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besinnungsstund hat dings im mund

stefan schmitzer | besinnungsstund hat dings im mund

Über Mythen und Medienphänomene. Oder: Was hat noch Platz neben Potter und Bin Laden?

Ein wahrhaft heftiges Jahr 2001 breitet sich vor den inneren Augen des Zurückschauenden aus, ein Jahr wie das Treatment eines überbudgetierten Achternbusch-Films; die feuchten Träume von Gott NEUZEIT, wie er in die Pubertät kommt, oder so: Erst Genua, zur Einstimmung, dann der 11.09., darauf logischerweise das sinnlose Bombardement eines armen Landes, und am Himmel eines Europa, in dem sich die Rechte recht komfortabel eingerichtet hat, reitet Harry Potter auf seinem Besen durch die rosa Sonnenuntergangswolken. Potemkinsche Krisen: „Did you have a good world, when you died? Enough to base a movie on?“

Man könnte das Morrison-Gedicht an dieser Stelle noch weiter zitieren: „I’m getting out of here! – Where are you going? – To the other side of morning.“ Man könnte, man muss nicht, denn die GESCHICHTE hat keinen Hinterausgang für die ganz ganz Schlauen. Und wenn sie einen hätte, hätte sie wahrscheinlich längst, spätestens 1972, den Geist von Karl Marx davor gesetzt, um mit jedem Fluchtwilligen die Eskapismusdebatte zu führen – wie halt auch im richtigen Leben. Bloß, was ist das eigentlich? Und warum komme ich nicht zum Punkt? – Eben. Das Jahr 2001 wird sich peinlicherweise im kollektiven Bewusstsein der so genannten westlichen Welt samt östlichem Anhang dauerhaft v.a. in Form zweier Namen zementieren: Osama bin Laden und Harry Potter.

Carlos Giuliani

 

In einem Jahr ohne einstürzende Welthandelsbauten wäre wohl der Name Carlos Giuliani auch noch hängen geblieben, aber es herrscht ein Krieg Gut gegen Böse in den Köpfen, und solange die „Globalisierungsgegner“ sich nicht in einhelliger Verblödung hinter Georg W. Bush stellen, was die Überlegenheit der westlichen Zivilisation betrifft, gehören sie zu den zwar minder, aber doch Bösen und werden folglich totgeschwiegen. Bis aber die Joschka-Fischer-Krankheit auch das Seattle Movement ergreift, erinnert sich kein Medienmensch mehr an Genua, geschweige denn einer der Konsumenten da draußen in Zombieland. C.G., wie tot auch immer, stirbt den zweiten, den medialen Tod. – Who cares? In den US von A führen sie eine Folterdebatte. Who etc. etc. etc. Aber darauf wollte ich eigentlich nicht hinaus.

Zurück zu den Männern des Jahres. Zurück zu dem, was sie bedeuten. Dass diesem Ansinnen – „Bedeutung“ zu betrachten – ein ganz bestimmtes, will sagen mythologisches Weltverständnis vorangeht, in dessen Bahnen zwar die meisten denken, ohne diesen Umstand aber anders als bestenfalls implikationsfrei zu bemerken, sollte sich verstehen. Hier sei die Rede von Bewusstseins- (vulgo Medien-)Phänomenen, von „Mythen“, nicht von „richtigen Menschen“: In den Köpfen, zumal in den Herzerln, ist Osama ebenso wirklich wie Harry Potter, der Einsturz der (babylonischen) Zwillingstürme von ebensolcher Bedeutung wie der geheime Durchgang zum Bahnsteig 9 3/4.

Wenn ich also von Bedeutung rede, dann nicht im Sinne der Relevanz, die eine Sache für die Handlungen des Menschen gewinnt, der solche wahrnimmt. Der nämlich hat gelernt einer Klasse von Phänomenen, die ihm in Kopf und Herz gehämmert wurden, den Status von „Wirklichkeit“ zuzuerkennen, einer anderen Klasse jedoch den Status von „Fiktion“. An den Bewertungen der „Wirklichkeit“ orientiert sich ausschließlich sein Handeln und deswegen klafft zwischen seinem sozialisierten Sein nach außen und den Gefechten der Sozialisierung, die sich in seinem Inneren abspielen, eine Lücke: Denn an dem letzteren, an dem Gefecht, das die Gestalten der zivilisatorischen Mythologie gegen das Unzähmbare wilde Tier Mensch in demselben führen, ist sowohl der Olymp der „Wirklichkeit“ (Bush, Bin Laden, Vera, Schüssel, Franzobel etc.) als auch das Pandämonium der „Fiktion“ (Mickey Mouse, The Crow, Harry Potter, Hannibal Lector etc.) beteiligt, und zwar gleichberechtigt, in genau dem Sinne, in dem der etwas verstaubte Jung’sche Begriff des „Kulturziels“ verstanden sein will.

Wenn nun aber der Sieg der Sozialisierung errungen und dem Selbstbild des Menschen sein Platz angewiesen ist, sieht er sich plötzlich gezwungen, seinen „realen“ Handlungen - im Gegensatz zu den genau markierten und schleusenhaft verriegelten Momenten der „Besinnung“ bzw. Romantik und was dergleichen Vokabeln sonst noch existieren - nur erstere Klasse von Erfahrungen zugrunde zu legen. Hundertprozentig kann das nie gelingen, die verbleibenden „irrationalen“ Elemente nennt man dann Privatreligion oder so, aber der Konsens jenseits individueller Macken besteht darin, in einer Wirklichkeit zu agieren, in der Osama Bin Laden böse, die Deutsche Bank hochdotiert und die Miete pünktlich zu bezahlen ist, im Gegensatz zu jener Welt, über deren Himmel Harry Potters Besen seine Kreise zieht.

So weit, so normal

 

Nun trifft es sich aber, dass der Transport von Moralbegriffen und imaginierbaren Räumen des unentfremdeten Menschseins (diese beiden in einem Atemzug zu erwähnen, schmerzt, aber hier - und nur hier - gehören sie offenbar zusammen) seit einiger Zeit nur noch über die „Fiktion“ geschieht. Dort, wo etwas anderes versucht wird, etwa die Königshäuser, Filmstars und Bands in den Frauen- und Jugendzeitschriften darzustellen, wird nur die Grenze verwischt und den „realen Menschen“ ein Beigeschmack von Fiktionalität verpasst.

Fazit: Ohne die andere Welt, wo Rauschebart Jehova einstens hauste, geht’s noch immer nicht. Ohne moral- und hoffnungsstiftende Geschichten (eben Mythen) aus jener Sphäre weigern sich zivilisatorische Gebilde nach wie vor zu einem Gegenstand von Konsens zu gerinnen. (Das Bild ist nicht ganz präzise: Vor Augen steht mir Verdickung, wie etwa die von Scheiße im Dickdarm.) Und ohne einen solchen Konsens - so der Metakonsens - beginnen wir wieder damit, einander im Streit um das gemeinsam erlegte Mittagessen mit Keulen zu erschlagen. Oder etwa nicht? Nein? Na dann ... Warum lassen wir dann zu, dass im Geiste dieses Konsens - genauer: im Geiste des speziellen Mythos, der gerade zum dominierenden Konsensstifter wird - unschuldige Menschen bombardiert und wohlerworbene Bürgerrechte ausgehöhlt werden?

Worauf wollte ich hinaus?

 

Worauf ich eigentlich hinaus wollte, war, ganz unpolitisch, die Faszination, die von folgender Tatsache ausgeht: 2001 wurde uns tatsächlich, und vollkommen unbemerkt, in genau jener Weise zur Schwelle, die die Zukunftspropheten hüben und drüben im Sinne hatten.

Etwas - mythologisch ebenso sehr wie „real“ - hat begonnen. Babylon ist gefallen. Die Gesellschaft - gemeint ist die „westliche“ - ist polarisiert. Vor zwanzig, vielleicht sogar noch vor zehn Jahren wäre die Agenturmeldung, die führenden Staats- und Wirtschaftschefs hätten ihr großes Treffen aus Angst vor Ausschreitungen auf ein Schiff (!) verlegt etc. etc., bestenfalls als Teil einer Anti-Utopie oder eines reißerischen SciFi-Films durchgegangen. Die Folie eines solchen Gedankens hätte eine Welt gebildet, in der man z.B. in Raumschiff-Enterprise-Pyjamas herumläuft. Nix da. Der Mythos von einst - ebenso wie unser Osama ein Negativmythos, der seine Macht aus der Notwendigkeit seiner Abwehr schöpft - ist ganz und gar Teil einer sehr zivilen, sehr „normalen“ Wirklichkeit geworden, in der sich ein Besucher von, sagen wir, 1960 durchaus passabel zurechtgefunden hätte.

Über die Schwelle

 

Warum das Überschreiten der Schwelle unbemerkt geblieben ist? - Nehmen wir Harry Potter als Beispiel für einen konstituiven Positivmythos, also ein Fragment der Wirklichkeit da draußen, das die selbe Haupteigenschaft wie Osama bin Laden besitzt - seine Präsenz in allen, wirklich ALLEN Medien -, im Gegensatz zu diesem jedoch „gut“ ist: Voraussetzung für sein Verständnis ist, dass der Rezipient eine andere Welt annimmt. Ob er dabei wirklich an eine Zaubererwelt denkt, klug vor Muggelaugen verborgen, oder ob er sich an der „Phantasie“ ergötzt, die „in jedem Menschen schlummert“ und „in die er vor der Alltagsunbill flüchten kann“, ist wurscht. Aus jener anderen Sphäre, der Alltagswirklichkeit und -wahrheit (nota bene!) enthoben, kommt sowohl das Böse wie das Gute, an dem wir uns orientieren.

Und wir nun - oder zumindest die überwältigende Mehrheit - haben zugelassen, dass dieses Gute in seiner Vermittlung Hollywood als Geschichten-Großverteilerstation gehört bzw. dem schnöden Mammon in irgendeinem anderen Sinne. Das Sensorium dieses Verteilers für die Notwendigkeit eines bestimmten Mythos zu einem bestimmten Zeitpunkt ist gut genug, dass es dem Normalverbraucher in seinem seelischen Haushalt an nichts mangelt.

Harry Potter hat, das ist das Kernstück seiner Geschichte, als Baby und auf magische Weise aufgrund der Opferbereitschaft seiner Mutter, über das absolut Böse triumphiert, hat seinen Bann gebrochen. (C. G. Jung müsste in schieres Jubilieren ausbrechen angesichts der archetypischen Qualität eines solchen Plots.) Nun steht er zwischen zwei Welten als einer, der Halt nur in der Gabe findet, die seine letzte Verbindung zu seinen toten Eltern bildet. Und in solch einem Schwellenzustand stehend, triumphiert er über alles, was unvermutet über ihn hereinbricht, kraft seiner Bereitschaft Regeln und Autoritätsstrukturen zu hinterfragen. Natürlich spricht so etwas die Mehrheit an. Man müsste sich sorgen, wäre dem nicht so. Aber auf dem Umweg über das Geld ist eben dieser Traum vom Reich der neuen, der „menschlichen“ Ordnung der Dinge - menschlich, weil sie sich nicht perpetuiert, um Machtstrukturen zu erhalten, sondern stattdessen biegsam ist im Sinne der ihr Unterworfenen - jenen Institutionen überantwortet worden, die an einer Perpetuierung der geistigen Befindlichkeit des Menschen (id est Dummheit, Leichtgläubigkeit, Gehorsam) am meisten Interesse haben dürften: Jene, die nur durch sie ihr (vieles) Geld verdient. Die Unterhaltungsindustrie.

Wir haben unsere Herzen und Köpfe mit fiktionalen Triumphen über ein fiktional Böses gefüllt. Das scheint zu reichen. Zumindest solange, bis wir zur Rezeption der „echten Wirklichkeit“ untauglich geworden sind. Dann holen uns die unerledigten Mythen der Voraufklärung ein. Schafsgeblök am Morgen Armageddons.

Wie gesagt: 2001. Ein Jahr wie das Treatment zu einem überbudgetierten Achternbusch-Film