umgangs mit äußeren Mächten und Gewalten in ähnlicher Weise um eine Entscheidung ringt. In diesem existentiellen Moment wird Magdalena gespalten: Lena sieht sich außerstande, ihrem Ex-Mann Widerstand zu leisten und gleichzeitig für sich und ihre Kinder eine neue finanzielle Existenz aufzubauen. Sie gibt auf und tröstet sich gekonnt damit, dass es immerhin ihre eigene, „freiwillige“ Entscheidung sei, die Kinder dem (gewalttätigen!) Vater zu überlassen. Magda hingegen nimmt die Herausforderung an, bekommt problemlos das Sorgerecht zugesprochen und beginnt als Alleinerzieherin ein neues Leben.
Trotz des erzähltechnisch riskanten, da hochspannungsgeladenen Einsatzes flacht der Roman in der Folge nicht ab. In rascher Abwechslung erfahren wir von den bald erfolgreichen Bemühungen Magdas bzw. Lenas, ein „Leben nach der Ehe“ zu gestalten. Lena zieht nach Paris und schreibt dort einen Roman, der sie - nach herkömmlichen Realitätsmaßstäben etwas zu schnell - zu Ruhm und Wohlstand katapultiert. Magda verdingt sich zunächst als Kellnerin, findet aber ebenfalls bald einen interessanteren Job als Journalistin. Eingestreut zwischen den beiden Lebenssträngen sind die kursiv gesetzten Rückblenden auf das Leben Magdalenas, beängstigende Szenen einer Ehe, in der sie in mehr als nur einer Hinsicht die Unterlegene war.
Wiewohl Magda und Lena die materiellen Herausforderungen ihres Lebens meistern, bleiben sie in Beziehungsdingen seltsam unterworfen und dem Los der Kinder gegenüber passiv. Lena verliebt sich schließlich in eine Frau, Nadine, der sie auch die Entscheidung überlässt, ob sie ihren - vom Vater abgeschobenen - Sohn zu sich nach Paris holen soll. Magda hingegen geht eine Beziehung mit Markus ein, einem reichlich unangenehmen Zeitgenossen, der sie ständig unter Druck setzt. Nichtsdestotrotz wird sie von ihm schwanger und hofft auf ein Familienidyll.
Im Nachspann führt Schachinger alle Handlungsfäden zusammen und lässt dabei den Flieder blühen. Magda und Lena haben es geschafft, ohne dass die Schrecken der Vergangenheit vergessen und die Happy Endings endgültig wären. Die Idee, die verschiedenen Verlaufsmöglichkeiten einer Geschichte vorzuführen, wurde zwar von John Fowles’ The French Lieutenant’s Woman bis zu dem Kinofilm Lola rennt bereits vielfach eingesetzt, wird hier aber mit Effekt variiert. Dem komplexen Aufbau des Romans gegenüber steht eine außerordentlich schlichte Sprache, die zum Glück auch ohne allzu weitschweifiges Psychologisieren auskommt.