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big brother hinter glas

herwig g. höller | big brother hinter glas

Anmerkungen zu heftigen Wiederholungen und zu Schwarzmalereien

Die Reaktionen waren wieder einmal heftig. Wieder einmal, da es bereits zuvor unverwechselbar ähnliche Reaktionen in einer Reihe von Ländern gegeben hatte. Wobei die Wiederholung dieser konkreten Geschichte ausnahmsweise dennoch nicht als Farce durchgeht, zumal das inkriminierte Fernsehformat bislang eigentlich immer nur national rezipiert wurde. Und selbst in EU- bzw. neuerdings auch in Euro-Europa fehlt ein transnationaler Medienraum, der eine internationale Rezeption derartiger Phänomene erlauben würde. Deshalb wird nach wie vor entsprechend dem Vorbild nationaler Sportberichterstattung vorrangig über PappenheimerInnen der eigenen Nation berichtet. Die Rede ist von InsassInnen aus Loft Story, Taxi Orange, Grande Fratello, Gran Hermano, den zahlreichen Big Brothers in anglophonen und -philen Ländern und zuletzt des russischen Za steklo und die heftigen Reaktionen auf diese neoliberalen Sit-Ins des Reality-Fernsehzeitalters.

Endemol is watching TV6
Obwohl Za steklo („Hinter Glas“), dessen erste Staffel im Moskauer Privatsender TV6 im Dezember 2001 zu Ende ging, zweifelsohne stark an das Endemol'sche Big Brother erinnerte, fallen zugleich auch einige Besonderheiten auf, die lokalen Kontexten zuzuordnen sind. So erfuhr Hinter Glas zumindest kurzfristig unerwartet viel Aufmerksamkeit in westlichen Medien, was im gegebenen Fall ebenso dem holländischen Reality-Giganten zu verdanken ist, allerdings eher ungewollt. Während der Konkurrenzsender NTV Medienberichten zufolge mit Endemol in Verhandlungen über russkij Big Brother stand, wofür kolportierte 20 Millionen Dollar Lizenzgebühren gen Westen geflossen wären, brachte der private Konkurrenzsender TV6 - ohne an die Bezahlung etwaiger Lizenzgebühren zu denken - Hinter Glas auf die Fernsehapparate und ins Internet.
Endemol kündigte daher, wie auch in Westeuropa berichtet wurde, gerichtliche Schritte an und warf TV6 vor, Urheberrechte verletzt zu haben. TV6 und der offensichtlich aus zivilrechtlichen Sicherheitsgründen anonym gebliebene Regisseur der Sendung erklärten hierauf, dass keinesfalls von urheberrechtlichen Verletzungen die Rede sein könne, denn einerseits sei dem Regisseur die Idee zu Hinter Glas bereits vor 12 Jahren bei der Lektüre von Evgenij Zamjatins My („Wir“) gekommen, andererseits könne es für dokumentarisches Filmen keinerlei Urheberrecht geben, denn dies sei ein allgemein bekanntes Verfahren.

Kulturgeschichtsschreibung
Der Verweis auf Evgenij Zamjatins anti-utopischen Roman My, in dem Menschen einer totalitären Gesellschaft hinter Mauern aus Glas leben - als Antwort auf den Orwell'schen Big Brother - ist in mehrfacher Hinsicht von Interesse.
Es ist auch in russischen Kulturgeschichtsschreibungen nicht unüblich, Werke der eigenen Kultur, aber auch wissenschaftliche Errungenschaften bzw. technische Erfindungen grundsätzlich als Originale und Vorläufer entsprechender westlicher Entwicklungen darzustellen und eigenständige alternative Kultur- bzw. Wissenschaftsgeschichten zu formulieren. Allenfalls war My, 1920 verfasst und 1924 erstmals in französischer, englischer und tschechischer Übersetzung erschienen, unbestritten einer der ersten anti-utopischen Romane des zwanzigsten Jahrhunderts.
Im konkreten Fall - was das Dreierverhältnis zwischen Zamjatins My (1920), Orwells Nineteen Eighty-Four (1949) und Endemols Big Brother (1999-) betrifft - erweist sich die Sache als relativ komplex. Denn vielleicht hat ja Orwell bei Zamjatin abgekupfert, Endemol möglicherweise bei Orwell. Denn warum begannen die Big Brother-Sendungen im Herbst 1999 erst kurz vor dem Auslaufen des urheberrechtlichen Schutzes der Werke Eric Blairs gemäß der Berner Konvention, 50 Jahre nach dem Tod des Autors am 21. Jänner 2000? Und hätte Endemol eigentlich noch von Orwells Rechtsnachfolgern verklagt werden können?

Orwell als Plagiator?
Dass sich Orwell zumindest für Zamjatins My interessierte, ist hingegen klar. Bernard Crick schreibt in seiner Orwell-Biographie, dass dieser sich brennend für My interessierte und dass sich der Literaturexperte Gleb Struve auch die Mühe machte, eine französische Übersetzung für ihn aufzutreiben. Diese sei für Orwells Mühle zwar Wasser, doch nicht das Korn oder der Mühlstein gewesen. Und polemische Behauptungen etwa von Isaac Deutscher, Orwell hätte Hauptelemente von Nineteen Eighty-Four bei Zamjatin entlehnt, seien schlüssig widerlegt worden. Meint zumindest ein zweifelsohne nicht unvoreingenommener Orwell-Biograph. Doch zurück zu Za steklo. Der wohl wichtigste Unterschied zwischen Za steklo und seinen Brüdern und Schwester im Geiste Endemols war unbestritten die Möglichkeit für die interessierte Öffentlichkeit, sich ein eigenes nichtmediales Bild der InsassInnen vor Ort zu machen. Eine Gelegenheit, die sich auch der Autor dieser Zeilen nicht entgehen ließ und am Tag des Finales zur Beobachtung der Beobachteten und auch der BeobachterInnen zum Nordflügel des Rossija-Hotelkomplexes pilgerte.

Pilger an der 4. Wand
Trotz eines leichten Schneesturms war die Länge der Schlange größtenteils sehr junger Wartender beträchtlich. Ein junger Bursche wollte sich vordrängen, wofür es von einem zur Bewachung des Eingangs abgestellten Polizisten einen Magenstrudel setzte und mit der Verspaukung aus dem Areal endete. Anschließend wurden Gruppen von etwa 50 Menschen in den Vorraum von „Hinterglasien“ („zastekol'e“) vorgelassen bzw. à la Schlachtvieh hinein- und weitergetrieben; an guten Tagen besuchten an die 30.000 den Reality-TV-Ort unweit des Kremls. Durch eine vierte Wand - aus vergittertem Glas - konnte dann ein kurzer Blick auf die InsassInnen geworfen werden, wobei die vom Autor dieser Zeilen beobachtete Szene höchstgradig inszeniert wirkte. Und im Hintergrund tönten noch die permanten Aufforderungen des Wachpersonals: „Wir gehen weiter, weiter gemma!“

Das letzte Fleischlaberl
Abschließend eine Notiz zu den heftigen Reaktionen und Kritiken, die vor allem moralische Gründe benannten. Im deutlichen Unterschied zu westeuropäischen Diskursen blieben Diskussionen bezüglich der ökonomischen Komponenten derartiger Fernsehformate weitgehend aus. Ein Einschätzung, die bezogen auf das weitere Schicksal von TV6 auch nicht verwundert. Denn trotz des großen wirtschaftlichen Gewinns durch die Sendung, die TV6 2001 erstmals deutlich schwarze Zahlen schreiben ließ, verlor der Sender im Jänner 2002 seine Sendelizenz. Mit dem Ziel, einen Putin-kritischen Medienmagnaten zu schädigen, hatte ein regierungsnaher Minderheitsaktionär gerichtlich die ökonomisch gänzlich konterproduktive Liquidierung der TV6-Muttergesellschaft und die Abschaltung von TV6 durchgesetzt, da der Sender in den Jahren vor Hinter Glas Verluste gemacht hatte. Übrigens, zum Zeitpunkt des Einsetzens der TV6-Sendepause lief bereits die zweite Staffel von Hinter Glas, Untertitel Das letzte Fleischlaberl. BewohnerInnen eines neuen „Hinterglasien“ eröffnen ein Fastfood-Restaurant. Aber neoliberales Neounternehmertum wird nun deutlich schwerer fallen. Mit dem Wegfall von TV6 ist man nur noch auf einem marginalen Fernsehsender in Moskau und auf der Webseite bzw. unmittelbar vor Ort präsent.